Europäisches Festival für Junge Regie "Fast Forward" in Dresden: Junges Theater stellt Gesellschaftsfragen

Das Europäische Festival für Junge Regie "Fast Forward" 2021 am Staatsschauspiel Dresden zeigt internationale Neuentdeckungen. Die aktuellen Inszenierungen behandeln Themen wie Gleichberechtigung, Gerechtigkeit und Identität, wobei sich die jungen Regisseurinnen und Regisseure fragen: "Warum mache ich eigentlich Theater?" Das Programm findet live und online statt.

Festival "Fast Forward"
Beim Theaterfestival "Fast Forward" werden Stücke aus ganz Europa gezeigt Bildrechte: Staatsschauspiel Leipzig

Der junge Regisseur Wiktor Bagiński ist als person of color ohne Vater in Polen aufgewachsen, er hat ihn auch nie kennengelernt. In "Serce" (Herz), dem Eröffnungsstück des Festivals "Fast Forward" in Dresden teilt er seine Erfahrungen von Verlust und Ablehnung und überrascht mit einem weißen Ensemble, das diese finstere Geschichte erzählt.

Festival "Fast Forward"
Regisseur Wiktor Bagiński Bildrechte: Staatsschauspiel Leipzig

"Serce" war Bagińskis Debüt am TR Warszawa und der Abschluss seines Studiums an der Theaterakademie Krakau. Jetzt kommt das preisgekrönte Stück, das sich einem der zentralen Themen unserer Gegenwart widmet, im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden zur Aufführung. Zeitgleich ist es online im Live-Stream mit deutschen und englischen Untertitel zu sehen.

Junger Theaterstoff: Gleichberechtigung, Gerechtigkeit, Ausgrenzung

"Ich weiß nicht, ob die Pandemie das verstärkt hat", sagt Kuratorin Charlotte Orti von Havranek, "aber ich erlebe, dass viele junge Theaterleute sich heute die Frage stellen, warum mache ich eigentlich Theater?" Und auf der Suche nach Antworten stehen Themen und Geschichten mit gesellschaftlicher und sozialer Relevanz klar im Vordergrund. "Der Theaternachwuchs in Europa sucht den Weg zum Publikum", bemerkt die Kuratorin, und zwar mit Stoffen, die wie bei Wiktor Bagińskis "Serce" Fragen der Gerechtigkeit und Gleichberechtigung behandeln.

"Auch Identität spielt immer wieder eine Rolle", sagt Kuratorin Charlotte Orti von Havranek und betont: "Aber nicht als Selbstzweck, nicht als Selbstverwirklichung!“ Zum Beispiel die türkische Produktion "Ama" (Aber) von Nadir Sönmez, der in Istanbul ein französisches Abitur absolvierte und nach dem Studium in Paris in Film- und Theaterproduktionen beider Länder spielte, ist eine Reaktion auf die MeToo-Debatte in der Türkei.

Fast Forward – ein europäisches Festival für Entdeckungen 

Im deutschen Beitrag "R-Faktor. Das Unfassbare" von Ayşe Güvendirens geht es um Rollen- und Machtverhältnisse, auch um Sex und individuelle Bedürfnisse und letztlich immer wieder um Gleichberechtigung, um den R-Faktor, also Rassismus im Kulturbetrieb.

Festival "Fast Forward"
Szene aus dem Theaterstück "Ravachol" Bildrechte: Staatsschauspiel Leipzig

Und die belgische Produktion "Ravachol" von Axel Cornil erzählt vom chaotischen Weg eines französischen Anarchisten und dessen Positionen gegen soziale Ungerechtigkeiten. Cornils vierköpfiges Ensemble spielt dabei 15 Charaktere in 22 Szenen als szenische Lesung und im Live-Stream mit englischen und deutschen Übertiteln.

Hybrid: Live und digital

"Im letzten Festivaljahrgang kam der Lockdown und viele analoge Produktionen konnten wir nicht mehr zeigen", erklärt Charlotte Orti von Havranek die Programmstruktur für 2021, die hybrid, online und als theatraler Stadtspaziergang stattfindet.

Vier aktuelle Inszenierungen junger europäischer Künstlerinnen und Künstler aus Polen, der Türkei, Großbritannien und Belgien kommen als Präsenzveranstaltungen nach Dresden und werden im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden und in Hellerau gezeigt. Und gleichzeitig über eine Website im Live-Stream. Vier weitere Produktionen aus Frankreich, Deutschland, Griechenland und Österreich sind Online-Inszenierungen und im Live-Stream zu sehen.

Das Rahmenprogramm aus Kurzfilmen, Diskussionen, Einführungen, Gesprächen lädt – ebenfalls online – auch zu Partys ein. Eine Festivalakademie erwartet Studierende aus ganz Europa. Fast Forward macht den europäischen Nachwuchs trotz Pandemie sichtbar, freut sich Charlotte Orti von Havranek im zweiten Corona-Jahrgang. "Egal was diesmal passiert, Fast Forward findet statt."

Infos Für Veranstaltungen vor Ort gilt die 2G-Regel, die einen Nachweis zur Impfung oder Genesung voraussetzt.

Alle Veranstaltungen finden tatsächlich zu den angekündigten Zeiten statt. Der digitale Nacheinlass ist jederzeit möglich. Es gibt keine Wiederholung der Streams und kein Programm-Archiv.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. November 2021 | 17:10 Uhr

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