Theaterauszeichnung "Faust"-Preise 2022 für Eidin Jalali am Schauspiel Leipzig und die Oper Halle

Menschen bei einer Preisverleihung auf einer Theaterbühne
Die Preisverleihung fand am Samstagabend in Düsseldorf statt. Bildrechte: Markus Nass

Für seine Darstellung in "Die Leiden des jungen Azzlack" am Schauspiel Leipzig wurde Eidin Jalali am Samstagabend mit dem Deutschen Theaterpreis "Der Faust" ausgezeichnet. Der Schauspieler gewann den Preis in der Kategorie "Darsteller*in Theater für junges Publikum". Jalali, geboren 1992 in Teheran und aufgewachsen in Wien, war in den Spielzeiten 2020/21 und 2021/22 festes Ensemblemitglied am Schauspiel Leipzig.

Kritik an Zurückhaltung zu Protesten im Iran

Seine Rede bei der Preisverleihung in Düsseldorf nutzte er, um die westliche Zurückhaltung zu den aktuellen Protesten und den Femiziden im Iran zu kritisieren. Er forderte von den Theatern, Haltung zu zeigen. Der Schauspieler sagte auf der Bühne: "Jetzt muss ich mal die Frage aufwerfen: Wie können wir diese ganze Scheiße hier durchziehen mit gutem Gewissen, wenn wir im entscheidenden Moment den Arsch nicht hochkriegen? Was nützen unsere Solidaritätsbekundungen, wenn sie nicht in ein aktives und konkretes Vorgehen der Politik münden? Auf große Worte auf der Bühne müssen große Taten folgen!" Jalalis eindeutige Worte stießen im Publikum auf viel Beifall, auch wenn sie den Moderator des Abends, André Kaczmarczyk, zunächst etwas aus dem Konzept zu bringen schienen.

Eidin Jalalis Dankesrede im Wortlaut

"Am 16. September begann im Iran nach der Ermordung von Jina Mahsa Amini durch die sogenannte Sittenpolizei eine Welle von Protesten gegen das islamische Regime. Diese Proteste entwickelten sich in kürzester Zeit zu einem revolutionären Aufstand, der vor allem von jungen Frauen angeführt wird. Der iranische Machtapparat antwortet seither mit dem Einsatz von Kriegswaffen gegen unbewaffnete Zivilist*Innen und drosselt oder sperrt dabei regelmäßig das Internet. Bisher wurden laut diversen Menschenrechtsorganisationen mindestens 400 Menschen getötet, darunter über 60 Kinder. Dazu kommen mindestens 18.000 Gefangene, zahlreiche Todesurteile sowie Vergewaltigungen und Missbrauch in den Foltergefängnissen der islamischen Republik. In den letzten Tagen wird vor allem in den kurdischen Provinzen ein Massaker nach dem nächsten verübt, an Menschen, die für ihre Grundrechte auf die Straße gehen – für dieselben Werte, die hierzulande schamloserweise oft als westliche Werte bezeichnet werden; für dieselben feministischen Werte, mit denen wir uns am Theater in den letzten Jahren so gerne schmücken, wenn wir etwas Stücke spielen, die neue Sichtweisen auf veraltete Geschlechterrollen eröffnen. Aber jetzt muss ich mal hier die Frage aufwerfen, liebe Kolleginnen und Kollegen:

Wie können wir diese ganze Scheiße eigentlich durchziehen, mit gutem Gewissen, wenn wir dann im entscheidenden Moment den Arsch nicht hoch kriegen? (Applaus) Was nützen unsere Solidaritätsbekundungen, wenn sie nicht in einen aktives und konkretes Vorgehen der Politik münden? Ich finde, auf unsere großen Worte auf der Bühne müssen jetzt große Taten folgen!

Das Ding ist: Wir sprechen hier von einem historischen Ereignis. Es ist die erste von Frauen angeführte feministische Revolution in der Geschichte der Menschheit; und sie hat den Kampf aufgenommen gegen eine der repressivsten Diktaturen der Welt; und wir stehen jetzt vor der Wahl, uns entweder weiterhin mit unserer kritischen Kunst hier in den Theaterhäusern zu verstecken und somit zuzusehen, dass Menschen, die für unsere Grundsätze auf die Straße gehen, erschossen werden, oder wir trauen uns endlich einmal aus unserer kleinen Bubble hier raus, nutzen schon den Abend heute, um uns zu vernetzen und dazu abzusprechen; mobilisieren unsere gemeinsamen Kräfte und Ressourcen und organisieren deutschlandweit, kreative, medienwirksame Protestaktionen in Solidarität mit unseren iranischen Kolleg*innen und allen anderen Demonstrierenden im Iran, um mehr Druck auf die deutschen Medien und Politiker:innen auszuüben, damit diese feministische Revolution nicht nur im Iran und in Kurdistan weiterlebt, sondern hoffentlich vielleicht schon bald die gesamte Welt erfasst. (Applaus) In diesem Sinne: Frau, Leben, Freiheit – Jin, Jiyan, Azadî!"

Der Schauspieler Eidin Jalali steht bei der 17. Verleihung des Deutschen Theaterpreises «Der Faust 2022» im Düsseldorfer Schauspielhauses mit dem Preis in der Kategorie "Beste Darsteller:in Theater für junges Publikum" auf der Bühne.
Eidin Jalali beendete seine Rede beim Theaterpreis "Faust" mit dem Worten: "Frau, Leben, Freiheit – Jin, Jiyan, Azadî!" Bildrechte: dpa

Perspektivpreis für Oper Halle

Der Perspektivpreis der Länder ging an die Oper Halle mit der Inszenierung "Manru" und ihrem politisch-interdisziplinären Rahmenprogramm. Intendant Walter Sutcliffe sagte anlässlich der Auszeichnung, Halle habe eine unglaublich lebendige, sprudelnde, diverse Gesellschaft mit vielen unterschiedlichen Milieus und Kulturen. "Wir wollen sie alle in der Oper haben. Darum spielen wir Stücke, die wir für relevant halten, die uns wichtige Geschichten erzählen wie 'Manru'".

Insgesamt wurde der zum 17. Mal verliehene Theaterpreis "Der Faust" in 13 Kategorien vergeben. Zu den weiteren Preisträger*innen gehörten unter anderem Lina Beckman (Darsteller*in Schauspiel), Florian Lutz (Inszenierung Musiktheater) und Marlis Petersen (Darsteller*in Musitheater). Mit dem Preis für das Lebenswerk wurde Achim Freyer geehrt. Die Laudatio auf den Ehrenpreisträger hielt die Theaterintendantin und Dramaturgin Nele Hertling.

Die Preisträgerinnen und Preisträger wurden von einer von der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste benannten siebenköpfigen Jury gekürt. Über den Perspektivpreis der Länder hat eine eigens dafür eingesetzte Jury entschieden. Der Deutsche Bühnenverein veranstaltet den Deutschen Theaterpreis mit der Kulturstiftung der Länder, der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste, dem NRW-Kulturministerium und der Landeshauptstadt Düsseldorf.

Quelle: Deutscher Bühnenverein, kna, Stefan Petraschewsky / redaktionelle Bearbeitung: Cornelia Winkler

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. November 2022 | 07:10 Uhr

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