Nominierung Warum der Theaterpreis "Faust" eine neue Sparte hat – und die Oper Halle auf einen Preis hoffen kann

Der diesjährige Theaterpreis "Faust" könnte auch an die Oper Halle gehen. Dort freut man sich über die Nominierung. In der neuen Preiskategorie "Ton und Medien" hoffen Librettist und Hauptdarsteller Clemens Meyer, Komponistin Sara Glojnarić und Regisseur Michael von zur Mühlen auf die renommierte Auszeichnung. Und die Chancen stehen nicht schlecht, meint unser Theaterexperte.

Mann als Frau verkleidet in goldfarbenem Kleid mit Mikrofon in der Hand sowie Fernseher und Druckerzeugnissen, die auf die Neunziger Jahre hindeuten sollen. Foto von oben, Blick des Sängers oder der Sängerin nach oben.
Der Schriftsteller Clemens Meyer spielt in der nach seinem gleichnamigen Roman "Im Stein" entstandenen Oper eine weibliche Rolle. Bildrechte: Theater, Oper und Orchester Halle/Martin Mallon

Der Theaterpreis "Faust" hat eine neue Kategorie: "Ton und Medien". Der Deutsche Bühnenverein reagiert mit dieser neuen Kategorie wahrscheinlich auch darauf, dass während der Pandemie in den zahlreichen Theaterstreams im Internet die Bereiche Ton und Medien ein noch größeres Gewicht für das Theater bekommen haben. Allein dadurch, dass die Inszenierung nicht vor Publikum gezeigt werden konnten, also als Video aufgezeichnet werden mussten.

Opernfilm aus Halle

Viele Theater haben daraufhin sogar beschlossen, die Inszenierungen direkt als Film anzulegen. Gerade diese Woche hat das Schauspiel Leipzig seinen Theaterfilm "Widerstand" nach einem Text von Lukas Rietzschel zum ersten Mal vor Publikum gezeigt. So ähnlich war es auch mit der Oper "Im Stein" in Halle – die Inszenierung existiert sozusagen nur als Video, weil Theater während der Pandemie zeitweise eben nicht im Theater, sondern auf dem Bildschirm stattfand.

Zwei Menschen sitzen sich an einem Tisch gegenüber, daneben große Lampen und hinter Stoffvorhängen verschiedene andere Menschen
Das Stück "Widerstand" wurde 2021 am Schauspiel Leipzig von Lukas Rietzschel
inszeniert.
Bildrechte: Schauspiel Leipzig

Dennoch: Theater bleibt Theater, da kann kein Stream mithalten. Bei Enrico Lübbes Theaterfilm "Widerstand" hat man es gesehen: auch der war – obwohl eben ein Film – deutlich wirkungsmächtiger, als er im Leipziger Schauspiel gezeigt wurde. Weil Zuschauer und ihre Reaktionen dazugehören, weil der Ton besser klingt als am Laptop zu Hause, weil zum Theater eben auch der Raum Theater gehört.

Die Pandemie hat letztlich auch gezeigt, dass das Streaming seine Grenzen hat, dass der Einsatz aller theatralen Mittel – inklusive der neuen Medien – auf der Bühne etwas anderes ist.

Video seit Castorf im Dauereinsatz im Theater

Der Hauptgrund für die neue "Faust"-Kategorie dürfte daher sein, dass die Formenvielfalt auf den Bühnen durch den Einsatz von Ton und Medien in den vergangenen Jahren enorm zugenommen hat und zu erwarten ist, dass das auch so bleibt.

Videoprojektion von zwei Männern
Auch in der Castorf-Inszenierung von "Schuld und Sühne" (2005) an der Volksbühne spielte die Videotechnik eine wichtige Rolle. Bildrechte: dpa

Seit in den Inszenierungen Frank Castorfs an der Berliner Volksbühne mit Videos gespielt wurde, ist dieses Mittel mittlerweile im Dauereinsatz. Gefühlt gibt es inzwischen mehr Inszenierungen mit Video-Einsatz als ohne, und nicht selten wirkt er wie eine aufgesetzte Spielerei. Manchmal aber, und darauf zielt der Preis, erweitert und ergänzt sie den Möglichkeiten des Theaters kongenial und lässt durch die neuen Extras "Ton und Medien" ganz neue Formen entstehen.

Live-Film-Theater in Dessau bei "Jurassic Park"

So war es beispielsweise in Dessau bei Klaus Gehres "Jurassic Park". Schon zum zweiten Mal präsentierte Gehre damit sein Live-Film-Theater, in dem er mit zahlreichen Kameras Ausstattungsdetails und Schauspieler so abfilmt, dass auf einer Leinwand daraus die Illusion eines Spielfilms entsteht. Für mich wäre Gehre allemal auch ein Kandidat für einen solchen Preis gewesen.

Mensch in Regenjacke vor einer überdimensionalen Projektion eines Mannes mit großer Brille.
"Jurassic Park" am Anhaltischen Theater Dessau ist nach Steven Spielbergs Verfilmung von Michael Crichtons gleichnamigen Roman entstanden. Bildrechte: Claudia Heysel

Hartmanns Gesamtkunstwerke in Dresden

Es geht allerdings nicht nur um Kameraeinsatz, sondern um Medien allgemein – Projektionen und Licht, Film und auch Malerei durchmischen sich beispielsweise in Sebastian Hartmanns Arbeiten am Staatsschauspiel Dresden mit dem Künstler Tilo Baumgärtel.

Dazu gehört auch ein neuer Umgang mit dem Ton – mit Klangcollagen, mit eigens für Inszenierungen komponierten Musiken, die oft den Charakter eines Abends bestimmen. Bei den Sebastian-Hartmann-Inszenierungen haben wir darüber gesprochen, dass sie Gesamtkunstwerke aus all den genannten Formen und Medien sind, und es ist eine gute Entscheidung, solche Arbeiten in einer eigenen Kategorie zu ehren.

Eine Gesamtheit aus Bühne, Video, Musik und Darstellung

Die Oper "Im Stein" ist ein gutes Beispiel dafür, dass durch den Einsatz von Medien, von Kameras und Film, eine ganz neue Form entstanden ist: einerseits aus dem zugrunde liegenden Text des Autors Clemens Meyer und der dafür von der kroatischen Künstlerin Sara Glojnarić komponierten Musik, die alles andere als klassische Oper ist.

Ein Mann steht vor einer Wand
Der in Halle geborene und in Leipzig lebende Schriftsteller Clemens Meyer ist bei "Im Stein" Librettist und Darsteller. Bildrechte: imago/Future Image

Dann aber auch dadurch, wie Regisseur Michael von zur Mühlen die Szenen abfilmen lässt, sie nach den Tönen und Klängen schneidet, sie sich überlagern lässt. Da wird mit den Mitteln des Films gearbeitet, mit "green screens" neue Hintergründe hinter die Szenen gelegt, so dass es beispielsweise wirkt, als spielte das Ensemble irgendwo draußen auf einem Parkplatz. Auch Nahaufnahmen sind ein Mittel der Wahl – im herkömmlichen Theater gibt es eben nur die Totale. Hier ist das besonders prägnant und wirksam, weil Clemens Meyer selbst mitspielt, verkleidet als Dame, die eine Entertainerin parodiert – eine ziemlich verrückte Sache, die im Theater-Film-Format sehr gut aufgeht.

Gute Gewinn-Chancen für Oper Halle

Die Inszenierung aus Sachsen-Anhalt dürfte durchaus Chancen auf den Preis haben, denn die Jury war der Oper Halle – meint: dem ehemaligen künstlerischen Team um Florian Lutz und Michael von zur Mühlen – bisher stets sehr gewogen. 2017 gab es einen "Faust" für Sebastian Hannack und seine Raumbühne "Heterotopia", und Lutz ist dieses Jahr für eine "Wozzeck"-Inszenierung in Kassel nominiert.

Redaktionelle Bearbeitung: op

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. November 2022 | 10:10 Uhr

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