Märchenoper "Hänsel und Gretel": Theater Gera überzeugt mit Bühnenzauber

Gefühlt alle Menschen, die mit dem Theater Altenburg-Gera zu tun haben, waren begeistert von dieser Ankündigung. Nach gut zwölf Jahren steht die Märchenoper "Hänsel und Gretel" von Engelbert Humperdinck wieder auf dem Spielplan. So verrät es zumindest das Programmheft. Die Neuinszenierung bleibt auch ganz märchenhaft und überrascht immer wieder mit bunten Bildern.

Ein Chor in Regenbogenfarben steht auf einem Podest, davor mehrere weitere Personen in bunten Kleidern.
Die Inszenierung in Gera von "Hänsel und Gretel" überzeugt mit großen Bildern. Bildrechte: Ronny Ristok

Lichtblitze zucken über die Bühne des Geraer Theaters. Auf einen Vorhang wird ein heftiger Regensturm projiziert, hinter dem sich die beiden Kindergestalten von Hänsel und Gretel mühevoll durchkämpfen. Die Blicke der beiden schweifen verzweifelt und suchend durch die Dunkelheit. Die Thüringer Philharmoniker spielen dazu eine aufrüttelnde Sturmmusik: Immer wieder peitscht sich das Orchester in die Höhe und macht das Unwetter regelrecht spürbar. 

Es ist die Stärke dieser Inszenierung von Engelbert Humperdincks "Hänsel und Gretel" am Theater Altenburg-Gera, dass sich das Publikum immer wieder in diesem Bilderwelten verlieren kann. Das Team um Intendant Kay Kuntze konzentriert sich ganz auf das Märchenhafte der Geschichte und bleibt auch dem Libretto sehr treu: In der Küche des ärmlichen Hauses hängt ein Bild vom Ilsenstein – dem sagenumwobenen Felsen im Harz, wo die Oper die Geschichte ansiedelt. Hier hüpfen und tollen Hänsel und Gretel in fellartigen, schlichten Kleidern herum. Ihr Vater kommt mit einem geflochtenem Korb auf dem Rücken und Strohhut dazu und scherzt über das große Loch im Stohdach. Nur die Mutter des Hauses wirkt besorgt in ihrem langen Kleid, das an die bürgerliche Mode des 19. Jahrhunderts erinnert.  

Zwei Frauen in Kleidern stehen von einem kantigen Haus.
Die Geschichte von "Hänsel und Gretel" handelt von Sorgen und Hoffnung. Bildrechte: Ronny Ristok

Märchenhafte Welten in Gera

Die Inszenierung in Gera lebt zu einem großen Teil von dem grandiosen Bühnenzauber: Szenograf und Ausstatter Duncan Hayler hat schöne Bilder geschaffen, die sich durch fast schon magische Kniffe immer wieder verändert. Am Beginn wirkt alles noch seltsam flach: Das Haus nur perspektivisch auf eine Wand gemalt, aber eben nur 2D. Der Regen bleibt eine Projektion und der unheimliche Wald besteht nur aus Stoffbahnen, die vom Bühnenhimmel hängen. Doch dann senken sich die Baumkronen immer weiter herab, sodass ein unheimlicher und surrealer Ort entsteht, der plötzlich greifbar wird.  

Zwei Menschen gehen Hand in Hand über eine blau erleuchtete Bühne.
Fast schon magische Bühnenmomente reihen sich in Gera aneinander. Bildrechte: Ronny Ristok

Hier schlafen die beiden Kinder ein und wachen nach der Pause in einer regenbogenbunten Traumwelt auf. Mit grünen und roten Haaren irren sie weiter und stoßen auf das Heim der Hexe: ein Horrorhaus mit glitzernden Zähnen. Nichts scheint hier recht zusammenzupassen. Die rot leuchtenden Erdbeeren wirken anfangs noch lecker, aber später nur bedrohlich. Und die Hexe selbst wirkt wie ein Mode-Unfall mit einem Zeigefinger, der zum Zauberstab verknöchert ist. 

Musik voller Energie

Die zauberhaften Welten werden vom Ensemble Dank viel Spielfreude mit Leben gefüllt. Joanna Jaworowska und Julia Gromball sind Teil des Opernstudios und hüpfen als Geschwister voller Energie über die Bühne. Ihr Gesang ist hell und klar, also ideal für die liedhaften Momente dieser Märchenoper. Gelegentlich mangelt es den angehenden Profis noch etwas an Lockerheit, die dem der Spieloper verwandten Werk von Humperdinck guttun würde. Doch das ist sicherlich nur eine Frage der Erfahrung. 

Aneinandergelehnt sitzen zwei Sängerinnen auf der dunklen Bühne.
Mitglieder des Opernstudios in Gera überzeugen in den Hauptrollen. Bildrechte: Ronny Ristok

Alexander Voigt spielt die Hexe mit genau der Exaltiertheit, die das Kostüm schon andeutet: Mit weiten Schritten schleicht er über die Bühne, die Hände gestikulieren bedrohlich und er bricht immer wieder in dieses typische Lachen des Bösewichts aus. Leider knarrt und knarzt im Gesang etwas, als sei die Stimme noch nicht warm oder gehe im Spiel einfach unter. Wesentlich konzentrierter sind da Alejandro Làrraga Schieske und Anne Preuß als Eltern. Gerade Letztere legt den Zorn und die Wut einer verzweifelten Mutter in ihre Arie, in der sie die Kinder in den Wald schickt, die wenig später der schamhaften Sorge weicht. 

Weihnachtstheater für die ganze Familie

Begleitet wird das alles vom Philharmonischen Orchester Altenburg-Gera unter ihrem Generalmusikdirektor Ruben Gazarian. In der Ouvertüre gibt es noch einige Startschwierigkeiten. Insgesamt scheinen dem Ensemble die beschwingteren, italienisch anmutenden Passagen mehr zu liegen als die romantischen Stellen à la Wagner, bei denen das Blech doch etwas schleppt. Das wird mit der wunderbaren Sturmmusik zu Beginn des zweiten Bildes und der Arie des Vaters über die Hexe vom Ilsenstein mehr als ausgegleichen, sodass das Ochester insgesamt überzeugen kann. 

Zwei Personen in Regenbogenfarben stehen in Siegespose vor einen Berg.
Im Zentrum der Geraer Inszenierung steht die Hoffnung. Bildrechte: Ronny Ristok

Die Neuproduktion von "Hänsel und Gretel" ist Theater für die ganze Familie. Das Team möchte vor allem die Geschichte erzählen und ein buntes Märchen auf die Bühne bringen – so bleibt die Oper auch zeitlos. Dabei vergisst Regisseur Kay Kuntze auch die psychologischen Elemente nicht, die in der Geschichte schlummern: Viele Elemente aus dem ersten Teil tauchen auch im zweiten Teil wieder auf – als würden die Kinder ihre schwere Situation im Traum verarbeiten. Am Ende steht vor allem die Hoffnung darauf, dass alles gut werden kann. Dieser optimistische Blick in die Zukunft durch die winterliche Dunkelheit passt wunderbar in die Vorweihnachtszeit. 

Weitere Informationen "Hänsel und Gretel" – Märchenoper in drei Akten von Engelbert Humperdinck
Libretto von Adelheid Wette nach dem Märchen der Brüder Grimm

Musikalische Leitung: Ruben Gazarian, Thomas Wicklein
Inszenierung: Kay Kuntze
Ausstattung: Duncan Hayler
Mit: Joanna Jaworowska, Julia Gromball, Anne Preuß, Alexander Voigt und andere

Termine:
16. Dezember, 19.30 Uhr
17. Dezember, 14.30 und 19.30 Uhr
23. Dezember, 18 Uhr
25. Dezember, 16 Uhr

Theater in Thüringen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. November 2022 | 14:10 Uhr

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