"Liebe macht frei" Theater Gera thematisiert Homosexualität in der NS-Zeit

Inspiriert von einer wahren Geschichte aus Altenburg will Manuel Kressin, Schauspieldirektor des Theaters Altenburg-Gera, mit dem neuen Stück "Liebe macht frei" über Homosexualität im Nationalsozialismus informieren. Die Uraufführung ist für den 3. Juni 2022 geplant. Doch weil das Thema so vielfältig ist, findet im Vorfeld, am 29. Mai, auch ein Thementag mit Talkrunden, Musik und einer Ausstellung statt.

Drei Menschen in weißen Kitteln gehen vom KZ Buchenwald weg.
Das Stück "Liebe macht frei" am Theater Altenburg-Gera erzählt vom Rudolf Brazda, einem jungen homosexuellen Mann, der in den 30er-Jahren in Meuselwitz lebte und später ins KZ Buchenwald deportiert wurde. Bildrechte: Ronny Ristok

Meuselwitz ist ein kleines Städtchen im Nordwesten von Altenburg. Dort lebte in den 30er-Jahren Rudolf Brazda: ein junger schwuler Mann, der in den Gasthöfen der Region die berühmte schwarze Tänzerin Josephine Baker imitierte und mit seinem Freund zusammenlebte – ohne ein Geheimnis daraus zu machen.

Doch dieser offene Umgang mit der eigenen Sexualität fand 1935 ein jähes Ende. Brazda wurde Opfer einer regionalen Verfolgungswelle, ermöglicht durch die Verschärfung des Paragrafen 175 durch die Nationalsozialisten. Er kam ins Gefängnis, wurde danach nach Tschechien, die Heimat seiner Eltern abgeschoben. Später wurde er erneut verhaftet und im Anschluss mit dem "Rosa Winkel" ins KZ Buchenwald deportiert.

Geraer Theaterstück zeigt Kaleidoskop schwul-lesbischer Erfahrungen

Erst Jahrzehnte später wurde Brazdas Geschichte bekannt. Manuel Kressin, Schauspieldirektor am Theater Altenburg-Gera, zeichnet sie nun in seinem neuen Stück "Liebe macht frei" nach, das am 3. Juni Uraufführung feiert: "Ich konzentriere mich aber nicht nur auf Brazda, sondern zeichne die Wege von verschiedenen Schwulen und Lesben nach", so Kressin. "Mein Ziel war es, von einem Lebensgefühl zu erzählen, eine Art Blick durchs Kaleidoskop."

Porträtfoto von Manuel Kressin: Ein Mann mit kurzem grauen Haar.
Manuel Kressin, Schauspieldirektor am Theater Altenburg-Gera, erzählt in "Liebe macht frei" von Homophobie im Nationalsozialismus. Bildrechte: Ronny Ristok

Ein Kaleidoskop, das die ganze Bandbreite schwul-lesbischer Erfahrungen im Nationalsozialismus verdeutlichen soll: Kressin erzählt etwa von Menschen, die der faschistischen Ideologie Einiges abgewinnen konnten und kurz nach der Machtergreifung in die SA eintraten. Er erzählt aber auch von Menschen, die in Konzentrationslagern landeten, wo sie Opfer grausamer Menschenversuche wurden. Die Wege der Protagonistinnen und Protagonisten kreuzen sich dabei immer wieder.

"Die gesellschaftliche Stigmatisierung ist nicht vorbei"

Für Kressin und Dramaturgin Sophie Oldenstein war während der Stückentwicklung schnell klar, dass sie das Thema nicht nur im Stück behandeln, sondern den Fokus erweitern wollen. Die Homosexuellenverfolgung während der NS-Zeit habe Spuren hinterlassen, die teilweise bis in die heutige Zeit hinein reichten, so Oldenstein: "Diese Geschichte ist nicht vorbei, und auch die gesellschaftliche Stigmatisierung ist nicht vorbei!" Man sei heute sicherlich an einem anderen Punkt angelangt. Aber es gebe durchaus noch Bereiche, in denen es Karriereabstriche bedeute, sich öffentlich zu outen – deswegen der Thementag.

Porträt von Sophie Oldenstein: EIne Frau mit Brille und schulterlangem Haar.
Sophie Oldenstein ist die Dramaturgin des Stücks "Liebe macht frei", veranstaltet aber auch den Thementag am Theater Altenburg-Gera. Bildrechte: Ronny Ristok

Oldenstein veranstaltet nun etwa eine Podiumsdiskussion, in der Nico Schulte zu Gast sein wird, der als Fußballer in der U19-Liga ein unfreiwilliges Outing erlebte. Parallel dazu geht am Thementag der Blick aber auch immer wieder zurück: zum Beispiel mit einem Konzert zum Stummfilm "Anders als die andern" – 1919 erschienen, der erste Film überhaupt, der sich mit dem Thema Homosexualität auseinandersetzt.

Ein anderer Blick auf Altenburg

Dramaturgin Oldenstein sagt, sie habe viel gelernt bei ihren Recherchen vorab – vor allem viel darüber, wie tolerant die Gesellschaft vor dem Nationalsozialismus tatsächlich gegenüber Schwulen und Lesben gewesen sei – auch in einer Kleinstadt wie Altenburg und deren Umgebung: "Das Theatercafé etwa war früher ein beliebter Homosexuellentreffpunkt. Nach den Recherchen zu Rudolf Brazda gehe ich tatsächlich mit anderen Augen durch die Stadt."

Schwarz-Weiß-Foto: Zwei Männer lehnen sich in einem Wald an einen dünnen Baum.
In einer Ausstellung im Theater Gera werden auch Bilder über das Leben von Homosexuellen in der Weimarer Republik gezeigt. Bildrechte: Thüringer Staatsarchiv Altenburg

Ihre Recherchen hat Oldenstein auch in einer Themenausstellung zu "Liebe macht frei" festgehalten, die ab sofort im Spiegelfoyer des Großen Hauses am Theater Gera zu sehen ist. Im kommenden Jahr soll das komplette Programm in Altenburg wiederholt werden – 90 Jahre, nachdem Rudolf Brazda sein Publikum dort als Josephine Baker ins Schwitzen brachte.

Infos zum Programm des Thementags am 29. Mai

  • 13.30 Uhr: Gespräch zu "Liebe macht frei" mit dem Produktionsteam im Chorsaal Gera
  • 14.30 Uhr: Talkrunde zu "Homosexualität im Nationalsozialismus" mit Dr. Alexander Zinn auf der Bühne am Park Gera
  • 16.30 Uhr: Musikalisches Programm "Lieder vom anderen Ufer" auf der Bühne am Park Gera
  • 17 Uhr: Talkrunde zu "Entwicklungen und Perspektiven der LGBTQI+-Community seit der Abschaffung des Paragraphen 175" mit Charline Köhler, Christian Naumann und Nico Schulte auf der Bühne am Park Gera
  • 19.30 Uhr: "Anders als die Anderen" im Großen Haus Gera

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. Mai 2022 | 07:40 Uhr

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