Weltgeschichte vor der Haustür Wie das Ekhof-Theater in Gotha mit Jahrhunderte alter Technik funktioniert

Das Ekhof-Theater auf Schloss Friedenstein in Gotha gibt es seit Ende des 17. Jahrhunderts. Die alten, hölzernen Theatermechaniken werden noch heute eingesetzt. Warum gerade dieses Theater so lange überdauerte, wie es zu seinem Namen kam und welche Geheimnisse es birgt, erfahren Sie hier.

Gotthold Ephraim Lessing hat ihn spielen sehen: Conrad Ekhof, einen der größten deutschen Schauspieler des 18. Jahrhunderts. Lessing ist mehr als nur begeistert: "Es mag dieser Mann eine Rolle machen, welche er will, man erkennt ihn in der kleinsten noch immer für den ersten Acteur, und bedauert, auch nicht zugleich alle übrigen Rollen von ihm sehen zu können."

Grabstein von Conrad Ekhof auf einer Wise, dahinter ein Bäume und Sträucher
Der Grabstein von Conrad Ekhof Bildrechte: MDR/Stefan Petraschwesky

Die Historikerin Friedegund Freitag verrät mehr über die Theatergröße: "Ekhof war jemand, dem die Natur nicht die schönsten Gaben mitgegeben hatte. Der war ziemlich klein geraten, hatte zu große Füße, runde Schultern, hat sich schlecht gehalten. Aber sobald er auf die Bühne gekommen ist, haben die Zuschauer das vergessen – weil er eine enorme Ausstrahlung hatte, weil er eine tolle Stimme hatte mit einer großen Bandbreite und weil er ungeheuer wandlungsfähig war. Der konnte an einem Abend ein kleines, krankes Hutzelmännchen spielen, am nächsten Abend einen kraftstrotzenden König, man hat es ihm abgenommen."

Jahrhundertealte Technik

Wer heute eine Aufführung im Gothaer Schloss Friedenstein besucht, stößt unweigerlich auf den Namen des einst so herausragenden und heute dennoch vergleichsweise wenig bekannten Mimen. Schließlich betreten die Besucher das Ekhof-Theater. Sie erleben jahrhundertealte Bühnenpraxis live, wie zu Ekhofs Lebzeiten und davor. Dies auch dank einer Bühnenmaschinerie, hochbetagt, aber von beeindruckender Wirkung. Freitag: "Die stammt noch aus der Gründerzeit des Theaters von 1681. Und seitdem musste man das eine oder andere Holzteil oder ein Stückchen Seil ersetzen, aber tatsächlich ist sie aus dem späten siebzehnten Jahrhundert. Und die wird heute immer noch benutzt."

Die Bühne des Ekhof-Theaters
Blick auf die Bühne des Ekhof-Theaters Bildrechte: IMAGO / Belga

Perfekt verzahntes Illusionsgewerk

Diese Technik ermöglicht im Zusammenspiel von Muskelkraft, Seilen, hölzernen Wellbäumen und Umlenkrollen eine rasche Änderung des Bühnenbildes. Das besteht aus drei Teilen. "Aus den Seitenkulissen, aus dem Rückprospekt und aus den Soffitten. Soffitten sind eigentlich nur Textilvorhänge, die oberhalb der Bühne runterhängen. Und damit sich ein völlig neuer Gesamteindruck ergibt, muss jedes Teil zur gleichen Zeit von der Bühne entfernt werden. Also entweder wird es nach oben gezogen oder zur Seite. Und das passiert im wesentlichen unterhalb der Bühne, ein Teil passiert auch an den Seiten der Bühne. Das heißt, auf zwei Ebenen wird an Seilen gezogen und das Bühnenbild setzt sich in Bewegung und ein Kerker wird durch einen Palast ersetzt."

Diese Bühnenbildänderung soll möglichst gleichzeitig vonstatten gehen. Deshalb nimmt das Klingen eines Glöckchens eine gewichtige Rolle ein, erklärt Freitag: "Alle unter der Bühne spitzen die Ohren und alle machen sich gleichzeitig an die Arbeit. Und wenn jeder gleichzeitig kurbelt, funktioniert das hier auch schon synchron. Wenn mal einer über seinen Job eingeschlafen ist oder ein Bierchen trinkt, dann haben wir vielleicht Pech und das Rückprospekt kommt ein bisschen verspätet, das ist natürlich nicht die perfekte Lösung. Also ideal ist es, wenn das dieser nahtlose Übergang ist. Dieser perfekt abgestimmte Übergang vom Kerker in eine Waldlandschaft, ohne dass es irgendwo hakt oder klemmt." 12-15 Leute braucht es, um die Bühnenmaschinerie zu bedienen. Da geht es nicht nur um die Bühnenverwandlung, sondern ebenso um die Erzeugung von Geräuschen wie Wind oder Donner.

Besucher betrachten hölzerne Theater-Exponate in der Dauerausstellung auf Schloss Friedenstein.
In der Dauerausstellung auf Schloss Friedenstein können die Theatermechaniken aus der Nähe betrachtet werden. Bildrechte: Stiftung Schloss Friedenstein Gotha, Foto: Boris Hajduković

Das Theater – realistischer als das Leben

Das Ekhof-Theater zählt zu den ältesten Barocktheatern mit funktionierender Bühnenmaschinerie überhaupt. Es ist Herzog Friedrich I. von Sachsen-Gotha-Altenburg, der sich die Spielstätte gönnt und sie zwischen 1681 und 1683 errichten lässt.

Theaterbegeisterte können sie 2022 in den Sommermonaten Juli und August während des Ekhof-Festivals in Aktion erleben. In den anderen Monaten ruht das Bühnenleben. Das bedeutet aber keineswegs, dass die Anfahrt nicht lohnt, denn es gibt hier auch die gerade erst neu gestalteten Dauerausstellung.

"Die Überarbeitung der Dauerausstellung hier in diesem Raum war absolut zwingend notwendig, weil wir mit dem Ekhof-Theater ein international bedeutsames historisches Theater hier vor Ort in Gotha haben und natürlich Theaterausstellungen immer auch eine Halbwertszeit von ungefähr zehn Jahren haben", so Tobias Pfeifer-Helke, Vorstand der Stiftung Schloss Friedenstein Gotha.

Das Theater von außen.
Das Ekhof-Theater von außen. Bildrechte: MDR/Stefan Petraschwesky

Die Dauerausstellung vermittelt das Wissen alles andere als trocken und animiert zum Mitmachen. Besucher und Besucherinnen dürfen etwa mit Hilfe von Nachbauten historische Special Effects erzeugen. Auch können sie dank virtueller Realität in die Vergangenheit reisen und Conrad Ekhof beim Proben zuschauen.

Das Theater ist viel realistischer als das Leben hat Oscar Wilde gesagt. Das lässt sich in Gotha überprüfen. Ebenso, ob die Bretter der Bühne dort wirklich die Welt bedeuten. Auf jeden Fall kann man auf Schloss Friedenstein Theater auf außergewöhnliche Art und Weise erleben. Kann nachvollziehen, wie erfindungsreich die Bühne schon im 17. Jahrhundert gewesen ist. Das sollte selbst jene anlocken, die sich zu den Theatermuffeln zählen. Für Menschen, die das Theater lieben, ist ein Besuch hier ohnehin ein Muss.

Das Ekhof-Festival 2022 Der Spielplan zum Ekhof-Festival 2022:

"Mandragola"
Schauspiel mit musikalischer Begleitung
Komödie in 5 Akten von Niccolò Machiavelli, (1518)
Eine Inszenierung von Compagnie en Route
Regie: Carola Moritz

Termine:
Fr., 01.07.2022, 19 Uhr
Sa., 02.07.2022, 19 Uhr
Fr., 22.07.2022, 19 Uhr
Sa., 23.07.2022, 19 Uhr
So., 24.07.2022, 15 Uhr
Fr., 05.08.2022, 19 Uhr
Sa., 06.08.2022, 19 Uhr
Fr., 12.08.2022, 19 Uhr
Sa., 13.08.2022, 19 Uhr
Fr., 19.08.2022, 19 Uhr
Sa., 20.08.2022, 19 Uhr
So., 21.08.2022, 15 Uhr

Konzert: Bei Hofe – in Dienst und Gunst
Interpreten: Thüringen Philharmonie Gotha-Eisenach
Sonntag, 03.07.2022, | 15:00 Uhr

Konzert: "Wege zu Mozart"
Interpreten: Marais Consort
Sonntag, 07.08.2022 | 15:00 Uhr

Konzert: "Liebesmuth peitscht mein Blut"
Interpreten: Das Rosentaler Ensemble
Sonntag, 14.08.2022, | 15:00 Uhr

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. Juli 2022 | 16:10 Uhr

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