Interview Mutter oder Künstlerin: Warum eine Schauspielerin aus Jena für ihre Karriere gelogen hat

Eine Frau kann eine gute Mutter und eine gute Künstlerin sein, findet die Jenaer Schauspielerin Pina Bergemann. Am Theaterhaus Jena hat sie nun ihre eigene Geschichte auf die Bühne gebracht hat: ihr Stück "Leaving Carthago" setzt sich mit Mutterschaft auseinander – und wie Mütter in der Berufswelt diskriminiert werden. Bergemann selbst hat für ihre Bewerbungen am Theater im Lebenslauf gelogen. Warum die Schauspielerin ihr Muttersein heute nicht mehr verstecken würde, verrät sie im Interview bei MDR KULTUR.

Leaving Carthago
Am Theaterhaus Jena hat Schauspielerin PIna Bergemann mit "Leaving Carthago" ihre eigene Geschichte auf die Bühne gebracht. Bildrechte: Joachim Dette

MDR KULTUR: "Leaving Carthago" – was steckt eigentlich hinter diesem Titel? Da bin ich noch nicht ganz draus schlau geworden.

Pina Bergemann: Ja, das kann ich total verstehen. Eigentlich müssen Sie da mein Unterbewusstsein fragen. Es ist dazu gekommen, dass ich eben diesen Moment hatte: ich dachte mir, ich will jetzt wieder arbeiten. Ich will hier weg. Ich will diese Mutterschaft, die Elternzeit jetzt hinter mir lassen. Und ich will wieder was für mich machen.

Mein Sohn heißt Hanno, und es gibt einen Seefahrer, der heißt Hanno – Hanno der Seefahrer. Ich habe meinen Sohn nicht nach dem Seefahrer benannt, aber ich wusste, dass es den gibt. Das ist ein zufälliger Namensvetter. Und dann dachte ich mir "Leaving meinen Sohn", "Leaving Hanno", "Leaving Carthago". Weil dieser Seefahrer kam nämlich aus Karthago. Und so kam es zu diesem Titel. Das ist eigentlich auch schon ein versteckter Hinweis auf meine Biografie, auf meinen Sohn, dass ich jetzt von meinem Sohn losgehe und wieder in die Arbeitswelt möchte.

MDR KULTUR: Trägt denn so ein Loch in der Biografie – woraus natürlich ihr Sohn gekommen ist – einen ganzen Theaterabend? Oder worum geht es Ihnen darüber hinaus?

Pina Bergemann: Es ist ja nicht nur dieses Loch, es geht natürlich auch um das größere Gesellschaftsbild. Das Mutterbild, das wir haben in unserer Gesellschaft. Und wie wir, wie die Mutter, wahrgenommen wird, auch im Frausein. Je mehr man sich mit dem Thema beschäftigt, merkt man, man kann ganz viele Themen auch nicht aussparen. Etwa die ganzen reproduktiven Rechte: wer darf überhaupt Mutter sein? Wer darf nicht Mutter sein?

Leaving Carthago
Bei "Leaving Carthago" steht Pina Bergemann nicht alleine auf der Bühne – ein Mütterchor ist immer an ihrer Seite. Bildrechte: Joachim Dette

Wir haben einfach das Mutterschaftsbild in der Gesellschaft generell bearbeitet. Wobei es natürlich schon sehr klar aus meiner Perspektive ist. Ich bin eine weiße, eher privilegierte Frau, Akademikerin, und erzähle aus meiner Perspektive meine Geschichte – und baue da auch Themen wie Abtreibung mit ein.

Szene einer Theateraufführung
In ihrem Stück reflektiert Pina Bergemann den Druck, dem Frauen mit Kindern noch immer ausgesetzt sind.  Bildrechte: Joachim Dette

MDR KULTUR: Das ist aber kein Ein-Frauen-Stück, oder?

Pina Bergemann: Nein, es ist kein Ein-Frauen-Stück. Ich habe einen Chor – einen Chor der Mütter – dabei, in dem ich auch zwei Schauspielerinnen versteckt habe, die sich dann irgendwann vom Chor lösen. Aber es sind sonst tatsächlich Mütter aus Jena, keine Schauspielerinnen, einfach Laien. Das war mir wichtig, dass ich mit meiner Geschichte auch noch andere Geschichten erzähle.

Ich wollte auch nicht alleine auf der Bühne stehen. Ich hatte einfach Lust, eine Anspielpartnerin oder einen Anspielpartner zu haben und dann bin ich auf die Idee gekommen, als eine Art Antagonistin hätte ich gerne einen Mütter-Chor. So beginnt jetzt der Abend, dass ich mit diesem Mütterchor in Diskussion trete – und der das nicht ganz so ok findet, dass ich meine Vita gefälscht habe.

Szene einer Theateraufführung
In "Leaving Carthago" spielen Schauspielerinnen von Theaterhaus an der Seite von Müttern aus Jena. Bildrechte: Joachim Dette

MDR KULTUR: Was erwarten Sie eigentlich? Wird sich durch dieses Stück möglicherweise auch was ändern an der Art, wie in der Kunstszene mit Kindern und Elternzeit umgegangen wird?

Pina Bergemann: Ich hoffe es. Ich bin da natürlich kein Leuchtturm. Ich merke, da gibt es ganz viel: das Thema wird in Theatern, in der Kunst immer mehr bearbeitet. In Mannheim gab es jetzt ein ganz tolle Mutter-Ausstellung zu dem Thema Mutterschaft in der Kunst. Das wurde ja auch ganz lange nicht bearbeitet.

Ich hoffe, dass dieser Abend dazu beiträgt, dass man sagt: ja, man kann auch beides sein. Man kann eine gute Künstlerin sein und eine gute Mutter sein.

Pina Bergemann, Schauspielerin

Marina Abramović zum Beispiel hat gesagt, entweder ist man eine gute Künstlerin oder man ist eine gute Mutter. Beides geht nicht. Ich habe das Gefühl, ich hoffe, dass dieser Abend dazu beiträgt, dass man sagt: ja, man kann auch beides sein. Man kann eine gute Künstlerin sein und eine gute Mutter sein.

Hier am Theater bekommen wir zum Beispiel Bewerbungen von Schauspielerinnen, die das auch offensiver reinschreiben. Da dachte ich mir so: Wow, die ist auf jeden Fall viel weiter als ich. Dass sie schreibt, sie ist Mutter, Elternzeit jetzt gemacht, und jetzt will sie wieder spielen. Das finde ich sehr bewundernswert. Und ich hoffe, dass das immer selbstverständlicher wird, dass man das auch als was Positives sieht. Das ist ja eine Erfahrung, die man macht, die so unglaublich krass ist, dass die eine Bedeutung bekommt auch für die Berufswelt.

Szene einer Theateraufführung
Schauspielerin Pina Bergemann hofft, dass Mutterschaft in der Berufswelt als etwas Positives angesehen wird. Bildrechte: Joachim Dette

Das Interview für MDR KULTUR führte Moderatorin Beatrice Schwartner.

Angaben zum Stück "Leaving Carthago"
von Pina Bergemann und Anna Gschnitzer

Theaterhaus Jena gGmbH
Schillergässchen 1
07745 Jena

Aufführungen:
22.04.2022, 20:00 Uhr
23.04.2022, 20:00 Uhr
27.04.2022, 20:00 Uhr
28.04.2022, 19:00 Uhr
29.04.2022, 19:00 Uhr
30.04.2022, 19:00 Uhr
07.05.2022, 20:00 Uhr

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. April 2022 | 18:10 Uhr

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