Diversität auf der Bühne Wie divers ist das Theaterhaus Jena?

Wie steht es um die Diversität im deutschen Theater? Nach außen hin geben sich Kunst- und Kulturinstitutionen gerne offen und tolerant. So auch das Theaterhaus Jena, dessen Spielplan feministisches Theater und Stücke mit Titeln wie "White Male Privilege" umfasst. Auch das Ensemble ist international besetzt. Ein Blick hinter die Kulissen zeigt: In Sachen Diversität gibt es trotzdem noch viel zu tun.

Theaterhaus Jena, 2016 4 min
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Der Spielplan des Theaterhauses Jena ist durchaus "woke" – aber wie sieht es hinter den Kulissen aus? Mareike Wiemann hat bei der neuen Leiterin Lizzy Timmers nachgefragt.

MDR KULTUR - Das Radio Do 06.01.2022 18:00Uhr 04:13 min

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Im kommenden Sommer wird es am Theaterhaus Jena einige Veränderungen geben: Das Wunderbaum-Ensemble wird die künstlerische Leitung abgeben, die niederländische Schauspielerin und Regisseurin Lizzy Timmers übernimmt. Und so ist Timmers nun damit beschäftigt, neue Leute ans Haus zu holen.

Beim Vorsprechen kürzlich, so erzählt sie, habe sie bewusst nach schwarzen Schauspielerinnen und Schauspielern, People of Colour (PoC), gesucht. Das sei aber gar nicht so einfach gewesen: "Menschen, die sehr gut sind, sind sehr schnell weg. Nach der Ausbildung können sie an großen Häusern wie dem Gorki Theater spielen oder in Bochum arbeiten – an coolen Orten, die sich Mühe geben, PoC zu kriegen."

"Es gibt viele Formen von Diversität"

Lizzy Timmers
Performerin, Schauspielerin und Regisseurin Lizzy Timmers Bildrechte: Felix Adler

Diversität ist das Thema der Stunde, was Stellenbesetzungen angeht. Kleinere Häuser, wie etwa das in Jena, haben da manchmal Schwierigkeiten, mitzuziehen. Insgesamt jedoch, sagt Timmers, träfen am Theaterhaus schon jetzt Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen aufeinander.

Weil viele Schauspielerinnen und Schauspieler nicht mit deutsch als Muttersprache aufgewachsen seien, gehe man etwa sehr viel reflektierter mit dem Thema Sprache und Sprachbarrieren um, sagt Timmers: "Es gibt viele Formen von Diversität. Und da befinden wir uns auf einer richtig guten Stufe, weil wir uns immer mischen. Allerdings brauchen wir auch auf Regiepositionen Menschen mit anderen Biografien. Und da müssen wir noch einen Schritt machen."

Mehr als nur Trendphrase

Welche Geschichten erzählen wir? Wessen Geschichten erzählen wir? Timmers ist überzeugt davon, dass ein Team bunt aufgestellt sein muss, um auch für alle spielen zu können. Jonas Zipf, Chef von JenaKultur und damit politisch verantwortlich fürs Theaterhaus, sieht das ähnlich. Gleichzeitig warnt er – der Begriff "Diversität" dürfe nicht zu einer hohlen Trendphrase verkommen:

"Wir müssen aufpassen, dass wir nicht überziehen. In dem Sinne, dass man das jetzt nur noch 'tokenism'-mäßig, also symbolisch macht. Als 'token' bezeichnet man eine Besetzung eines Schauspielers, einer Schauspielerin, nur um der Diversität willen. Natürlich muss erst einmal die künstlerische Qualität im Vordergrund stehen. Und das bedeutet, dass sich zunächst mal die Ausbildungsinstitutionen verändern müssen."

Struktureller Wandel erforderlich

Wer schafft die Eignungsprüfung an der Schauspielschule? Wer wird für Studiengänge wie Theaterregie zugelassen? Das sind für Zipf die zentralen Fragen, wenn es um Diversität am Theater geht. Aktuell verlasse eine sehr homogene Gruppe die Hochschulen – junge Menschen aus Akademikerfamilien, in denen es keine Geldsorgen gebe:

"Und da muss man gucken, was denn die eigentlichen Exklusionsmarker sind. Ist es jetzt wirklich nur die Qualität des diversen Menschen entlang seiner ethnischen Zugehörigkeit? Oder ist es nicht viel mehr die Frage des Klassismus, nach Einkommens- und Wohlstandsunterschieden?"

Für Zipf gehts bei der Debatte um Diversität am Ende ums Eingemachte. Man müsse sich deswegen Zeit nehmen – die Kindergärten müssten sich ändern, die Schulen, die Hochschulen – und dann, über die Absolventinnen und Absolventen eben auch die Theater. Lizzy Timmers vom Theaterhaus Jena denkt ebenfalls, dass dieser strukturelle Umbau lange dauern wird.

Premiere von "Baby don't hurt me"

Und dennoch versucht sie, hier und da Abkürzungen zu nehmen. Etwa, indem sie bewusst auf Gäste am Haus setzt. Diese arbeiten projektbezogen am Theater – die Hürden, sie anzustellen, sind dafür weniger hoch: "So kann man mit Menschen zusammen arbeiten, die zum Beispiel keine ausgebildeten Darstellerinnen sind. Das kann für Projekte super gut sein, denn sie bringen etwas ganz anderes mit, das überrascht."

Szene aus "Baby don't hurt me"
Anna Schmidt in "Baby don't hurt me" Bildrechte: Joachim Dette

Timmers denkt da etwa an Anna Schmidt. Die 19-jährige Laienschauspielerin mit atypischem Autismus feierte vor einem Monat Premiere in Jena. Ziemlich erfolgreich: die Produktion "Baby don't hurt me" mit ihr als Gast wurde kurz darauf zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. Januar 2022 | 18:20 Uhr

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