Kritik Am Staatsschauspiel Dresden: Shakespeares "König Lear" aus Töchtersicht

Viel Shakespeare gibt es am Staatsschauspiel Dresden: "Wie es euch gefällt" beschäftigt sich mit modernen Geschlechterrollen. "Macbeth" von und mit Christian Friedel überzeugt mit großer Show und zeitlosen Themen. Auch der "König Lear" in der Regie von Lily Sykes wirft einen anderen Blick auf den Klassiker: den der Töchter. Das überzeugt jedoch nicht in Gänze.

Schauspielhaus hell erleuchtet am Abend mit Spiegelung im Wallgraben vom Zwinger, Dresden
Mehrere Stücke von Shakespeare werden aktuell am Dresdner Staatsschauspiel gespielt. Bildrechte: IMAGO / Hanke

Lily Sykes' Stückfassung von Shakespeares "King Lear" will die Perspektive der Töchter einnehmen. So steht es im Programmheft: "Sie blicken zurück auf ihre Geschichte, versuchen eine Bestandsaufnahme und fragen sich, welche Chancen sie eigentlich hatten, die Welt neu zu denken." Das ist eine Idee, die zur Zeit passt – Stichwort: Fridays For Future. Auch hier engagiert sich eine junge Generation gegen die Alten.

"König Lear" als Generationenstück

Bekanntermaßen will König Lear quasi in Rente gehen und das Reich unter seinen drei Töchtern aufteilen. Wer ihn am meisten liebt, bekommt das größte Stück vom Kuchen. Die beiden Erstgeborenen wetteifern darum, dem Vater nach dem Munde zu reden, treten damit in althergebrachte Fußstapfen, während die dritte, die Lieblingstochter von Lear, nicht mitmachen will: Man könne Liebe, Seele, Herz nicht angemessen in Worte fassen.

Szene aus König Lear am Staatsschauspiel Dresden
Lily Sykes' Stückfassung nimmt die Perspektive der Töchter ein. Bildrechte: Sebastian Hoppe

Schon die Vorlage ist also in starker Weise ein Generationenstück über die Frage von Gefallen-Wollen und Anders- beziehungsweise Bessersein. Diese Königshandlung wird noch gespiegelt auf der Ebene der Edelmänner. Es geht da um einen ehelichen und einen unehelichen Sohn. Auf diese Figuren konzentriert sich die Regie und streicht andere Nebenrollen.

Theaterabend mit Schwächen

Das funktioniert erstmal gut. Geht dann aber doch nicht auf. Ganz simpel: Es gibt gar nicht so viel Text, um diesen Konflikt zwischen den Töchtern, beziehungsweise die Sichtweise der Töchter, so in den Vordergrund zu bringen. Deswegen wird Text dazu erfunden, aber das kann nicht überzeugen. Es gibt auch zu viel drumrum, auch Trashmomente, was am Ende nur ablenkt.

Ich hatte auch den Eindruck, dass trotz des zweieinhalbstündigen Spiels über einige Szenen ziemlich hinweggehuscht wird. Dialoge und Beziehungskonstellationen blieben auf der Strecke. Manchmal gab es schöne Momente, wo die Sprache leuchten und Beziehungen mit Gefühl für ein angemessenes Timing ausgespielt werden konnten, zum Beispiel im Dialog zwischen Lear und Gloster.

Eine blonde Frau im blauem Mantel hockt auf dem Bühnenboden. Eine Frau in silbernem Kleid beugt sich von links zu ihr.
Edgar (Marin Blülle), Goneril (Karina Plachetka), Regan (Agnes Mann), Edmund (Matthias Reichwald) und Kent (Philipp Lux) Bildrechte: Sebastian Hoppe

"Junger" Lear in Dresden

Torsten Ranft spielt den Lear. Ein Schauspieler, der noch ein paar Arbeitsjahre vor sich hat. Also nicht der klassische, große Auftritt zum Abschied. Das ist gut so. Dadurch hat man einen kraftvollen, cholerischen Lear auf der Bühne. Torsten Ranft spielt das überzeugend: Das gewohnt Komödiantische bei ihm zusammen mit den Wutausbrüchen haben etwas Bedrohliches, das die Figur braucht, um ernstgenommen zu werden.

Die Regieentscheidung, den Lear "jung" zu besetzen, ist absolut richtig und passt zur gewünschten Perspektive der Töchter. Papa als Demenzkranker und Tattergreis würde es den beiden zu einfach machen. Hannelore Koch spielt den Gloster, der – besser: die – hier als Frau auch Mutter ist. Diese Idee passt ebenfalls, weil dann diese Spiegelgeschichte mehr glänzen kann, poliert um diesen emotionalen Effekt, den die Mutter hinzubringt. Schade, dass diese so klug herausgefeilten Charakterbestimmungen in der Inszenierung dann verloren gehen.

Eine Mann in grünem Mantel steht auch der Bühne. Daneben rafft eine Frau kokett ihr langes silbernes Kleid. Ein Mann in Weiß verbeugt sich.
Torsten Ranft ist eine ungewöhnlich junger König Lear Bildrechte: Sebastian Hoppe

Schauspielerisch gelungen

Jedenfalls: Schauspielerisch ist der Abend gelungen. Agnes Mann, die als Gast im Ensemble agiert, hat mir als zweitälteste Schwester Regan sehr gut gefallen, auch im Zusammenspiel mit der erstgeborenen Tochter Goneril von Karina Plachetka. Ein tolles Duo! Philipp Lux als Kent macht seine Sache auch sehr gut, die beiden Söhne von Gloster, Matthias Reichwald und Marin Blülle, ebenso.

Einziger Wermutstropfen, leider, die letztgeborene Tochter Cordelia, Kriemhild Hamann, die auch den Narren spielt. Das ist mehr als eine Doppelbesetzung. Es ist auch ein Statement, dass die verstoßene Tochter in gewisser Weise weiter dabei bleibt und sich am geliebten Vater – sagen wir – abarbeiten kann, der so merkwürdig tickt. Wenn der Narr dann aber diesen Tick nur nachäfft und wenig andere Mittel zeigt, bleibt gerade diese Shakespeare-Figur unterbelichtet. Sehr schade das!

Lichtregie und Bühnenbild schaffen starke Bilder

Die Bühne ist ein Raum wie ein mit Alufolie ausgeschlagnener riesiger Schuhkarton, in den man Mäuse oder Käfer für ein Experiment hineingesetzt hat. Fensterlos. Dafür Neonlicht. Oben ein Guckloch. Gleichzeitig Belüftung. Wir, die Zuschauer, sehen von der Stirnseite in den Karton hinein. Ein extrem kalt wirkender Raum. Ein Raum ohne Natur. Das merkt man, wenn ein Blumentopf als Versteck ins Spiel kommt mit einer mickrigen Pflanze, hinter der das Verstecken natürlich zur Farce wird. Der Bühnenboden ist eine Wasserlache. Wo Scheinwerferlicht auf das Wasser fällt, entstehen als Projektion Wellen an den Wänden oder auf dem Bühnennebel, der fast immer da ist, wenn der Karton zum Ende hin etwas abhebt und den Blick ins Nirgendwo freigibt. Die Welt bewegt sich. Die Menschen aber nicht mehr. Sie stehen herum. Wie Reiher in Habachtstellung – allein: Der Fisch fehlt.

Ein einer silber verkleideten Raum tanzen mehrere Personen.
Jelena Nagorni hat das Bühnenbild von "König Lear" entworfen. Bildrechte: Sebastian Hoppe

Lichtregie und Bühnenbild schaffen immer wieder neue, starke Bilder. Auch die Kostüme sind sehr phantasievoll: Deuten an, zeigen, wie die Figuren zueinander stehen. Chapeau! – Wenn da nicht die halbgare Regie wäre, die sich nicht konzentrieren will oder kann und vieles kaputtmacht, was so schön überlegt ist.

Mehr Informationen "König Lear" nach William Shakespeare, übersetzt von Miroslava Svolikova


Regie: Lily Sykes
Bühne: Jelena Nagorni
Kostüme: Jelena Miletić
Musik: Arvild J. Baud
Mit: Torsten Ranft, Karina Plachetka, Agnes Mann, Kriemhild Hamann, Hannelore Koch und andere

Temine:
21. September, 19.30 Uhr
8. Oktober, 19.30 Uhr
22. Oktober, 19.30 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. September 2021 | 13:10 Uhr

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