Musiktheaterprojekt Schauspiel Leipzig katapultiert Puccinis "Bohème" in die Gegenwart

Eine warme Mahlzeit und genug Geld für die Miete sind schon bei Puccini ein Luxus für die Künstler-Bohème. Karg, aber irgendwie auch unbeschwert leben Dichter Rodolfo, Maler Marcello, Musiker Schaunard und Philosoph Colline im Paris des 19. Jahrhunderts. Jetzt wird der Opern-Klassiker auf der Theaterbühne am Schauspiel Leipzig neu erzählt. Hausregisseurin Anna-Sophie Mahler recherchierte dafür zusammen mit Autorin Anne Jelena Schulte in der prekären Realität von Künstlerinnen und Künstlern unserer Tage. Fündig geworden sind sie im Klein-Paris, an einem Ort am Rande der gesellschaftlichen Wahrnehmung hinterm Leipziger Hauptbahnhof.

Paulina Bittner, Hubert Wild
Regisseurin Anna-Sophie Mahler und Autorin Anne Jelena Schulte haben am Schauspiel Leipzig eine neue "Bohème" geschaffen. Bildrechte: Rolf Arnold

Am Anfang steht ganz klassisch der Auftritt des Orchesters – allerdings hier reduziert auf Klavier und Cello. Das Cello gibt die Singstimmen der Oper, das Klavier den Rest. Dann beginnt der Abend auch wirklich mit der Ouvertüre. Als nächstes treten die Protagonisten auf: Patrick Isermeyer kriecht aus einem kleinen, lila Iglu-Zelt, erzählt von seiner Schauspielerei. Offenbar war das früher mal. Ist das jetzt Rodolfo, der Poet in Heutzutage?

Gelungener Auftakt der neuen Hausregisseurin unterm Sternenzelt

Dann erscheint Alina-Katharin Heipe, früher Werbebranche, jetzt Mimi. Sie tritt im wattierten, silbernen Kurzmantel an die Rampe, wirft Erdnüsse ins Parkett. Auch das könnte schon wieder eine Überschreibung sein: "Sterntaler", das Märchen der Brüder Grimm über ein armes, heimatloses Mädchen, das ihr letztes Hemd gibt und dafür mit Silbertalern belohnt wird.

"Sterntaler" passt auch wegen der Bühne. Offenbar nicht von dieser Welt, ein anderer Planet. Der Bühnenboden schwarz, eine große Schräge, nach vorne abfallend. Mittig hinten eine Art kleinwagen-großer Meteorit, der im Lauf des Stückes fast unmerkbar nach vorne rutscht und an der Rampe in ein schwarzes Loch fallen könnte. Raumgreifend über allem: ein Sternenhimmel als Rundhorizont wie vom Hubbleteleskop. Eine Meisterleistung der Malerwerkstätten!

Das schwarze Bühnenbild von La Bohème erinnert samt Sternenhimmel an einen anderen Planeten
Die neue Leipziger "La Bohème" spielt auf dem Theater und scheinbar auf einem anderen Planeten. Bildrechte: Rolf Arnold

Klein-Paris: Recherchen in Leipzigs prekärer Künstlerszene fließen ein

Zu Schauspieler und Werbebranche gesellen sich noch eine Malerin, gespielt von Paulina Bittner, die wegen Kopfstimme leider schlecht zu verstehen ist. Außerdem Julius Forster als kubanischer Tänzer, der hierzulande auf dem Weihnachtsmarkt bei Glühwein und Bratwurst irgendwie überwintern muss und Hubertus Wild, eine Art intergalaktischer Countertenor. Damit ist das Künstler-Quartett aus der Original-Oper komplett.

Wer jetzt noch dazukommt, ist Franz, gespielt von Katharina Schmidt, die ihre Figur derb und kräftig zeichnet, sie zum Zentrum auf der Bühne macht, immer einen kantigen Spruch auf den Lippen hat, irgendwas zwischen Philosophie und Politik, sowas wie: "Die Natur kennt keine Absicht. Sie existiert um ihrer selbst Willen!" – oder: "Die Welt braucht keine neuen Zäune. Sie öffnen, das ist die Zukunft!" Aus dem Programmheft, das man diesmal kaufen und lesen sollte, erfährt der Zuschauer, dass die Bühnenhandlung sich aus der Realität gespeist hat. Regisseurin Anna-Sophie Mahler und ihre Autorin Anne Jelena Schulte haben vor Ort in Leipzig nach Künstlern gesucht, die wie bei Puccini in prekären Verhältnissen leben. Gefunden haben sie einen Ort hinter dem Leipziger Hauptbahnhof. Eine Brache hinter Buschwerk und verfallene Baracken. Dort trafen sie Franz an einer Feuertonne sitzend.

Patrick Isermeyer
Patrick Isermeyer mimt Rodolfo, der in der Version am Schauspiel Leipzig süchtig nach Heroin ist. Bildrechte: Rolf Arnold

Auch im Stück ist Franz das Zentrum. "Menschen, deren Kindheiten von Gewalt geprägt waren, Süchtige, Verarmte und Sonderlinge übten unter Franz’ wachem Blick ein Leben, das nicht nur dem Überleben diente, sondern in dem es Platz gab für Freundschaft und Selbstbestimmung", heißt es im Programmheft. Lebenskünstler hier, wo es bei Puccini noch Maler, Musiker, Literat und Philosoph sind.

(K)ein Weihnachtsmärchen für Erwachsene

"Prekär" bekommt plötzlich etwas von Utopie. Auch von Poesie. Wenn Katharina Schmidt als Franz auf der Schauspielbühne steht, unter dem Sternenhimmel mit Lederjacke und Fuchskragen, dann ist immer auch "der kleine Prinz" mit auf der Bühne. Fast ein Weihnachtsmärchen für Erwachsene. Obwohl das vielleicht zu verklärend wäre, angesichts der realen Geschichte, die auch von Flucht und Vertreibung erzählt. Nämlich dann, wenn die Baracken einem Neubaugebiet weichen müssen. Spätestens hier bekommt die Handlung aber auch etwas universales und globales.

Hubert Wild
Hubert Wild singt mit schönster Stimme Mimis letzte Worte. Bildrechte: Rolf Arnold

Aber wenn Hubert Wild als Sänger wie eine Art Königin der Nacht hinter dem Meteorit auftaucht und mit schönster Stimme Mimis letzte Worte singt, die ihre Liebe zu Rudolfo mit dem tiefen, unendlichen Meer vergleicht, sind wir wieder im Märchen zurück. Letzte Töne. Applaus. Unerwartet dann ein Epilog. Die Cellistin Natania Hoffmann geht mit ihrem Instrument auf die Bühne, setzt sich vorne halb rechts, sticht ihr Instrument in den Bühnenboden, wie um festen Halt für das, was jetzt kommt, zu haben, und spielt Rudolfos liebenden Gesang aus dem ersten Akt nach. Und zwar in einer Art, dass es unbedingt nach den Cello-Suiten von Bach klingt. Dazu wird der Meteorit zu einem Grabstein für Franz: "12. Juli 2020" steht darauf.

Oper Leipzig zeigt parallel Konwitschny-Klassiker "La Bohème"

Erstens: Dieser Auftakt der neuen Hausregisseurin und ihres Teams war vielversprechend. Vielleicht noch keine 100 Prozent in der Umsetzung. Aber man darf auf das nächste Projekt, das das "Undine"-Thema aufgreift, u. a. mit Lortzing als Leipzig-Bezug, gespannt sein. Zweitens: Unbedingt "La Bohème" an der Oper Leipzig ansehen. Die Inszenierung von Peter Konwitschny wirkt in Bühnenbild und Figurenführung wie ein Vorbild für diesen Abend hier. Am 15.12.1991 hatte Konwitschnys "La Bohème" Premiere. Jetzt ist sie – 30 Jahre später – am 17. Dezember 2021 zu sehen. Und immer noch sehenswert. Ein Doppelabend, erst Oper, dann Schauspiel wäre schön!

Angaben zur Aufführung La Bohème (UA)
Träume // Leipzig
Ein Musiktheaterprojekt von Anna-Sophie Mahler und Anne Jelena Schult

Besetzung:
Paulina Bittner, Julius Forster, Alina-Katharin Heipe, Patrick Isermeyer, Katharina Schmidt, Hubert Wild

Nächste Aufführung:
21. November, 19:30 Uhr (Große Bühne)

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. November 2021 | 16:10 Uhr