"vendetta vendetta (a bunch of opfersongs)" Rachefantasien am Schauspiel Leipzig: Thomas Köck inszeniert eigenes Stück

Rache ist ein beliebtes Motiv in Film und Fersehen, aber auch auf der Theaterbühne. Am Schauspiel Leipzig hat sich der Erfolgautor Thomas Köck mit dem Motiv beschäftigt. Daraus ist das Stück "vendetta vendetta (a bunch of opfersongs)" entstanden. In seiner ersten eigenen Inszenierung verhandelt er Geistesgeschichte, Theaterthemen und gesellschaftlichen Wandel.

Schemenhafte Gestalten steigen eine Treppe zwischen dreu Torbogen herunter.
"vendetta vendetta" am Schauspiel Leipzig betrachtet Rache-Vorstellungen der vergangenen Jahrtausende. Bildrechte: Rolf Arnold

Der Ausgangspunkt für das Stück "vendetta vendetta (a bunch of opfersongs)", war eine klare, wenn auch sehr spezielle Frage, die sich der Autor Thomas Köck in Leipzig gestellt hat: "Die Rache-Arien in der Oper waren der Auslöser. Uns ist aufgefallen, dass es kaum chorisch gesungene Rache-Arien gibt, sondern dass die Rache mit dem Solo, mit dem Individuum auftaucht", erklärt der Autor.

Und so beginnt auch dieser Abend am Leipziger Schauspiel mit einer einzelnen Figur: Lucretia. Ausstatter Martin Miotk hat auf die Hinterbühne des Leipziger Schauspiels eine große Treppe gebaut. Dahinter hängt ein großes Prospekt, auf dem ein römischer Palast zu erkennen ist. Dirk Lange, Amal Keller und Denis Petković treten in grünen Gewändern auf. Sie haben lange, blonde Haare mit einer ausrasierten Furche als Scheitel. Alle drei verkörpern und erzählen von der Römerin Lucretia, die sich nach einer Vergewaltigung auf dem Marktplatz selbst hinrichtete. Daraufhin rief die Bevölkerung zur Revolution – die "Mitte der Gesellschaft" stürzt die Monarchie. 

Diskurs-Theater am Schauspiel Leipzig

Immer wieder debattieren die drei Ensemblemitglieder – sie reden zwar miteinander, doch eigentlich fallen sie sich vielmehr ins Wort. Es ist fast wie eine avancierte Lecture Performance, ein riesig inszenierter Vortrag, in dem die drei ihr schauspielerisches Talent kaum zeigen können. Sie sinnieren gemeinsam über den Mythos der gesellschaftlichen Mitte, den Ursprung der Rache und die Tragödie der Medea, die aus Rache ihre eigenen Kinder ermordet. "Auf der einen Seite sagt man, Rache ist ein archaisches Gefühl", erklärt Köck. "Da haben wir alle nicht mehr, weil wir aufgeklärt sind und an die Objektivität des Rechts glauben. Auf der anderen Seite können wir uns mit Medea identifizieren."

Drei Menschen in grünen Kleidern und langen, blonden Haaren stehen auf einem Podest auf dem "Revanche" steht. Dahinter auf Bannern das Wort "Doch".
Amal Keller, Dirk Lange und Denis Petković verkörpern gemeinsam Gestalten wie Lucretia oder Medea. Bildrechte: Rolf Arnold

Thomas Köck recherchiert viel für seine Stücke. Dabei verknüpft er oft scheinbar weit auseinanderliegende Dinge über einzelne Motive miteinander. Regelmäßig beschäftigt sich der Autor mit den Fragen der Klimakrise oder des gesellschaftlichen Wandels. Eine Folge der Ausbeutung, erklärt er im Interview. In seinen Stücken wie "paradies fluten" oder "atlas" kombinierte er dialogische Szenen mit Textflächen – die dann auch gerne als Chor gesprochen werden können. "Ich mag es, aus dem Chorischen heraus zu denken, weil des die Konzentration auf den Text, auf den Inhalt und interessanterweise auf den Körper richtet", so der österreichische Dramatiker.

Theater über Gemeinschaft und Individuum

In dieser Inszenierung bildet der Chor den Gegenpart zu den Individuen namens Lucretia oder Medea. Neun Leipziger Sängerinnen steigen in wallenden schwarzen Kleidern die Treppe herunter. Sie scheinen aus allen Zeiten zu stammen: Der goldene Kopfschmuck erinnert an frühere Königinnen, der Ledermantel an einen Agentenfilm der Achtziger und eine Sängerin wirkt mit ihrem grünen Gesicht wie ein Alien aus einer Space Opera. Andreas Spechtl hat für diesen Chor faszinierende, flächige Stücke entwickelt. Die neun Künstlerinnen sprechen aber auch und hinterfragen die Positionen der drei Rächenden. 

Mehrere Personen in bunten Kostümen stehen verteilt in einem orange wirkenden Kreis auf der Leipziger Bühne und blicken auf eine Neon-Schrift.
Der Chor in "vendetta vendetta" ist ein Gegenentwurf zu den üblichen Rachegeschichte. Bildrechte: Rolf Arnold

Thomas Köck will vielleicht zu viel: Er lässt Action-Szenen aufleben. Er sinniert über den Sinn des Theaters, wo sich Menschen wie in einem Ritual immer wieder für uns opfern. Er überlegt, was der Unterschied zwischen Rache und Recht ist, wie sich der ewige Kreislauf durchbrechen lässt und ob eine größere Gruppe gemeinsam Rache üben kann. Am Ende beschimpfen die Rächenden den Chor, weil hier keine eigenen Individuen sprechen können, sondern sie sich hinter der Masse verstecken. Hier liegt für Köck eine wichtige Frage: "Dieser Mittelschichtsbegriff meint auch lauter singularisierte Individuen. Das ist etwas, was mich interessiert: Kann sich eine Gemeinschaft aus lauter singularisierten, durch-individualisierten Einzeltäterinnen und Einzeltäter überhaupt noch einstellen."

Thomas Köck verbindet in "vendetta vendetta (a bunch of opfersongs)" am Leipziger Schauspiel wieder geschickt zahlreiche komplexe und auch relevante Fragen, die aber diskursiv und trocken bleiben. Auch die Inszenierung bildet dazu kein Gegengewicht mit starken Bildern, sondern bleibt statisch – es ist verkopfter Abend. Wer genau hinhört, findet in dieser Produktion tiefgreifende Gedanken, doch das erfordert leider einige Anstrengung. 

Weitere Informationen "vendetta vendetta (a bunch of opfersongs)" am Schauspiel Leipzig

Inszenierung & Choreinstudierung: Thomas Köck
Musik & Choreinstudierung: Andreas Spechtl
Bühne und Kostüme: Martin Miotk
Mit: Amal Keller, Dirk Lange, Denis Petković
Chor: Tina Bolle, Sabine Brückner, Jennifer Demmel, Noa Flach, Anne Kerlin, Katharina Nürnberger, Carmen Orschinski, Robin Heleen Rauhut, Uta Sander

Weitere Termine: 13., 19. und 20. Februar, 20. und 30. März jeweils 19.30 Uhr

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. Februar 2022 | 10:15 Uhr

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