Musiktheater Premiere am Schauspiel Leipzig: "Undine" – keine spätromantische Märchenoper

Am Schauspielhaus Leipzig hatte am Samstag das Musiktheaterprojekt "Undine" Premiere. Zum dritten Mal bringt Hausregisseurin Anna-Sophie Mahler ein solches Projekt auf die Bühne. Es ist eine Recherchereise in Leipzigs Kanäle und Auwälder und gleichzeitig eine Erinnerung an die hybride Wasserfrau Undine. Mit "Undine" macht Anna-Sophie Mahler das Theater zu einem Ort für gesellschaftliche Themen. Eine Kritik.

Eine Frau steht auf einer Bühne voller Nebelschwaden.
"Undine" ist die erste große Solorolle für Schauspielerin Sonja Isemer am Leipziger Schauspielhaus. Bildrechte: Schauspiel Leipzig/Rolf Arnold

Musiktheater am Schauspielhaus, das hat in Leipzig mit Intendant Enrico Lübbe inzwischen Tradition. Kein Schauspiel mehr ohne Soundspur aus dem Computer. Und noch mehr. Dazu gab es auch einen "Sommernachtstraum" mit Mendelssohn Bartholdys Schauspielmusik, einen Abend zur "Winterreise" von Schubert und Jelinek. Die neue Hausregisseurin Mahler hatte sich zuletzt Puccinis "La Bohème" vorgenommen. Und jetzt also "Undine", auch ein Opernstoff, den sie mit Blick auf den Klimawandel verarbeiten wollte.

Spätestens hier fällt auf, dass das Schauspiel ein ziemlich zeitgemäßes Operntheater ist, umso mehr, weil der neue Leipziger Opernintendant Tobias Wolff seine erste Spielzeit mit Lortzings "Undine" eröffnen will und sich das Thema Nachhaltigkeit auch ganz groß auf die Fahne schreibt. Da prescht das Schauspiel gewissermaßen also vor.

Und da begeben sich zwei Theater der Stadt in einen Wettkampf um das bessere Konzept. Konkurrenz belebt das Geschäft. Und Grenzüberschreitungen, was das Theater als Genre betrifft, gibt es nicht erst seit gestern. Übrigens auch eine Konkurrenz mit dem Staatsschauspiel in Dresden. Dort steht im April eine Uraufführung an mit dem Titel "Das Wasser". Auch da geht es um einen lokalen Bezug, um Elbehochwässer und Klimawandel. Dieses Thema schlägt also ganz schön hohe Wellen derzeit.

Zu Beginn gibt’s eine Biologiestunde

In Leipzig beginnt der Abend quasi schon mit dem Einlass. Vorne links, noch im Zuschauerraum, steht ein Flügel. Drei Personen im schwarzen Anzug diskutieren leise, warten offenkundig bis die Zuschauer sitzen. Dann setzen sich auch zwei der drei und die dritte betritt die Bühne, wo nur wenig Platz ist, weil der eiserne Vorhang noch die Bühne sperrt. Sie stellt den Typ moderne Managerfrau vor: streng gebundenes Haar, Hosenanzug, hochhackige Pumps. Sie begrüßt das Publikum freundlich mit "liebe Wasserfreudinnen und Wasserfreunde" und erzählt, dass wir hier im Leipziger Schauspielhaus, das Leipzig ganz generell auf Wasser, zumindest Sumpfland, gebaut ist. Und der trockne seit Jahrzehnten aus.

Eine Fraue schreibt an eine Tafel
Das Publikum wird im Stück "Undine" des Schauspiels Leipzig über die Leipziger Sumpflandschaft aufgeklärt. Bildrechte: Schauspiel Leipzig/Rolf Arnold

Es folgt eine Art Biologiestunde, wobei nicht klar wird, wer da zu uns spricht: Lehrerin, städtische Angestellte, Beraterfirma? Vielleicht auch sie alle zusammen, die hier zu einer Rolle verdichtet sind und eine Rolle spielen in einem – sagen wir mal – immer komplexer werdenden Sachverhalt, einem "herausfordernden" Sachverhalt, wie es euphemistisch hier heißt.

Um sich besser verständlich zu machen, zeichnet die Lehrerberaterstadtangestellte mit Kreide diese Zusammenhänge an den eisernen Vorhang, zieht die Schuhe aus, die drücken, dann wieder an und wieder aus. Trinkt ein Glas Wasser leer. Scheitert am Ende mit ihren Erklärungsversuchen, weil die Rettung des Auwalds an Interessenlagen, Planungen und Bürokratie scheitert. Am Ende zieht sie die Konsequenz – Auftritt Pianist (Michael Wilhelmi) mit Musik von Ravel. Nach kurzer Bedenkzeit spricht sie jetzt nicht mehr von "wir", sondern sagt: "Ich bin unter Wasser". Der eiserne Vorhang geht auf, dichtester Bühnennebel, und auch wir im Publikum sind fortan mit untergetaucht.

Ein Pianist auf einer Bühne, um ihn herum dichte Nebelschwaden
Pianist und musikalischer Leiter der Inszenierung "Undine" am Schauspiel Leipzig ist Michael Wilhelmi Bildrechte: Schauspiel Leipzig/Rolf Arnold

Erste große Solorolle für Sonja Isemer in Leipzig

Sonja Isemer hat hier ihre erste große Solorolle am Schauspiel Leipzig. Sie kommt aus dem Neuen Theater in Halle und steht jetzt eine Dreiviertelstunde lang allein auf der großen Leipziger Bühne. Sie stellt uns eine Figur vor, die an die Erklärbarkeit und Logik der Dinge glaubt, aber bei ihrem Vortrag merkt, dass wir Adressaten nicht ganz mitkommen, dass es am Ende wohl auch alles gar nicht so funktioniert mit Logik und Mensch.

Eine Frau in Hose und Trägershirt sitzt auf einer Bühne.
Sonja Isemer spielt im Theaterstück "Undine" minimalistisch und präzise. Bildrechte: Schauspiel Leipzig/Rolf Arnold

Wie Isemer sich diesen Bogen mit nur drei Requisiten – Schuhen, Wasserglas und Kreide – erspielt, wie sie am Ende noch die Frisur verwuschelt, das Jackett beiseite wirft, das ist minimalistisch, aber auch präzise. Mit ihrem Untergang geht auch ein Weltbild unter, das die Geschäftsfrau im Hosenanzug verkörpert. Das alles schwingt hier mit. Eine schöne Glanzleistung!

Theater als Ort für gesellschaftliche Themen

Das ist Theater, aber nicht das klassisch unterhaltendes, sondern eins, das lokale Themen diskursiv auf die Bühne und in die Diskussion bringt – und das kulinarischer und professioneller als es die Bürgerbühnen gerade auch tun. Theater als ein Ort, um gesellschaftliche Themen zu verhandeln. Das klingt so banal wie es an der Zeit dafür ist.

In der Unterwasserwelt danach schwimmt ein fetter Barsch vorbei, wedelt sogar mit den Flossen – ein schönes Bild, ein versöhnliches, poetisches Bild, aber nur für einen Moment. Zentral, im Mittelpunkt der Bühne steht jetzt eine Maschine, wie sie normalerweise Autotüren in die Karosse schweißt oder Windschutzscheiben einsetzt. Vorne hat sie einen Scheinwerfer montiert, wie ein Auge. Damit guckt sie uns an, wie aus einer Zukunftswelt ohne Menschen. Halb Mensch, Cyborg – alles ist möglich.

Eine Maschine auf der Bühne, umgeben von Nebelschwaden
Im Stück "Undine" am Schauspiel Leipzig gibt die Mensch-Maschine die Arie der "Rusalka" von Dvořák zum Besten. Bildrechte: Schauspiel Leipzig/Rolf Arnold

Die Mensch-Maschine zitiert Texte von Donna Haraway und Ingeborg Bachmann und fängt dann auch noch an zu singen – die Arie der Rusalka, einer Nixe, aus der gleichnamigen Oper von Dvořák.

Romantik als Zeichen für Verlust

Das ist also große spätromantische Märchenoper, was von Belang ist, weil die gute alte Zeit oft ins Spiel kommt, wenn es im Hier und Jetzt nicht mehr so richtig klappt. Siehe Christoph Marthaler und Anna Viebrock. Das Theaterduo zeigt immer wieder eine abgestorbene, traurig-absurde Welt, in der als Trost Männerchöre auftreten, die romantische Lieder singen: vom schönen deutschen Wald; von der klappernden Mühle am rauschenden Bach. Genau das macht Anna-Sophie Mahler aber nicht. Im Grunde macht sie das Gegenteil, wenn sie romantische Musik ("Rusalka") durch den Computer schleift und von einem Roboter vortragen lässt.

Romantik ist hier kein Pflaster auf der Wunde, sondern ein Zeichen für den Verlust. Wenn der Roboterarm zur zweiten Strophe hier den Pianisten anleuchtet und ihn auffordert, mitzuspielen, und der dann die Akkorde zur Melodie anschlägt, dann ist das genau dieser Moment. Ein großartiges optisches und akustisches Bild, das uns nicht einlullen will! Ins Paradies gibt es keine Rückfahrkarte mehr. Das ist das Theater für eine neue Generation. Theater, wo – eingedenk Marthaler – ein Frauenchor auftritt, das Vocalconsort Leipzig, und traumhaft einen Sirenengesang von Debussy anstimmt, also etwas aus der Epoche des Impressionismus.

 

Eine Maschine auf einer Bühne mit einer Videoprojektion im Hintergrund
Szene aus dem Theaterstück "Undine" am Schauspiel Leipzig Bildrechte: Schauspiel Leipzig/Rolf Arnold

Premierentag in Leipzig: "Undine" vs. "Lohengrin"

Am "Undine"-Premierentag gab es in der Oper Leipzig noch die andere große Wassermusik: Wagners romantische Oper "Lohengrin", auch als Premiere. Ich hatte mir um 17 Uhr noch den ersten Akt (bei Wagner Aufzug) angesehen und bin danach in "Undine" gegangen. In der Oper dieses typische Wagner-Publikum. Smoking aus den 80ern und so. Hing lange im Schrank. Und nicht so gut situiert, wie vielleicht in München oder Hamburg. Und jeder Dritte gefühlt mit Hörgerät. Für Texte wie diesen: "Nach Deutschland sollen noch in fernsten Tagen, des Ostens Horden siegreich nimmer ziehn!" Manchmal wird das inzwischen weggelassen. Hier auch? Ich weiß es nicht, die Stelle kommt erst im dritten Aufzug. Trotzdem: Während drinnen im ersten Aufzug das Deutsche Reich mit deutschem Schwert verteidigt wird, gibt es vor der Oper zum selben Zeitpunkt ein Solidaritätskonzert gegen den Krieg in der Ukraine. Spätestens hier wirkt ein "Lohengrin", der so eine Realität nicht von Anfang an mitbedenkt, wie aus der Zeit gefallen.

"Undine" hier, "Lohengrin" (erster Aufzug) da – größer kann ein Gegensatz nicht sein. Die "Undine" funktioniert eben einfach zeitgemäßer. Es ist auch ein alter Stoff, ein alter Mythos, aber er wird Hier und Heute dargeboten. Und es werden Gedanken daran verschwendet, wie man das heute machen kann. Das ist der Unterschied. Das ist die Stärke der Leipziger Schauspiel "Undine".

Weitere Informationen zu "Undine" am Schauspiel Leipzig "Undine"
Ein Musiktheaterprojekt von Anna-Sophie Mahler

Besetzung: Sonja Isemer
Klavier: Michael Wilhelmi

Nächste Aufführungen:
Donnerstag, 31. März: 19:30 Uhr

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. März 2022 | 08:40 Uhr

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