Uraufführung "White Passing" in Leipzig: Wenn Barbie und Ken über Deutschland reden

"White Passing" von Sarah Kilter wurde neben zwei weiteren Texten bei den Autorentheatertagen am Deutschen Theater Berlin als Gewinnerstück ausgewählt und am Schauspiel Leipzig inszeniert. In dem Stück geht es um Deutschland, um die Widersprüchlichkeiten des Bildungsbürgertums und nicht zuletzt um Sarah Kilter selbst. Thirza Bruncken inszenierte den Text als quietschendes Kammerspiel mit berühmten Puppen.

Szene aus "White Passing" am Schauspiel leipzig
Wie Puppen bewegen sich die Schauspielerinnen über die Leipziger Bühne. Bildrechte: Tom Schulze

Die Angst hat sich deutlich in den Körper geschlichen. Am Anfang musste die Gestalt, die an Barbies Puppen-Freund Ken erinnert, nur sanft ihre Hand an die Wange legen musste, um ihr breites Lächeln aufzusetzen. Nun ist das Gesicht verzerrt und die Haltung ganz angespannt. Wenn sie einen Fuß unbedacht nach vorne setzt, wird wieder lautstark Musik gespielt. Also ruft die Figur schnell, was sie am Leben in Deutschland irritierend findet.

Das Stück "White Passing" von Sarah Kilter hat vier Ebenen, die mal mehr, mal weniger miteinander verwoben sind: Textflächen, die in feinen Beobachtungen von den Absurditäten und Widersprüchlichkeiten in Deutschland erzählen. Ein Meta-Kommentar, in dem sich eine Lehrerin und ein Arzt über die Bedeutung des Stückes unterhalten. Eine Szene in einer Wohnung, wo drei hippe Menschen ihre Freundin zum Geburtstag überraschen wollen. Und schließlich ein prosaischer Monolog. Hier erzählt eine "Sie" – es ist die besagte Freundin und die Autorin des Stücks – von ihrem Leben und ihren Wünschen.

Szene aus "White Passing" am Schauspiel leipzig
Abwechselnd sprechen die Leipziger Schauspielerinnen als "Sie" – die Autorin. Bildrechte: Tom Schulze

Neue Autorin in Leipzig

Natürlich sollte man diese Figur nicht mit der Autorin verwechseln. Man sollte sie aber auch nicht als reine Kunstfigur abtun. Im echten Leben stammt der Vater von Sarah Kilter ebenfalls aus Algerien und sie ist tatsächlich im Wedding aufgewachsen – so wie die Sprecherin im Stück. Von 2016 bis 2020 studierte die Autorin Szenisches Schreiben an der Berliner Universität der Künste. Mit "White Passing" stellt sie sich nun zum ersten Mal einem breiteren Theaterpublikum vor – als Siegerin des Stückwettbewerbs der Autor:innentheatertage in Berlin. Die junge Autorin schöpft derzeit viel aus sich selbst und erzählt aus ihrem Leben. Gleichzeitig wirft sie so auch einen kritischen Blick auf die Gesellschaft, die sie umgibt.

Szene aus "White Passing" am Schauspiel leipzig
In der Mitte der Bühne treffen sich Figuren und reden über Deutschland. Bildrechte: Tom Schulze

Ich erinnere mich nicht daran, dass in Deutschland für mich jemals ein Krieg, ein Diskurs, ein Fremdwort oder ein was weiß ich erklärt wurde, damit ich mitkomme.

aus: "White Passing" von Sarah Kilter

Puppen in einer Handtasche

Das Regieteam hat einen zwar passenden, aber auch mühsamen Ansatz gewählt. Ausstatter Christoph Ernst lässt das Publikum in eine überdimensionierte Tasche aus Kunststofffaser blicken. Darin fliegen Verpackungen von Zigaretten, Gummibärchen und Tampons durcheinander. Dazwischen bewegen sich drei puppenhafte Wesen, von denen zwei eindeutig an Barbie und Ken erinnern. Regisseurin Thirza Bruncken lässt die drei Schauspielerinnen mit steifen Bewegungen und großen Augen durch die Tasche stolzieren, bis sie sich für die nächste Textstelle in Pose bringen. Dann reden sie meist mit hoher, unmenschlicher Stimme.

Zwei Schauspielerinnen stehen in einem Raum zwischen überdimensionierten Verpackungen.
Das Bühnenbild in der Leipziger Diskothek erinnert an eine Handtasche. Bildrechte: Tom Schulze

Schauspielerinnen als Barbie und Ken

Szene aus "White Passing" am Schauspiel leipzig
Vor allem Bettina Schmidt (rechts) überzeugt. Bildrechte: Tom Schulze

Bettina Schmidt mit perfekter Ken-Frisur überzeugt vor allem mit ihrer Körperspannung. Ihre Bewegungen sind kantig und ihre Posen ausdrucksstark. Julia Preuß geht mit tänzelnden Armbewegungen und viel Körpergefühl durch den Raum. Trotz Kopfstimme legt sie erstaunlich viel Intensität in ihre Texte. Meriam Abbas hingegen braucht etwas länger um Präsenz im Raum einzunehmen. Aber sie hat auch die schwierigste Aufgabe: Mit ihren verlängerten braunen Haaren und ihren unsicheren Schritten wirkt sie wie ein Fremdkörper, der mit den gesellschaftlichen Verabredungen nicht zurechtkommt.

Theaterpublikum konfrontieren

Mit ihrem Ansatz verdeutlicht Bruncken, was im Text verhandelt wird: Wir, als Theaterpublikum, spielen Intellektuelle, um dazuzugehören, und reden von Gerechtigkeit, während wir andere ausschließen. Wie bei den Barbies ist der Anschein wichtiger als der Inhalt. Leider wird dieser Inszenierungsansatz auf Dauer etwas anstrengend, auch weil Bruncken kaum neue Inszenierungsideen findet. Erst gegen Ende nimmt die Spannung zu.

Szene aus "White Passing" am Schauspiel leipzig
"White Passing" hält dem Publikum den Spiegel vor. Bildrechte: Tom Schulze

Sarah Kilter ist mit "White Passing" ein wunderbarer Text gelungen, der viel Witz hat und gleichzeitig immer genau in die Wunde zielt. Auf vielen Bühnen wird gerne über den Rechtsruck gesprochen und meist sitzen dort nur Menschen, die die gleiche Weltsicht haben. Doch Kilter nimmt dieses Publikum in den Blick und lässt es über sich selbst lachen und erschrecken.

Weitere Informationen "White Passing" von Sarah Kilter

Diskothek des Schauspiels Leipzig
Bosestraße 1
04109 Leipzig

Inszenierung: Thirza Bruncken
Bühne und Kostüme: Christoph Ernst
Mit: Meriam Abbas, Julia Preuß, Bettina Schmidt

Weitere Vorstellungen:
23. Oktober und 24. November, jeweils um 20 Uhr
Weitere Termine folgen.

Theater in Leipzig und Sachsen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. Oktober 2021 | 17:40 Uhr