Zum Frauentag Wie Schauspielerinnen in Leipzig und Weimar für Gleichbehandlung kämpfen

Frauen verdienen im Schauspiel im direkten Vergleich oft weniger als Männer. Im Fernsehen bekommen sie, wie Studien zeigen, weniger Hauptrollen. MDR KULTUR hat mit zwei Schauspielerinnen über ihre Erfahrungen und Sorgen gesprochen: Julia Preuß ist Mutter zweier Kinder und seit sechs Jahren fest am Schauspiel Leipzig engagiert. Ute Wieckhorst spielte unter anderem in Weimar und Erfurt. Einem großen Publikum ist sie auch aus dem Tatort bekannt.

Die Leipziger Schauspielerin Julia Preuß mit einer blonden, unnatürlichen Perücke lehnt sich an einen übergroßen Tamponpackung.
In "White Passing" am Schauspiel Leipzig spielte Julia Preuß eine Frau als Barbie-Puppe. Bildrechte: Tom Schulze

Als Julia Preuß mit 22 Jahren schwanger wurde, war sie noch Schauspielstudentin. Bei den traditionell am Ende des Studiums anstehenden Vorsprechen wollte sie ihren Bauch am liebsten verstecken. Einfach war das nicht, erzählt sie: "Da habe ich auch so Sachen gehört wie 'Jetzt kannst du es vergessen - jetzt ist deine Karriere vorbei'." Doch weit gefehlt: Mittlerweile ist die 31-Jährige seit mehr als sechs Jahren am Schauspiel Leipzig fest im Ensemble und spielt regelmäßig große Rollen.

Mittlerweile hat Julia Preuß auch schon ihr zweites Kind bekommen. Doch mit meist zwei Proben am Tag – einer vormittags, einer abends, in End-Proben-Phasen auch mal bis in die Nacht hinein – laufen ihre Arbeitszeiten entgegen dem Alltag der Familie. Ihr Leben funktioniert dann nur mit ihrem Partner und Vater der Kinder, einem guten Netzwerk – und wenig Schlaf. "Es ist auf jeden Fall eine Herausforderung", so die 31-Jährige. Rückblickend sagt sie, dass sie sich gerade als junge Mutter Vorbilder gewünscht hätte, Frauen in ihrem Beruf, die Kind und Karriere unter einen Hut bekommen. Vereinzelt habe es die auch gegeben – aber wenige, und noch weniger in ihrem damaligen Alter.

Was die Leipziger Schauspielerin Julia Preuß fordert

Die Leipziger Schauspielerin Julia Preuß sieht auf einer Theaterbühne zu einer schwarzen Wolke auf.
Julia Preuß spielt ein selbstbewusstes Gretchen im Leipziger "Faust". Bildrechte: Rolf Arnold/Schauspiel Leipzig

Grenzüberschreitende Erfahrungen in sexueller Hinsicht hat Julia Preuß bisher keine gemacht. "Gott sei Dank", fügt die Schauspielerin hinzu. Sie merke aber schon, dass es durch die #metoo-Debatte Rückendeckung gebe und für bestimmte Themen mehr Sensibilität da sei. Und Julia Preuß erzählt, sie wisse, dass sie die Grenzen, die sie habe, kommuniziere – und auch kein Problem habe "Stopp" zu sagen.

Im Proben-Prozess fordert sie mittlerweile mehr Mitspracherecht. "Da will ich beteiligt sein und meinen Kopf zum Denken benutzen", erklärt die gebürtige Leipzigerin. Denn die Rollen, die sie spielt, will sie ins Jetzt holen. So wird bei ihr aus dem schüchternen Gretchen im Faust eine selbstbewusste Margarete. Auch für höhere Gagen kämpft Julia Preuß jetzt anders als früher. Aber was ihre Kolleginnen und Kollegen verdienen, darüber werde nicht sonderlich offen gesprochen, erzählt sie. Da wünscht sich die Schauspielerin mehr Transparenz.

Weimarer Darstellerin Ute Wieckhorst: Rollenangebot ändert sich

Ältere Frauen kämpfen auf der Bühne und dem Bildschirm um Sichtbarkeit. Das belegen auch eine Studie der Universität Rostock vom Januar 2022. Sie zeigt: Frauen, die älter als 35 Jahre sind, ergattern deutlich weniger Hauptrollen als männliche Kollegen und werden dazu noch meist im Kontext von Partnerschaft und Beziehung gezeigt. In der Altersgruppe 50 plus besteht der Studie zufolge das größte Ungleichgewicht. Hier sind 70 Prozent der Figuren mit Männern besetzt.

Dass sich mit den Jahren auch die Rollenangebote ändern, erlebt auch die in Weimar lebende Schauspielerin Ute Wieckhorst. Weniger werden es – und die angebotenen Rollen sind andere. "Ich war mal eine Zeit lang Mutter, dann Ärztin und dann kommt gefühlt erst mal eine ganze Zeit lang wenig. Und dann kommen irgendwann Rollen wie Hamlets Mutter", erzählt die 51-Jährige, die unter anderem als Gerichtsmedizinierin "Dr. Seelenbinder" aus der Tatort-Reihe in Weimar bekannt ist.

Eine Rechtsmedizinerin hockt in weißer Schutzkleidung vor einem Polizeiauto.
Ute Wieckhorst überzeugte als Gerichtsmedizinerin im Weimarer Tatort. Bildrechte: MDR/Wiedemann&Berg/Anke Neugebauer

Die fehlenden Rollenangebote frustrieren sie, aber stacheln Ute Wieckhorst auch an, aktiv zu werden. Um die Frauen zu spielen, die sie wirklich interessant findet, setzt sie die Stoffe einer Freundin um, die ihr historische Rollen auf den Leib schreibt – keine frustrierten älteren Frauen, sondern komplexe Figuren. Und: Die 51-Jährige hat als Schauspieldozentin ein weiteres Standbein.

Sexismus auf der Theaterbühne

Ute Wieckhorst ist seit den 1990er-Jahren auf Theaterbühnen und Filmsets zu Hause. Sie kennt die Branche – und wehrt sich, wenn sie auf ihren Körper reduziert wird. Was das Thema Missbrauch im Theater angehe, habe sie einige elementare Sachen erlebt, erzählt die Schauspielerin.

Ute Wieckhorst steht in einem beigen Trenchcoat an eine rote Wand gelehnt
Die Weimarer Schauspielerin Ute Wieckhorst wehrt sich gegen Sexismus. Bildrechte: Janine Guldener

In einer Produktion, in der Ute Wieckhorst mitspielte, sollten alle Schauspielerinnen nackt sein. Sie weigerte sich. Denn ihre Rolle, so erzählt die 51-Jährige, spielte direkt an der Rampe, wo sie aus einer Luke krabbeln sollte. Das ließe sich auch anders erzählen, argumentiert sie damals. Die Schauspielerin wurde dann zum Intendanten zitiert: "Auf dem Gang dahin habe ich gedacht 'Jetzt bin ich wahrscheinlich meinen Job los.'", erinnert sich Wieckhorst. "War ich aber nicht. Ich war die Einzige, die nachher angezogen war."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Artour - Das Kulturmagazin des MDR | 03. März 2022 | 22:10 Uhr

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