Theater der Jungen Welt "B All Room" im Leipziger Jugendtheater: Ein Raum voller Energie

Das Theater der Jungen Welt in Leipzig feiert in diesem Jahr seinen 75 Geburtstag. Und startet mit einem Premierenreigen in die neue Spielzeit. Das Motto dafür lautet: "All in". Das Ensemble soll gefeiert werden und durfte dafür selbst überlegen, was und wie es sich dem Publikum präsentieren wollte. Denis Cvetković und Sofiia Stasiv haben dieses Angebot an ihr Publikum weitergeben: "B All Room" ist ein Happening, das Raum für alle Persönlichkeiten und Ideen liefern soll.

Zwei Menschen tanzen auf einem Treppenaufgang. 4 min
Sofiia Stasiv und Denis Cvetcović greifen Ideen der Ballroom-Szene auf. Bildrechte: Miriam Heckers/Theater der Jungen Welt
4 min

Das Leipziger Theater der Jungen Welt beginnt die Spielzeit mit einem Premierenreigen, in dem sich das Ensemble selbst verwirklichen kann. "All Room" ist einer Feier der kreativen Kraft in jedem von uns.

MDR KULTUR - Das Radio Mo 04.10.2021 12:00Uhr 04:27 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Ausladende Armbewegungen, wiegende Hüften und starke Posen - das ist Voguing und das ist Ballroom. Seit mehr als 100 Jahren ist die Szene ein sicherer Ort für Menschen, die nicht den heteronormativen Vorstellungen entsprechen, wie Homosexuelle, Transsexuelle oder Drags. Hier konnten und können sie sich ausleben, sie selbst sein. Das Leipziger Theater der jungen Welt hat das ausgeweitet – im wahrsten Sinne des Wortes. Die Performance trägt den Titel "B All Room", also der Raum, in dem man alles sein kann.

Intendantin Winnie Karnofka hat die Mitglieder ihres Ensembles gebeten, sich selbst Projekte auszudenken, die sie gerne umsetzen wollen. Dabei ist ein zentrales Thema der Reihe "All in", die verschiedenen Identitäten am Haus zu zeigen und Vielfalt zu feiern. Für "B All Room" war das der Anknüpfungspunkt. "Ballroom, Voguing, Tanzen – es geht darum sich selbst auszudrücken", erklärt Sofiia Stasiv die Inspiration hinter dem Projekt. "Wir wollten unterschiedliche Menschen einbeziehen, andere Identitäten sehen und schauen, was die Leute mit anderen Menschen teilen können und wie sie sich ausdrücken.

Mystische Kugel reflektiert Corona-Erfahrungen

"B All Room" besteht aus zwei Teilen. Einer davon ist die Soundinstallation von Cornelia-Friederike Müller. Dafür wurde der Titel sehr wörtlich genommen: Die Bühnenbildner Okarina Peter und Timo Dentler haben eine große, verspiegelte Kugel geschaffen, die den kleinen Theaterraum bestimmt. Ein Vorhang umgibt der Raum, auf dem verschwommene Bäume zu sehen sind. Der Boden ist teilweise mit Kunstgras bedeckt. Am Anfang sind Waldgeräusche zu hören, ab und zu scheint ein Vogel zu zwitschern. Die Installation ist eine Reaktion auf die Corona-Krise, erzählt die Künstlerin: "Es gab eine große Sehnsucht, dass alles wieder aufmacht, selbst wieder auflegen oder tanzen zu können. Aber dann habe ich gemerkt, dass es noch so ein bisschen Kontemplation brauche und dachte, dass dieser kleinere Raum und dieser Spiegelball in der Mitte eine Reflektion über die Zeit des vergangenen Jahres und des Lockdowns sein könnte."

Eine spiegelnde Kugel steht in der kleinen Bühnen im Theater der Jungen Welt Leipzig.
Eine spiegelnde Kugel im Leipziger Theater der Jungen Welt lädt zur Reflexion ein. Bildrechte: Miriam Heckers/Theater der Jungen Welt
Ein Junge in einem bläulich beleuchteten Raum steht neben einer großen Kugel.
Die Beleuchtung der Installation simuliert den Verlauf eines Tages. Bildrechte: MDR/Thilo Sauer

Deswegen beginnt die Soundcollage akustisch im Wald, weil viele Menschen die Natur für sich wieder entdeckt haben. Dann folgen Supermarktgeräusche und Flugzeuglärm – der Alltag hat sich umgedreht. Es endet dann mit Musik aus Clubs als Zeichen für die geschlossenen Kulturorte. Wie genau die Installation klingt, hängt vom Publikum ab und wie es sich durch den Raum bewegt. Gut sichtbare Bewegungsmelder lösen verschiedene Geräusche aus wie Kassenpiepen im Supermarkt oder Clubsounds. Müller ist fasziniert, wie sich das Publikum bewegt. "Manchmal ist es spielerisch. Der Wald ist ein natürliches Umfeld und man geht auch die Suche, wo jetzt die Hummel war. Im zweiten Teil wird es massiver, da weicht man schonmal Klängen aus. Und im dritten Teil versuchen alle, wenn sie zu mehrt sind, einen Rhythmus mit dem Raum zu finden." Müller ist mit ihrem "B All Room" eine spannende meditative Arbeit gelungen, die gleichzeitig aktive Mitarbeit verlangt und impressiv ist.

Offene Bühne im Leipziger Theater

Zwei Menschen mit Schals posieren auf der Leipziger Bühne.
Sofiia Stasiv und Denis Cvetcović sind die Hosts im "B All Room". Bildrechte: Tom Schulze/Theater der Jungen Welt

Dann geht es in den anderen Raum, dem Safe Space Universe. Die eine Hälfte des großen Saals haben die Ausstatter Okarina Peter und Timo Dentler mit Goldfolie abgehangen, auf der anderen Seite ist ein Weltall aufgemalt. Die planetenartigen Lampen an der Decke komplettieren diesen Eindruck. Wie Models kommen Denis Cvetković und Sofiia Stasiv immer wieder nach vorne gelaufen und präsentieren sich auf einem Steg mit Laufband, jedes Mal tragen sie ein Stück mehr. Alida Bohnen erklärt als Moderatorin das Prinzip: Interessierte konnten sich anmelden, um selbst aufzutreten, sich und ihre Gefühle auf der Bühne zu präsentieren. Jede Idee sei willkommen, versichern die Theaterschaffenden.
Merlin Rainer beispielsweise hat zeichnete live auf einer ungefähr zwei Meter hohen Papierleinwand. Immer wieder stellt er sich neben das Papier, um Posen und Abstände zu testen – wie ein Tanz mit der Leinwand. "Das, was ich mache – das Malen, das Zeichnen – ist eine Praxis, die selten auf Bühnen gezeigt wird. Auch wenn es mir nicht leicht fällt und ich nicht gerade der Performer bin, der rund um die Uhr auf die Bühne steht, ist es mir trotzdem ein Anliegen, das auf Bühnen zu zeigen", erzählt der Künstler von seiner Motivation. Der Wunsch, vor ein Publikum zu treten war also schon da und das Leipziger Theater der Jungen Welt bot eine Möglichkeit.

Tänzerische Auseinandersetzung

Ähnlich war es auch für Vivien Reichel. Sie betrieb früher Eiskunstlauf, doch wollte sich dem unmenschlichen Leistungsdruck nicht beugen. Mit ihrer Freundin gründete sie das IceLab Leipzig und entwickelt Contemporary Ice Dance: Auf einer kleinen, eisartigen Fläche dreht sie sich, macht kurze Hüpfer. Mal streckt sie die Arme expressiv von sich, dann wieder lässt sie die Hände über ihren Körper wandern. Es ist wie eine Mischung aus Ausdruckstanz und Hip Hop – auf Kufen.

Eine Frau auf Schlittschuhen dreht sich mit nach vorne gestrecktem Bein.
Vivien Reichel zeicht ein Tanz-Solo über Leistungsdruck. Bildrechte: Miriam Heckers/Theater der Jungen Welt

Anschließend gehen Cvetković und Stasiv zu den Kostümen im hinteren Bühnenteil. In einer Tanzimprovisation reagieren sie auf das Gesehene – sie nennen es "Echo". Stasiv beispielsweise zieht sich einen Rock an, der vom Hals abwärts ihren Körper einschließt. Mühevoll befreit sie sich und nimmt die Gefühl und Bewegungen von Vivien Reichel auf. "Ich habe viele Dinge gesehen, die ich gefühlt habe während des Stücks. Die Auswahl der Kostüme beispielsweise waren perfekt, und deshalb habe ich mich, als ich das gesehen habe, sehr wohl gefühlt", beschreibt die Eis-Tänzerin ihre Eindrücke. "Ich versuche jedes Mal, einen anderen Gesichtspunkt zu wählen", erklärt Cvetković zu seinen Tanz-Improvisationen. "Ich habe mir dann zum Beispiel Restriktion genommen. Und dann kann ich wählen: Mache ich das räumlich sichtbar oder in meinem Körper oder mit Rhythmus. Was habe ich für Rhythmen gesehen und kann ich die übernehmen? Da gibt es eigentlich sehr viele Anknüpfungsmöglichkeit. Ich versuche immer anders zu starten und dann zu sehen, wohin es mich treibt."

Zwei Tänzer sitzen mit verschränkten Beinen und zur Seite gestreckten Armen auf der Leipziger Bühne.
Von den Freiweilligen Beiträgen lassen sich Sofiia Stasiv und Denis Cvetcović zu Improvisationen inspirieren. Bildrechte: Miriam Heckers/Theater der Jungen Welt

Zum Abschluss voguen Cvetković und Stasiv selbst nochmal über die Bühne: Mal tanzen sie mit großen Gesten und vereinzelten, schnellen Bewegungen neben oder hintereinander ganz synchron. Dann geht einer von beiden nach vorne und improvisiert einen neuen Teil. Es fällt schwer diese Performance zu beurteilen, in der es ja eben darum geht, das niemand verurteilt werden soll. Aber ein Versuch lohnt sich vielleicht dennoch: Der Abend beginnt stockend. Niemand – Publikum und Performende – wissen nicht, was sie erwartet. Und das rhythmische Klatschen, das vom Publikum erbeten wird, schreckt eher ab. Aber dann entsteht eine großartige Energie, in der das gesamte Publikum die Kunstschaffende für ihr einzigartigen Performances bejubelt. Die positive Stimmung im "B All Room" ist ansteckend: Jeder Mensch ist besonders und sollte dafür gefeiert werden.

Weitere Informationen "B All Room" ist eine Performance in zwei Teilen des Theaters der Jungen Welt

Die Soundinstallation
wird am 3. und 15. Oktober jeweils
15. Oktober ab 16 Uhr gezeigt.
Der Eintritt ist kostenlos.
Um Anmeldung unter j.zaddach@tdjw.de wird gebeten.

Die Performance wird am 15. Oktober um 17 und 20 Uhr gezeigt.
Für die nächste Vorstellung sucht das Theater noch Interessierte, die eigene Beiträge zeigen. Die Anmeldung ist unter j.zaddach@tdjw.de möglich.

Idee, Konzept, Tanz: Denis Cvetković und Sofiia Stasiv
Choreografische Mitarbeit: OnlylaQuéfa
Soundinstallation: Cornelia-Friederike Müller
Ausstattung: Okarina Peter und Timo Dentler
Dramaturgie: Julia Hagen, Winnie Karnofka, Anna Weyrosta
Soundinstallation:

Mehr aus dem Theater der Jungen Welt

Theater und Tanz in Leipzig und ganz Sachsen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. Oktober 2021 | 13:10 Uhr