"Das Leben ein Traum" Ernste Komödie: Theater Magdeburg zeigt Klassiker in modernem Gewand

Mit einem großen Fest und einem Premierenreigen wurde in Magdeburg die neue Spielzeit eröffnet. Seit dieser Saison hält der neue Intendant Julien Chavaz die Zügel in der Hand. Auch die Schauspielsparte soll neue Wege gehen. Die erste Premiere – "Das Leben ein Traum" nach Pedro Calderón de la Barca – ist vielversprechend.

Eine Person mit Glatze und blauen Zeichen auf der Stirn schaut in eine leuchtenden Gegenstand.
"Das Leben ein Traum" wird am Theater Magdeburg zu einem Stück über KI und Zukunft. Bildrechte: Kerstin Schomburg

Das Theater Magdeburg ist in die neue Spielzeit gestartet – mit Pedro Calderóns Stück "Das Leben ein Traum" und einem neuen Dreier-Leitungsteam im Schauspiel: Clara Weyde, Bastian Lomsché und Clemens Leander. Alle drei waren an der ersten Premiere beteiligt: Clara Weyde führte Regie, Bastian Lomsché hat mit ihr gemeinsam für den Abend eine eigene Stückfassung geschrieben und Clemens Leander hat die Kostüme angefertigt.

Bei der Spielplan-Pressekonferenz hatten die drei angekündigt, ein besonderes Theaterkonzept zu verkörpern, das sehr spielerisch mit Stoffen umgeht, das sich in ihnen mit viel Fantasie und allen Mitteln der Bühne treiben lässt, dabei hintergründig Bezüge zur Gegenwart herstellt, die Texte aber nicht dekonstruiert oder sprengt oder nur als Material nutzt. Das ist mit Calderóns Barockstück "Das Leben ein Traum" fulminant gelungen.

Blick in die Zukunft am Theater Magdeburg

Das Stück ist eine sogenannte "ernste Komödie", was wirklich nicht leicht zu machen ist. Die Magdeburger Inszenierung schafft es – sie ist zugleich urkomisch und sehr ernsthaft. Sie belässt den Stoff beinahe so, wie er ist: Basilio, ein alter König, gibt seinem Sohn Sigismund – den er eigentlich vor der Welt versteckt, weil die Sterne ihm prophezeit hatten, Sigismund würde Unglück über das Land bringen – die Chance, das Regieren zu probieren. In Magdeburg ist Sigismund eine KI, eine Künstliche Intelligenz. Gleich zu Beginn steht er wie ein Homunkulus in einem Wasserbecken, von Licht und Nebel und mystischer Musik umwabert.

Menschen mit langen schwarzen Gewändern tanzen mit expressiven Bewegungen über die Magdeburger Bühne.
Der Hofstaat wirkt in seinen Gewändern würdevoll und albern zugleich. Bildrechte: Kerstin Schomburg

Man will diesem sehr schönen, sehr atmosphärischen Bild der Inszenierung sofort folgen. Gleich danach tritt Basilios Hofstaat in einer Choreografie auf, die zugleich voller Pathos und voller Parodie ist. Sie erscheinen mit heiligem Ernst, um dann beispielsweise gemeinsam Blockflöte zu spielen – "Game of Thrones" trifft Monty Python. Was die Inszenierung auszeichnet, ist die Leichtigkeit, mit der sie dem Calderón Einschübe verpasst: Gemeinsam mit seiner rechten Hand erfindet Basilio, weil "einfach zu viele Kutschen auf den Straßen sind", den Kreisverkehr. Das ist, im wahrsten Sinne, umwerfend gespielt. Jemanden hinrichten ist hingegen gerade schlecht: "der Henker ist in Elternzeit".

Komisches Theater mit Tiefgang und Aktualität

Im Vordergrund wird ein Menschen mit Glatze von unten angeleuchtet. Im Hintergrund erklärt ein Mann mit großen Gestern einem anderen Menschen etwas.
Anton Andreew, Iris Albrecht und Mansur Ajang überzeugen gleichermaßen auf der Bühne Bildrechte: Kerstin Schomburg

Es geht sehr klamaukig zu auf der Bühne, es gibt wahnsinnig viel zu lachen. Die Haupt- und Nebenhandlungen des Calderón-Textes gehen darin dennoch nicht verloren. Alles da, und wie! Zum Beispiel: Marie-Joelle Blazejewski als Rosaura und Philipp Kronenberg als Clarin sind mimische Vulkanausbrüche. Iris Albrecht als König Basilio ist mal agile Komödiantin, mal gebeugte Denkerin im Gewand des alten Herrschers.

Immer wieder gibt es kleine Denkanstöße. Als Basilio seine Schöpfung Sigismund zum König auf Probe bestellt, beschreibt er – die Menschmaschine – die Probleme im Land mit bürokratisch wirkenden Begriffen wie "Heizkostenpreiseexplosion", was humorvoll an die – kein Scherz – "Kurzfristenergieversorgungssicherungsmaßnahmenverordnung (EnSikuMaV)" der Bundesregierung erinnert. Kunst hingegen findet dieser KI-Sigismund nutzlos: macht keinen satt, verjagt keinen Feind. Was natürlich Theatermacher-Ironie ist.

Kein wildes Regietheater in Magdeburg

Das Magdeburger Team behält trotz allem eine strenge Form bei. Nie herrscht Chaos auf der Bühne. Nichts ist umgangssprachlich hingerotzt, alles hat theatrale Würde und oft die Verse eines klassischen Theatertextes. Immer wieder scheint zwischen den Albernheiten, den Andeutungen das klassische Drama hervor: Das der jungen Generation, die aufbegehrt gegen die alte, die diktieren will, wie sie zu leben hat. Das der Frauen, denen ein Rollenverhalten aufgezwungen wird. Und nicht zuletzt das ganz Große: Was heißt es eigentlich, ein Mensch zu sein?

Eine Person in schwarzer Kutte steht aufgerichtet auf der Bühne, mehrere andere ähnlich gekleidete Personen ducken sich hinter ihr.
Die Kostüme wurden von Clemens Leander entworfen. Bildrechte: Kerstin Schomburg

Alles ist zeitlos, ästhetisiert, könnte man sagen. Die Kostüme sind irgendwo zwischen japanischem Kabuki und Fantasy angesiedelt, die Musik an "Game of Thrones" angelehnt. Gespielt aber wird mit einem Augenzwinkern. Vielleicht ist die eigentliche Qualität des Abends, dass er eben keine plakative Botschaft preisgibt, sondern nur anregt. Und dazu verdammt gut unterhält – eine kongeniale Mischung aus Ernst und Humor. Selbst am Ende, wenn "die Welt, die uns umgibt, im Sterben liegt" und als "so seltsam" beschrieben wird, wenn "die Zeit der Monster" längst angebrochen ist (und so scheint es ja zu sein), bleibt Zeit für ein Lachen.

Ganz zum Schluss gibt es eine Ermutigung ans Publikum: Anton Andreew steht als KI-basierter Universalkünstler an der Rampe und spricht das Publikum direkt an: "Bleibt menschlich, macht Fehler!", sagt er. Ein verdammt kluger Abend. Ein Traum!

Angaben zur Inszenierung "Das Leben ein Traum" nach Pedro Calderón de la Barca.
In einer Fassung von Clara Weyde und Bastian Lomsché

Regie: Clara Weyde
Bühne. Sabine Kohlstedt
Kostüme: Clemens Leander
Musik: Thomas Leboeg
Mit: Iris Albrecht, Mansur Ajang, Anton Andreew, Marie-Joelle Blazejewski, Julia Buchmann, Lorenz Krieger, Philipp Kronenberg, Michael Ruchter

Weitere Termine:
11. September, 18.30 Uhr
17. Septmeber, 19.30 Uhr
2. Oktober, 19.30 Uhr
21. Oktober, 19.30 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. September 2022 | 07:40 Uhr

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