Von Laufkatzen, Transporthunden und KI-Mäusen Theater in Magdeburg mit "In Arbeit..." neu erleben

Eine außergewöhnliche Theaterproduktion hat in Magdeburg Premiere – die sogenannte Stadtrauminszenierung "In Arbeit…" in der Regie des Kollektivs willems&kiderlen. Außergewöhnlich allein deshalb, weil sie nicht im Schauspielhaus, sondern im Technikmuseum Magdeburg beginnt. Dort, auf dem ehemaligen Schwermaschinenbaukombinat "Ernst Thälmann" (SKET), begibt sich das Publikum auf eine Reise in die jüngere Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Arbeit in Magdeburg.

Eine Figur mit Blaumann und überdimensioniertem Katzenkopf steht in einer Ruine, vorne stehen blaue Stühle
Die Aufführung findet nicht auf einer üblichen Bühne statt. Bildrechte: Andreas Lander

Die ehemalige SKET Werkshalle bzw. das heutige Technikmuseum ist riesig. Und an der Decke hängt noch immer der gigantische Kran. Auf diesen zeigt Wolfgang Post, einer der rund 30.000 Arbeiter, die hier zu DDR-Zeiten im Schwermaschinenbaukombinat "Ernst Thälmann" beschäftigt waren. Diese rostbraune Deckenkrane seien laut Post später im Original im SKET gebaut wurden.

Eine Figur mit Blaumann und überdimensioniertem Katzenkopf steht auf einer Hebebühne und zeigt mit ausgestrecktem Arm auf etwas
Auf den Spuren ehemaliger SKET-Arbeiter führt ein Guide durch das Technikmuseum Magdeburg. Bildrechte: Andreas Lander

Wie Post waren viele Magdeburger bei SKET beschäftigt, andere hatten Verwandte oder Bekannte dort, bis es in den 90er-Jahren abgewickelt wurde. Und genau das sei laut der Dramaturgin Elisabeth Gabriel Ausgangspunkt dieser Stadtrauminszenierung gewesen.

Die Vergangenheit erleben und aufarbeiten

Als Dramaturgin im Westen sozialisiert hat Gabriel beim Besuch des Technikmuseums erstmals gespürt, wie wichtig dieser Ort für die Magdeburger war. "Mir ist damals bewusst geworden, dass das ein irrsinniger Bruch gewesen sein muss für die Stadt, diese Identität zu verlieren und vor allem für die Menschen, ihre Arbeit und damit jede Perspektive zu verlieren und sich komplett neu orientieren zu müssen." sagt Gabriel. Dies sei nicht aufgearbeitet worden. Einen stolzen Blick zurück und auch nach vorne zu werfen und das erfahrbar zu machen, sei deswegen wichtig gewesen.

Eine Besuchergruppe läuft durch eine Halle mit verschiedenen Maschinen, alle tragen Kopfhörer und Masken
Die Aufführung führt die Zuschauenden mittels Kopfhörern durch eine Reihe an Stationen. Bildrechte: Andreas Lander

So erkunden die 45 Teilnehmer in den folgenden zweieinhalb Stunden das riesige stillgelegte Gelände, dessen Gebäude, Ruinen und Brachen bis heute das Stadtbild prägen, aber nicht mehr betreten werden dürfen. Nun darf und soll man sich sogar umschauen - denn am Ende wird man gar selbst zum Akteur. Die Regisseurin Meret Kiderlen erklärt: "Man begibt sich auf bestimmte Weise in die Zeit zurück, aber man versucht auch zusammen gedanklich eine neue Art von Brigade zu formen. Die anderen Zuschauenden sind dann diejenigen, die einem dafür als Projektionsfläche dienen."

Verschiedene Menschen kommen in der Inszenierung zu Wort

Logistisch ausgeklügelt und verbunden mit einer kleinen Busfahrt begegnet man so realen Personen aber auch vielen Zeitzeugen über den Kopfhörer. Denn Kiderlen hat 30 Menschen interviewt und daraus eine Collage entwickelt. Dafür hat sie mit Leuten, die sich tatsächlich mit dem Thema Arbeit beschäftigen, Historikerinnen und Historikern, Expertinnen und Experten von Künstlicher Intelligenz sowie Zeitzeuginnen und Zeitzeugen gesprochen.

Neben diesen Original-Tönen und einer authentischen Geräuschkulisse führt ein Erzähler wie ein Guide über das Gelände und gibt nebenbei immer mal wieder Denkanstöße. Denn letztlich geht es nicht um eine nostalgische Rückbesinnung, sondern auch um ein konstruktives Nachdenken über das virulente Thema Arbeit

Eine Figur mit einem Hasenkopf schaut auf eine Gruppe, die über eine Baustelle im Freien laufen, im Hintergrund eine Konstruktion aus Stahl
Ein wiederkehrendes Motiv sind die Figuren im Blaumann mit verschiedenen Tier-Köpfen. Bildrechte: Andreas Lander

Es sei laut Meret Kiderlen klar gewesen, dass sie nicht nur beim alten SKET bleiben wollten. Es sollte auch überlegt werden, welche Arbeitswelt wir heute erleben und welche individuelle Entwicklung die Lebenswege der Protagonisten durchgemacht haben, die alle auch etwas übereinander erzählen. Anhand derer solle ganz konkret etwas über Arbeit erzählt werden.

Eine Gegenüberstellung von Alt und Neu

Inzwischen haben sich neue Firmen angesiedelt. Einer der größten Arbeitgeber ist das moderne Dienstleistungsunternehmen Regiocom. Auch das erzählt vom Transformationsprozess. Denn statt in den gigantischen Werkshallen des Schwermaschinenbaus schlägt dessen Herz im unscheinbar kleinen Rechenzentrum. Eine wirkmächtige Gegenüberstellung, von der es bei dieser Stadtrauminszenierung einige gibt. Zum Beispiel, wenn am Ende ein kleiner Roboter in der Werkshalle den Rundgang beendet: "Und dann sagen wir Tschüß und bis bald liebe Kolleginnen und Kollegen."

Das ist humorvoll, einfühlsam und hintergründig und durch die Authentizität des Geländes und die Nähe zu den Protagonisten ein gelungenes Theatererlebnis. Das sollte man sich nicht entgehen lassen. Man kann nur hoffen, dass dieses aufwändig produzierte Stück auch mit dem Intendantenwechsel im Sommer auf dem Spielplan bleibt.


Mehr Informationen zur Aufführung "In Arbeit... von Laufkatzen, Transporthünden und KI-Mäusen"
willems&kiderlen
Technikmuseum Magdeburg, Dodendorfer Str. 65, 39112 Magdeburg

Termine:
Premiere am 26. März, 14 Uhr
2. April (Samstag), 14 Uhr
9. April (Samstag), 14 Uhr
16. April (Samstag), 14 Uhr
23. April (Samstag), 14 Uhr
14. Mai (Samstag), 14 Uhr

Mehr Kultur-Angebote in Sachsen-Anhalt

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. März 2022 | 07:45 Uhr

Mehr MDR KULTUR