Vor 135 Jahren geboren Wie Tanz-Ikone Mary Wigman das Tanztheater revolutionierte

Sie gilt als Pionierin des Ausdruckstanzes in Deutschland: Tänzerin, Choreografin und Tanzpädagogin Mary Wigman. In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen erlangt sie durch ihren neuartigen Tanzstil internationale Bekanntheit. Lange wirkte die Choreografin auch in Leipzig und Dresden, wo die Tänzerin Gret Palucca eine ihrer ersten Schülerinnen war. Vor 135 Jahren, am 13. November 1886, wurde Mary Wigman in Hannover geboren. Eine Hommage an eine der einflussreichsten Wegbereiterinnen des rhythmisch-expressiven Ausdruckstanzes.

"Ich war einmal völlig verzweifelt und unglücklich, weil ich gar nicht mehr wusste, was ich eigentlich mit meinem Leben anfangen sollte. Und da entdeckte ich plötzlich, dass ich mich in all meinem Unglück bewegte und zwar so bewegte, wie ich es bisher noch nie getan hatte und wie es plötzlich auch zu einer Aussage wurde. Das Weinen und Schluchzen wurde beinahe schon eine Art Begleitmusik für die Aussage der Bewegung." – Mary Wigman über eine Erfahrung als Anfang 20-Jährige, die zur Initialzündung für sie wird: Für ihre Art des Tanzes, eine Revolution auf der Bühne.

Mary Wigman
Porträt von Mary Wigman, fotografiert von Hugo Erfurth zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Bildrechte: imago images/Artokoloro

Schlüsselerlebnis mit Grete Wiesenthal

Geboren wird sie als Marie Wiegmann 1886 in Hannover. Das Elternhaus gutbürgerlich. Mary, wie sie schon als Kind genannt wird, besucht eine höhere Mädchenschule, später Pensionate in England und der Schweiz. Sie soll "eine gute Partie" machen, das, was für heiratsfähige Mädchen damals so vorgesehen ist. Doch Mary erlebt die berühmte Grete Wiesenthal und ihre getanzte Neuinterpretation des Walzers.

Ein weiteres Schlüsselerlebnis, erinnert sich Wigman: "Und während sie die Arme im Tempo und im Charakter des Walzerthemas hoch und die Hände nach oben sich öffnen ließ, geriet ich förmlich in einen Zustand der Verzauberung. Denn zum ersten Mal sah ich, dass eine Hand, die menschliche Hand, tatsächlich aufblühen, zur Blüte werden konnte. Und wenn es das gab, dann mussten die Hände auch noch mehr sagen können, sie müssten böse, gierig, bedrohlich, grausam sein können. Aber natürlich auch zart."

Elsa und Grete Wiesenthal beim Tanzen des Faustwalzers, 1920er Jahre
Elsa und Grete Wiesenthal beim Tanzen des Faustwalzers, 1920er Jahre Bildrechte: IMAGO / imagebroker

Ausbildung bei Émile Jaques-Dalcroze und Rudolf von Laban

1910, mit 24 – die Eltern sind wenig begeistert, da beginnt Wigman eine Ausbildung bei Émile Jaques-Dalcroze in Hellerau bei Dresden. Sie lernt vieles über Bewegung, Musik und Rhythmus. Doch das, was sie sucht, findet Wigman erst ab 1913 in der Schweiz, bei Rudolf von Laban. Sie tritt in dessen Schule auf dem Monte Verità bei Ascona ein, zunächst als Schülerin, später als Assistentin. Wigman erzählt: "Es war in Ascona, wo ich ihm begegnet bin und wo ich zum ersten Mal das Gefühl hatte, dieses ist der Lehrer, und er ist doch eigentlich immer der einzige geblieben."

Wigman verarbeitet und verwirklicht Labans Ideen in ihrem "absoluten Tanz" – der Tanz als Selbstzweck. Musik, Dekoration und Kostüme nur ganz sparsam, am besten gar nicht. Sie lenken nur ab von der Bewegung als künstlerischem Ausdruck. Tanz als Medium, zur Erforschung des Menschen, von Leben und Tod. In ihrem Hexentanz trägt Wigman eine Gesichts-Maske, rutscht auf dem Hintern über die Bühne, stampft mit den Füßen, krallt mit den Händen in die Luft. Eine Herausforderung für das Ballettpublikum nach dem Ersten Weltkrieg – und für die Tänzerin selbst: "Es graute mir vor mir selber, vor der Preisgabe dieser Seite meines Ichs, der ich mich in solch unverhüllter Nacktheit noch nie ausgeliefert hatte. Aber ist nicht in jedem hundertprozentigen weiblichen Wesen ein Stück Hexe verborgen?"

Rudolf von Laban
Mary Wigman zählte zu den wichtigsten Mitarbeiterinnen von Rudolf von Laban. Bildrechte: imago/United Archives

Aufbruch nach Dresden

Wigman tanzt vornweg beim Aufbruch in die Moderne. Doch noch stößt sie beim Publikum vor allem auf Unverständnis und Schweigen. So auch bei einem ersten Auftritt im Nachkriegsberlin 1919. Dann aber betreten zwei junge Männer ihre Garderobe: "Und die waren begeistert und haben sofort gesagt: Wir machen einen Tanzabend in Dresden und das wird herrlich. Und das war eigentlich der Anlass, dass ich dann 22 Jahre meines Lebens in Dresden gelebt und gearbeitet habe."

1920 eröffnet Mary Wigman in Dresden eine eigene Tanzschule. Von hier aus verhilft sie ihrem expressiven Tanz zum Durchbruch, auch mit Gastspielen, anfangs als Solistin und dann als Leiterin ihrer eigenen Truppe. In den 1930er Jahren wird Wigman in den USA gefeiert, als Schöpferin des "New German Dance".

Sie will Empfinden, die Nazis wollen Gehorsam. Als Nazi-Diva ist sie nicht zu gebrauchen.

Hedwig Müller Biografin

Tänzer
Tänzerinnen in Wigmans Tanzschule. Undatierte Aufnahme aus dem 20. Jahrhundert. Bildrechte: imago/United Archives International

Zu den Nazis hat Wigman eine ganze Weile ein ambivalentes Verhältnis. Für den Eröffnungsabend der Olympischen Spiele von 1936 choreografiert sie einen Auftritt mit 80 Tänzerinnen. Hitler und Co. schmücken sich mit der international renommierten Tänzerin, mit deren expressiver Kunst sie nichts anfangen können.

Die Wigman-Biografin Hedwig Müller schreibt: "Sie pflegt einen Individualismus, den auszutreiben der nationalsozialistische Staat sich zum Ziel gesetzt hat. Mary Wigman ist ein Relikt des Expressionismus und der Weimarer Republik, ihre Philosophie gefährlich. (...) Sie will Empfinden, die Nazis wollen Gehorsam. Sie bestärkt die moralische Unabhängigkeit jedes einzelnen. (...) Als Nazi-Diva ist sie (...) nicht zu gebrauchen." – 1941 verliert Wigman ihre Dresdener Tanzschule. Bald darauf verabschiedet sie sich als Tänzerin von der Bühne.

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach Kriegsende eröffnet Wigman in Leipzig eine neue Tanzschule, inszeniert an der dortigen Oper. Später verlegt sie ihre Schule in den Westen Berlins, führt an verschiedenen Bühnen Regie. Und sie erlebt – mit einiger Verzögerung –, wie der von ihr maßgeblich geprägte Ausdruckstanz die klassischen Bühnendarbietungen verändert, wie ihr Lebenswerk auch durch ihre Schülerinnen weiterlebt, in Dresden zuallererst durch Gret Palucca.

Die Tänzerin, Choreographin und Tanzpädagogin Mary Wigman während der Eröffnung des Deutschen Volkskongresses am 6. Dezember 1947 in der Staatsoper in Ost-Berlin.
Mary Wigman während der Eröffnung des Deutschen Volkskongresses am 6. Dezember 1947 in der Staatsoper in Ost-Berlin. Bildrechte: dpa

Wenn es eine Wiedergeburt gibt, ich schwöre Ihnen, ich möchte wieder Tänzerin werden.

Mary Wigman

1973 stirbt Mary Wigman mit 86 Jahren in Berlin. Wigmans Leben war Tanz: "Wenn Sie mich nun noch mal wieder fragen würden: Haben Sie je bereut, Tänzerin und Tanz-Regisseurin geworden zu sein? Dann strahle ich Sie an und sage: Ja, wenn es eine Wiedergeburt gibt, nicht, und ich noch mal wieder auf die Welt käme, ich schwöre Ihnen, ich möchte wieder Tänzerin werden."

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. November 2021 | 06:40 Uhr

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