Debatte Am Beispiel Meiningen: Lassen sich Familie und Beruf im Theater vereinbaren?

Das Theater lädt zwar gerne Kinder und Familien in den Saal, doch für die Mitglieder der Ensembles ist der Betrieb nicht immer familienfreundlich. So müssen Schauspielerinnen und Schauspieler bis spät abends proben und am Wochenende Vorstellungen spielen. Das erlebt auch Anja Lenßen, die mit ihrem Mann zum Ensemble am Staatstheater Meiningen gehört. Wie kann die Balance zwischen Familie und Theater gelingen?

Die Meininger Bühne ist in orangenes Licht getaucht: Ein Mann in Clownsanzug steht links an einem Mikrofon, rechts eine Frau in orangenem Kleid.
Bei der energiereichen Inszenierung von "Shockheaded Peter" stand Anja Lenßen mit auf der Bühne. Wie gelingt der Schauspielerin Bildrechte: Christina Iberl

Anja Lenßen ist Schauspielerin und zweifache Mutter. Sie hat einen achtjährigen Sohn und eine fünfjährige Tochter. Bevor die gebürtige Wuppertalerin vor gut zehn Jahren ans Meininger Staatstheater kam, war sie am Landestheater Coburg engagiert. Bei einem Intendantenwechsel wurde sie – damals noch kinderlos – nicht übernommen. Vorher habe es ein unangenehmes Gespräch gegeben, erzählt die Schauspielerin, "in dem ich gefragt wurde: Haben Sie Kinder? Haben Sie Schulden? Haben Sie Grundbesitz?" Die Antworten lauteten "Nein".

Damit fiel die damals 39-Jährige nicht in die Kategorie "sozialer Härtefall" und war, wie es für künstlerisches Personal am Theater bei einem Leitungswechsel nicht ungewöhnlich ist, leicht kündbar. Plötzlich war die Kinderlosigkeit kein vermeintlicher Karrierevorteil mehr, sondern offenbar sogar ein Karrierenachteil. Die Kündigung habe sie damals in eine tiefe Sinnkrise gestürzt, berichtet Lenßen: "Ich hatte auch deshalb noch keine Kinder, weil ich es mir zu dem Zeitpunkt gar nicht vorstellen konnte, wie das überhaupt funktionieren soll."

Familie und Theater – wie geht das zusammen?

Am Theater wird üblicherweise unter der Woche von 10 bis 14 Uhr sowie abends von 18 bis 22 Uhr und am Samstagvormittag geprobt. Dazu kommen die Vorstellungen, die in der Regel abends stattfinden. Vor- und Nachbereitung sowie das Textlernen beansprucht zusätzlich Zeit. "Von den Frauen um mich herum hatte damals keine Kinder", erinnert sich die heute 50-Jährige Lenßen an ihre Zeit in Coburg. Viele Frauen im Ensemble seien noch sehr jung gewesen, während die wenigen älteren behaupteten, sich bewusst gegen Kinder entschieden zu haben.

Vier Frauen gehen nebeneinander mit schwingenden Schritten auf der Bühne nach vorne.
Die Revue "Heiße Zeiten" in Meiningen erzählt von Frauen in den Wechseljahren. Bildrechte: Marie Liebig

Bei Anja Lenßen wollte es der Zufall dann so, dass sie ein neues Engagement am Meininger Staatstheater fand. Dort lernte sie ihren heutigen Mann kennen und stellte sich dem Thema Familie nochmals neu. "Was sich verändert hatte, war meine Haltung", erzählt die Schauspielerin. "Plötzlich dachte ich: Auch wenn es anscheinend nicht geht, versuche ich es trotzdem." Dennoch fiel ihr der Gang zum Chef, als sie dann tatsächlich schwanger war, nicht leicht. "Ich habe mich gefühlt, als machte ich etwas Verbotenes, weil es so in der Struktur nicht vorgesehen ist."

Familienleben im Probenbetrieb

In Anja Lenßens Fall gibt es die Besonderheit, dass ihr Mann auch Schauspieler ist. Was dazu führt, dass gleich beide Elternteile die am Theater üblichen familien-unfreundlichen Arbeitszeiten haben. Ein normaler Wochentag sieht bei den Lenßens so aus: Ihr Mann bringt den Sohn in die Schule, sie die Tochter in den Kindergarten. Nach Probenschluss um 14 Uhr gibt es Familienzeit bis 18 Uhr. Dann kommt ein Babysitter – und zwar jeden Tag.

Probleme entstehen, wenn Regisseure oder Regisseurinnen die Probenzeiten nicht einhalten. "Man müsste es wahrscheinlich auch selber mehr einklagen und sich nicht mit der Situation unsichtbar machen", so Lenßen. Gleichzeitig wollen sie und ihr Mann keine Sonderwünsche stellen.

links im Vordergrund stehen Menschen in goldenen Anzügen. Von hinten rechts schauen zwei Frauen auf die Gestalten.
Bei der feministischen Interpretation von "Kabale und Liebe" in Meiningen wirkte auch Anja Lenßen mit. Bildrechte: Christina Iberl

Tatsache ist, dass die Realität eines Regisseurs oder einer Regisseurin, die für eine Produktion ohne weitere Verpflichtungen für sechs Wochen an ein Theater kommen, natürlich eine komplett andere ist, als für künstlerische Mitarbeiter, die einen Alltag und eine Familie vor Ort haben.

Wie kann der Theaterbetrieb familienfreundlicher werden?

Tatsächlich liegen die Ideen, wie die Strukturen verändert werden könnten, um den Theaterbetrieb familienfreundlicher zu machen, schon lange auf dem Tisch. Der Verein Ensemble-Netzwerk (ein Zusammenschluss von Künstlern und Künstlerinnen), der sich seit 2015 für bessere Arbeitsbedingungen am Theater einsetzt, hat dazu einen Forderungskatalog erstellt. Neben dem Einhalten von Probenzeiten verlangt der Verein auch die Probeneinheit am Samstagvormittag zur Disposition zu stellen. Auch weil es in dieser Zeit besonders schwierig ist, eine Kinderbetreuung zu organisieren.

Eine Frau hockt in einer kleinen Blechwanne. Hinter ihr sitzt eine weitere Frau, die ihr die Haare streichelt.
In der Meininger Inszenierung des Klassikers "Antigone" verkörperte Anja Lenßen den ganzen Chor. Bildrechte: Christina Iberl

Diese Tatsache ist auch Jens Neundorff von Enzberg, dem Intendanten des Meininger Staatstheaters, bewusst. Seiner Meinung nach bräuchten Theater – das in Meiningen unterhält vier Sparten – einen finanziellen Spielraum, um eine Kinderbetreuung von Seiten des Arbeitgebers anbieten zu können. In anderen großen Unternehmen sei das schon lange gang und gäbe.

Meininger Intendant will Verbesserung schaffen

Während seiner vorherigen Intendanz in Regensburg habe er sich um eine interne Lösung bemüht, erzählt von Enzberg. Gescheitert sei ein betrieblicher Kindergarten schließlich an der Bürokratie und den gesetzlichen Auflagen. Etwa: Wie muss ein Raum, in dem Kinder betreut werden, beschaffen sein? "Es gibt eine Bereitschaft zu Veränderung, aber auch an politischer Stelle muss mitgewirkt werden", so der Meininger Intendant.

Anstatt mehr finanzielle Mittel haben die Theater heute tendenziell weniger als früher. Weil trotzdem ähnlich viel produziert wird, hat die Arbeitslast für Schauspielerinnen und Schauspieler in den vergangenen Jahren zugenommen. Anja Lenßen würde sich wünschen, dass trotzdem Wege gefunden werden, um individueller zu gucken: "Auch ich will große Rollen spielen. Aber vielleicht ist es möglich für Menschen mit Kindern innerhalb einer Spielzeit mal eine Produktionspause einzubauen." Eine kleine Oase zur Regeneration, auch um Krankheit und Erschöpfung vorzubeugen.

Deutlich wird bei alledem, dass es weiterhin einer grundsätzlichen Umdeutung bedarf: nämlich, dass Kinder eben kein Problem sind, sondern mindestens normal. Für Anja Lenßen ist die Tatsache, dass sie heute eine Familie hat, auch eine Ressource im beruflichen Alltag. Denn: seit sie selbst Kinder hat, habe sie zu Mutterrollen einen ganz anderen Zugang.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. April 2022 | 18:10 Uhr

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