Buch: "Ach, ein Theater haben Sie auch?" Warum Stars wie Goethe, Loriot und Iris Berben das Theater Meiningen schätzten

Das Theater Meiningen verfügt über eine faszinierende Geschichte, angekurbelt bereits im 19. Jahrhundert durch Herzog Georg II. – einem fanatischen Theaterfan. Später kamen Größen wie Johannes Brahms oder Johann Wolfgang von Goethe nach Meiningen, und auch Stars wie Loriot, Armin Mueller-Stahl oder Iris Berben sind hier schon aufgetreten. Das lesenswerte Buch "Ach, ein Theater haben Sie auch?" von Carola Scherzer stellt die Strahlkraft des Ortes vor.

Schon der Buchtitel "Ach, ein Theater haben Sie auch? Künstler in Meiningen" verrät in seinem leisen Unterton, dass es sich hier um ein kulturelles Selbstverständnis einer ganzen Stadt handelt. Man will und muss nicht immer im Windschatten der Thüringischen Kulturmetropole Weimar um Wahrnehmung und Wertschätzung buhlen. Denn wer war nicht alles schon in Meiningen? Was schwebt bis heute über dem Theater, für das ein schauspielbegeisterter Herzog Georg II. im 19. Jahrhundert den Grundstein legte? All das zeigt die Journalistin Carola Scherzer in ihrem Buch.

Den Theaterherzog ärgerte es "dass in Deutschland so schlecht Shakespeare gespielt wurde". Denn Shakespeare sei Fleischeslust und Kosmosdenken im Spiel, anders, als das auf Betonung getrimmte bürgerliche Aufklärungstheater. Das Theater Meiningen wurde daher unter diesem Herzog reformiert und erlangte, ja das kann man sagen, weltweite Beachtung.

Georg II. Herzog von Sachsen-Meiningen, Porträt des Mannes mit langem Rauschebart
Herzog Georg II. von Sachsen-Meiningen galt als Theaterfan und legte für das Theater Meiningen den Grundstein. Bildrechte: imago images/H. Tschanz-Hofmann

Interview-Schätze aus der Meininger Theatergeschichte

Aber Scherzer legt in ihrem Buch keine chronologische Kulturgeschichte Meiningens vor. Die studierte Kulturwissenschaftlerin hat selbst viele Jahre am Theater als Pressedramaturgin gearbeitet. Nach 1990 schrieb sie als Kulturredakteurin für das "Meininger Tageblatt".

Für ihr Buch greift sie auf einen archivierten Schatz von unzähligen Interviews aus 30 Jahren zurück und hat sich bei der Entscheidung, ein Buch daraus zu machen, selbstkritisch befragt: Ist das alles eigentlich noch aktuell und sagt uns das heute noch irgendwas? Ihre Entscheidung, dass es das tut, spiegelt die Auswahl der Künstler und Künstlerinnen beeindruckend wider.

Loriot hat in Meiningen inszeniert

So bestreitet den Auftakt, nach einem kurzweiligen Rückblick auf die Theatergeschichte unter Herzog Georg II., kein geringerer als Vicco von Bülow alias Loriot. Der kam 1993 nach Meiningen, um hier am Theater die Oper "Martha" zu inszenieren. Im Interview verrät er, warum es ihn, den Humoristen, in die ostdeutsche Provinz verschlug und was ihn begeistert hat. Für Loriot war die gespürte menschliche Nähe ein großes Kapital des Ostens:

Vicco von Bülow alias Loriot, ein Mann im Anzug, mit Weste und Schlips
Vicco von Bülow alias Loriot inszenierte am Theater Meiningen eine Oper. Bildrechte: IMAGO

Ich meine da beispielsweise die Wärme und das Fehlen jeglicher Intrige an den Theatern im Osten. Die menschliche Seite ist hier viel weiterentwickelt als im Westen.

Loriot zu seiner Zeit am Theater Meiningen

Und auf die Frage, ob er nochmal nach Meiningen kommen wolle, hört man Loriot förmlich lachen und mit verschmitzter Mine antworten, dass es mit 70 doch etwas tollkühn wäre, über die zwei nächsten Jahre zu verfügen.

Meiningen war ein Sprungbrett für Weltstars

Loriot war also hier – und wer noch? Die Neugierde wird im Buch auf unterhaltsame Weise geweckt. Im Club der toten Dichter und Musiker finden sich Johannes Brahms, Johann Wolfgang von Goethe, Jean Paul, Hans von Bülow, um nur einige zu nennen.

Meiningen ist Sprungbrett für Stars und Weltstars – wie die Sängerin Elīna Garanča. Die Lettin ist heute eine gefragte Mezzosopranistin auf den größten Opernbühnen, von New York bis Paris. Aber auch der Schauspieler Eberhardt Esche, vielen noch bekannt als Parteisekretär und Gegenspieler von Manfred Krug in dem Film "Spur der Steine", begann hier seine Schauspielerkarriere. Und so gibt sich hier das Who-is-who die Klinke in die Hand: Der Maler Alfred Hrdlicka, Schauspieler Armin Mueller-Stahl, Iris Berben, der Schrifsteller Jewgeni Jewtuschenko und, und, und …

Das Staatstheater Meiningen, die Bühne, davor das Parkett und darüber zwei Etagen für Zuschauerinnen und Zuschauer
Die Bühne des Staatstheaters Meiningen heute Bildrechte: dpa

Einzigartige Anziehungskraft

Der Leser wird überrascht sein, welche Anziehungskraft von Meiningen ausgeht und wie persönlich Künstler und Künstlerinnen über ihre Zeit hier zu Wort kommen. Denn Scherzer wollte nicht noch einen Kulturstadtführer veröffentlichen, der mit den Worten "Was man gesehen haben muss" allzu oft nur langweilt.

Dieses Theaterkapitel der Meininger Kulturgeschichte braucht eine Zeitzeugin wie Scherzer. Ihr journalistischer Blick und ihre Liebe zu Künstlerinnen und Künstlerin macht dieses Buch überaus lesenswert.

Das Theater Meiningen, ein Bau mit hohen Säulen, darüber ein dreieckiges Dach
Das Theater Meiningen, ein eindrucksvoller Bau nach antikem architektonischen Vorbild Bildrechte: IMAGO / imagebroker

Informationen zum Buch Carola Scherzer: "Ach, ein Theater haben Sie auch? Künstler in Meiningen"
256 Seiten, gebunden, mit zahlreichen Fotos
ISBN: 978-3-355-01906-4
Verlag Neues Leben
22 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | 16. März 2022 | 19:00 Uhr

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