Premiere "Struwwelpeter" am Staatstheater Meiningen: Eltern-Kind-Beziehungen neu gedacht

Das Buch "Der Struwwelpeter" von Heinrich Hoffmann aus dem Jahr 1844 wurde bereits in vielen Kinderstuben gelesen und vielfach interpretiert. Eine populäre Bühnenadaption kommt aus Großbritannien: Das Musical mit dem Titel "Shockheaded Peter" wird von seinen Autoren auch als "Junk-Oper" bezeichnet. Das Staatstheater Meiningen hat sich nun dem Stoff angenommen und zeigt eine spannende Version – in der sowohl Kinder als auch ihre Eltern noch etwas lernen können.

Leo Goldberg als Struwwelpeter
Der extravagante Shockheaded Peter alias Struwwi. Bildrechte: Christina Iberl

Mit über 500 Auflagen ist "Der Struwwelpeter" von Heinrich Hoffmann eines der erfolgreichsten Kinderbücher weltweit. Die darin enthaltenen, zum Teil äußerst brutalen Geschichten – etwa vom Daumenlutscher oder dem zündelnden Paulinchen – sind schon lange aus der Zeit gefallen. Die ursprünglich wohlwollend gemeinte, pädagogische Absicht des Autors erscheint aus heutiger Sicht geradezu absurd. Absurd ist auch das passende Stichwort für die britische Bühnenadaption des Struwwelpeters mit dem Titel "Shockheaded Peter" – ein grotesk-makabres Musical, geschrieben von Phelim McDermott und Julian Crouch zur Musik des britischen Trios "The Tiger Lillies".

Der Struwwelpeter führt durch das Stück

In der Inszenierung am Meininger Staatstheater muss sich niemand warmlaufen. Binnen Sekunden schießt das Thermometer von Zimmertemperatur auf ziemlich heiß: „Meine Damen und Herren und alle dazwischen. Mädchen und Jungen und alle dazwischen. Mutige und Unerschrockene, die ihr den Weg hierher gewagt, das menschliche Bewusstsein ist voller Ungeheuer: seid gewarnt.“ Mit diesen Worten begrüßt Shockheaded Peter alias Struwwi das Publikum.

Der Schauspieler Leo Goldberg als Struwwelpeter. Er trägt ein buntes Kostüm mit tiefem Ausschnitt an der Brus, lange spitze Finger udn silberne hohe Schuhe.
Leo Goldberg als Shockheaded Peter. Bildrechte: Christina Iberl

Die Wimpern lang, die silbernen Schuhe hoch. Peter – das ist kein verzauselter, verschämter Bub, sondern ein schillernder Showmaster, der das Publikum durch den Abend und die Geschichten vom Daumenlutscher, dem feurigen Paulinchen und Co. führt. Allesamt bis in den Tod. Als fahriges Rumpelstilzchen – mal sanft singend, dann wiederum grell gackernd – tut Peter sein bestes die Situationen zu eskalieren. Das wirkt irgendwie sadistisch, ist er doch eigentlich einer von ihnen. Nun, auch hier sollen die Beispiele der Abschreckung dienen. Allerdings ist in der Inszenierung von Regisseur Philipp Moschitz eines ganz klar: nicht die Kinder sind die Freaks: "Wir haben unser Hauptaugenmerk auf die andere Generation, also die Eltern gelegt", so der Regisseur.

Die Schicksale der Kinder sind neu gedacht

Moschitz diskutiert in seiner Inszenierung Fragen, die am Puls der Zeit sind: Welche Probleme gibt es im 21. Jahrhundert in der Eltern-Kind-Konstellation? Was läuft wirklich schief, wenn etwa, wie beim Suppenkasper, ein Kind plötzlich aufhört zu essen und immer dünner wird, weil die Eltern nicht da sind, sich nicht um ihn kümmern? Was bedeutet die Corona-Krise in Bezug auf häusliche Gewalt für Kinder?

In der Inszenierung am Meininger Staatstheater werden die Schicksale der Kinder umgedeutet. Friederich, der böse Wüterich ist kein rücksichtsloser Grobian mehr, sondern ein Junge, verroht durch die Prügel seines Vaters. Der Zappelphilipp kein unartiger Herumblödler, sondern ein an ADHS erkranktes Kind. Für Dramaturg Olaf Roth ist diese Lesart durchaus auch schon im Originaltext von Heinrich Hoffmann angelegt. Auch wenn Hoffmann damals nicht mit den medizinischen Begriffen von heute hantierte: "Für mich steht Hoffmann auf Seiten der Kinder", so Roth.

Die verschiedenen Figuren werden in der Meininger Produktion von einem fünfköpfigen Ensemble in wilder Spiellust facetten- und farbenreich auf die Bühne gebracht. Begleitet von der fulminanten Musik der Tiger Lillies, changierend zwischen Jazz, Ballade und Punk.

Das Seelenleben von Peter in Form einer Puppe

Als besonderes Element taucht in der Inszenierung immer wieder eine Puppe auf, gespielt und gesprochen von den Schauspielern. Bei ihr handelt es sich um Struwwi – Peters alter Ego und innerer Teufel. Ein Stilmittel, das Regisseur Philipp Moschitz nutzt, um Peters innere Zerrissenheit darzustellen. Dabei entstehen Momente in denen Komik und Tragik fließend sind: "Für mich wird es immer dann spannend, wenn man es schafft, poetisch Schönes und Persiflage in einem unterzubekommen“.

in der Mitte ist dominant die Puppe alias Struwwi zu sehen. Rechts und links davon sind zwei Frauen in goldenen Kostümen zu sehen.
Die Puppe wird abwechselnd von verschiedenen Schauspielenden gespielt. Bildrechte: Christina Iberl

Leo Goldberg, der Peter spielt, verleiht der Figur besonderen Tiefgang. Erst ein von der Wut auf die Ungerechtigkeit der Welt – keiner kann sich seine Eltern aussuchen – Getriebener, der über Leichen geht. Im Verlauf lässt Leo Goldberg die Figur jedoch brüchig werden, über sich hinauswachsen und liefert so den Beweis: sich von der eigenen Geschichte zu emanzipieren, ist möglich.

Mehr Informationen zum Stück "Shockheaded Peter" am Staatstheater Meiningen

Termine:
28. Januar (Freitag) um 19:30 Uhr Premiere
30. Januar (Sonntag) um 18 Uhr
6. Februar (Sonntag) um 15 Uhr
13. Februar (Sonntag) um 18 Uhr
19. Februar (Samstag) um 19:30 Uhr
4. März (Freitag) um 19:30 Uhr
12. März (Samstag) um 19:30 Uhr
31. März (Donnerstag) um 19:30 Uhr
21. April (Donnerstag) um 19:30 Uhr
7. Mai (Samstag) um 19:30 Uhr
5. Juni (Sonntag) um 18 Uhr
16. Juli (Samstag) um 19:30 Uhr

Die Einführung startet 20 Minuten vor Vorstellungsbeginn.

Mehr Theater in Thüringen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. Januar 2022 | 13:10 Uhr

Abonnieren