Deutschsprachige Erstaufführung "Auf der Flucht" zeigt Tennessee Williams autobiografisch, voller Trostlosigkeit und Poesie

Das Meininger Staatstheater zeigt ein in Europa gänzlich unbekanntes Frühwerk von Tennessee Williams mit dem Titel "Auf der Flucht". Es handelt sich um die deutschsprachige Erstaufführung. Williams gehört zu den großen amerikanischen Dramatikern des 20. Jahrhunderts. Weltweite Bekanntheit erzielte er mit Stücken wie "Die Glasmenagerie", "Endstation Sehnsucht" und "Die Katze auf dem heißen Blechdach". Eine Kritik.

Auf der Flucht von Tennessee Williams, Theater, Meiningen
Die schriftstellerische Vorlage von Tennessee Williams' Stück "Auf der Flucht" wurde 1960 mit Marlon Brando unter dem Titel "The Fugitive Kind" verfilmt. Bildrechte: foto@jochenquast.de, Staatstheater Meiningen

Das am Staatstheater Meiningen in deutschsprachiger Erstaufführung zu sehende "Auf der Flucht" spielt im Amerika der 1930er-Jahre, vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise. Schauplatz ist eine billige Absteige, ein sogenanntes "flophouse" in Saint Louis, einer amerikanischen Großstadt im Mittleren Westen. Es ist tiefster Winter. In dem Hotel treffen verschiedene, von der Krise gezeichneten Menschen aufeinander. All diese gestrandeten "Tramps, Verlierer und Schattengestalten" haben eines gemeinsam: sie führen ein Leben am Rande der Gesellschaft.

Tennessee Williams
Der Vorname "Tennessee" ist eigentlich sein Spitzname, Tennessee Williams hieß eigentlich Thomas Lanier Williams III Bildrechte: IMAGO / Cinema Publishers Collection

Inhaber des Hotels ist ein gewisser Mr. Gwendlebaum, alleinerziehender Vater zweier Kinder – Tochter Glory und der Sohn Leo. Beide arbeiten auch im Hotel des Vaters, träumen aber davon auszubrechen aus dieser Schattenwelt. Leo will Schriftsteller werden, Glory verliebt sich in einen Hotelgast und hofft, dass die Liebe sie retten kann.

Autobiografische Elemente von Tennessee Williams

"Auf der Flucht" ist ein sozialkritisches Melodram, das mit dem "Amerikanischen Traum" abrechnet. In Bezug auf die Figuren gibt es eine Zweiteilung. Auf der einen Seite die, die schon aufgegeben haben. Auf der anderen Seite jene, vor allem der jüngeren Generation angehörend, die noch hoffen und kämpfen. Der Text ist hochpolitisch, so wie man es auch von den späteren Werken von Tennessee Williams kennt.

Auf der Flucht von Tennessee Williams, Theater, Meiningen
Das Stück führt in das Amerika der 1930er-Jahre Bildrechte: foto@jochenquast.de, Staatstheater Meiningen

Der damals 26-jährige Williams schrieb "Auf der Flucht" 1937 für eine in Saint Louis ansässige Theatertruppe. Es stellt sein zweites abendfüllendes Stück überhaupt dar. In der Ursprungsfassung recht ausufernd, umfasst es 25 Figuren.

Inhaltlich fällt auf, dass sich Williams ganz offensichtlich an der eigenen Biografie bedient hat. Die Figur des jungen Leo, der Schriftsteller werden will und Probleme mit seinem Vater hat. Eine Schwester, die als wichtige Bezugsperson auftritt. All das kannte er auch aus seinem eigenen Leben.

Auf der Flucht von Tennessee Williams, Theater, Meiningen
Der "Amerikanische Traum", vom Tellerwäscher zum Millionär, war und ist für viele ein Alptraum Bildrechte: foto@jochenquast.de, Staatstheater Meiningen

Der englische Originaltitel "The Fugitive Kind" – ins Deutsche übersetzt: "Die flüchtige Art" – kann als Ausdruck seines damaligen Seelenzustands gelesen werden. Ein junger, zunächst wenig erfolgreicher Autor, der zudem durch seine Homosexualität erleben muss, was es heißt, ein Außenseiter zu ein.

Gefühlsexplosionen und gutes Timing

Regisseur Frank Behnke, der auch Schauspieldirektor am Meininger Staatstheater ist, hat eine Vorliebe für den frühen Williams. Schon in der Vergangenheit hat Behnke zwei der Jugendwerke des Autors in Münster zur deutschen Erstaufführung gebracht.

Im Falle von "Auf der Flucht" musste der Stoff erst übersetzt und in eine spielbare Fassung gebracht werden. Anstatt der ursprünglich 25 gibt es nun neun Figuren. So bekommt jeder der Charaktere Raum für starke Momente.

Auf der Flucht von Tennessee Williams, Theater, Meiningen
Carmen Kirschner spielt die Rolle der Glory Bildrechte: foto@jochenquast.de, Staatstheater Meiningen

Das Meininger Ensemble ist dabei durchweg sehr überzeugend. Die Schauspieler bieten dem Zuschauer eine bemerkenswerte Bandbreite an Emotionen. Auf der einen Seite Verzweiflung und Bitterkeit, auf der anderen Zusammenhalt, menschliche Wärme und Liebe. Manchmal auch alles gleichzeitig. Regisseur Behnke beweist dabei ein gutes Gefühl für Timing und Pointen. Komische Momente verklingen mit dem Gefühl, dass es eigentlich zum Heulen ist.

Singende Cowboys auf der Meininger Bühne

Die Meininger Bühne zeigt einen düsteren Saal voller Betten, einen Ort der Enge ohne jegliche Privatsphäre. Der einzige Blickfang ist ein riesiges, meterhohes, leuchtendes Zeichen, dass den Notausgang markiert.

Auf der Flucht von Tennessee Williams, Theater, Meiningen
Zuneigung vor dem möglichen Notausgang Bildrechte: foto@jochenquast.de, Staatstheater Meiningen

Das ganze Setting ist an Trostlosigkeit kaum zu überbieten. Durch die Figur "Texas" verwandelt sich die Trostlosigkeit allerdings auch immer wieder kurzzeitig in einen leuchtenden Showroom. So ist Texas ein erfolgloser Musiker, der als breit grinsender Cowboy regelmäßig verschiedene Evergreens zum Besten gibt und dessen musikalische Einlagen teilweise unangenehm unpassend – und dennoch jedes Mal aufs Neue mitreißend sind.

Elektrisierende Atmosphäre und Bruch mit Klischees

Die Meininger Bühnenfassung von "Auf der Flucht" ist eine Entdeckung. Nicht nur fängt sie eindrücklich die flirrende Atmosphäre des Amerikas der 30er-Jahre ein, sondern erweckt auch komplexe Figuren zum Leben, die zeitlos erscheinen. Dabei bricht Williams auch mit Klischees: der Gauner, kann zum Poet werden. Der strenge Vater besteht darauf, dass der Sohn seine Jacke mitnimmt, wenn er schon ausreißen möchte.

Zudem ist das Grundmotiv – der Kampf um den sozialen Aufstieg – ja nach wie vor virulent, sodass das Stück viele Anknüpfungspunkte in die Gegenwart bietet.

Auf der Flucht von Tennessee Williams, Theater, Meiningen
Jan Wenglarz (vorne) spielt den Leo Bildrechte: foto@jochenquast.de, Staatstheater Meiningen

Die Aufführung

"Auf der Flucht" von Tennessee Williams
am Staatstheater Meiningen
Deutschsprachige Erstaufführung in der Regie von Frank Behnke
Bühne und Kostüme: Christian Rinke
Dramaturgie: Cornelius Benedikt Edlefsen

Besetzung:

  • Leo Gwendlebaum: Jan Wenglarz
  • Glory: Carmen Kirschner
  • Mr. Gwendlebaum: Gunnar Blume
  • Terry Meighan: Stefan Willi
  • Wang Texas: Felix Kruttke
  • Carl: Yannick Fischer
  • Olsen: Vivian Frey
  • Chuck: Matthias Herold
  • O'Connor: Yannick Fischer
  • Abel White: Michael Jeske


Termine 2022:

  • 15. Februar | 19:30 Uhr
  • 20. Februar | 19 Uhr
  • 19. März | 19:30 Uhr
  • 26. März | 19:30 Uhr
  • 31. März | 19:30 Uhr
  • 20. April | 19:30 Uhr
  • 28. April | 19:30 Uhr

Mehr Theater in Meiningen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. Februar 2022 | 14:15 Uhr

Mehr MDR KULTUR