Premiere Staatstheater Meiningen lotet mit "Waldstück" unsere Beziehung zum Wald aus

Keine andere Landschaft hat das kulturelle Bewusstsein in Deutschland derart geprägt, wie der Wald. In der Romantik wurde er als Sehnsuchtslandschaft überhöht. Später machten die Nazis das Motiv des "Deutschen Waldes" zu einem Teil ihrer rechtsextremen Blut-und-Boden-Ideologie. In letzter Zeit steht der Wald vor allem im Fokus der öffentlichen Diskussionen, weil er in Folge des Klimawandels durch Dürre und Borkenkäferbefall gefährdet ist. Das Auftragsstück "Waldstück" von Björn SC Deigner fragt am Meininger Staatstheater, welche Beziehung unsere Gesellschaft heute zum Wald hat.

Der Wald, der in der Meininger Inszenierung präsentiert wird, wirkt düster und bedrohlich. Die Bäume sind nicht grün und belaubt, sondern schwarz, gezackt und kahl. Eine riesige Eule schaut mit zusammengekniffenen Augen auf das Publikum herunter, kein weiches Moos lädt zum Verweilen.

Die erste Figur, die auftritt, ist eine Frau im schwarzen Kleid mit Hut. Eine Hexe? Unwillkürlich sucht man nach dem Lebkuchenhaus, aus dem es "Knusper, knusper knäuschen" ruft. Aber diese Frau ist keine Hexe, sondern eine "Zeschche". Sie ist nicht böse und gemein, sondern auf eine freundliche Art geheimnisvoll und wissend. Die anfänglich märchenhaft, mystische Stimmung wird rasch von den anderen Figuren weggewischt. Sie verkörpern allesamt Menschen mit ganz profanen Problemen, Fehlern und Verirrungen.

"Waldstück" am Staatstheater Meiningen: Episodenhaftes Ensemblestück mit 14 Figuren

Da gibt es das Pärchen Felix und Birgit, die einen romantischen Ausflug in eine Waldhütte machen wollen, sich dann aber verirren und in die Haare bekommen. Da ist das junge Mädchen aus wohlhabendem Hause, die mit Reiserucksack bepackt auf der Suche nach einer Aktivistengruppe ist, die irgendwo im Wald Bäume besetzen, die gefällt werden sollen. Es gibt einen nerdigen Förster, der allen ungefragt die Regeln im Wald erklären will, und einen paranoiden Verschwörungstheoretiker, der merkwürdige okkulte Zeremonien im Wald abhält, sich selbst als Druide bezeichnet, aber die ganze Zeit am Smartphone klebt, um mit seinen digitalen Freunden zu kommunizieren. Insgesamt sind es 14 Rollen, die von einem fünfköpfigen Ensemble gespielt werden.

"Waldstück" am Staatstheater Meiningen
"Waldstück" am Staatstheater Meiningen mit Emma Suthe, Evelyn Fuchs und Lukas Umlauft. Bildrechte: Christina Iberl

Der Wald als Katalysator für Fragen nach dem Sinn

Der Wald lässt all diese Stadtmenschen in eine Sinnkrise stürzen. Jede Figur verhandelt zunächst scheinbar nur ihr eigenes, persönliches Problem. Beim Aufeinandertreffen dieser privaten Sinnkrisen treten dann - sehr subtil - die auf einer höheren, gesellschaftlich relevanten Ebene angesiedelten Themen zu Tage, die uns alle betreffen. Zum Beispiel, die Schizophrenie dessen, dass wir den Wald zum einen glorifizieren, uns ihm gegenüber aber gleichzeitig ausbeuterisch und rücksichtslos verhalten.

Das heißt, der Widerspruch von Mystifizierung und Romantik auf der einen, und Zerstörung und Waldsterben auf der anderen Seite. Das Ganze wird mit der Frage garniert, ob wir eigentlich noch von Wald, also naturgewachsener Landschaft oder eher von Forst, das heißt durch den Menschen neu-strukturierte Bepflanzung, sprechen müssen.

Pointiert geschrieben, aber mit absackender Spannung

Das Meininger Staatstheater hat das Stück bei dem Autor Björn SC Deigner in Auftrag gegeben. Der 1983 in Heidelberg geborene Schriftsteller und Musiker hat schon eine ganze handvoll Theaterstücke geschrieben, die auch aufgeführt worden sind. Im Jahr 2018 zeigte das Deutsche Theater in Berlin sein Werk "In Stanniolpapier". Eine skandalträchtige Produktion, in namhafter Regie von Sebastian Hartmann auf die Bühne gebracht, die durchaus erfolgreich war.

Für das "Waldstück" in Meiningen gab es keinerlei Vorgabe. Das Motiv sei für ihn jedoch relativ schnell klar gewesen, so Deigner. Nicht zuletzt auch durch die Nähe Meiningens zum Thüringer Wald. Der gesamte Entwicklungs- und Schreibprozess hat rund ein halbes Jahr gedauert. In der Beschreibung heißt es, Deigners Sprache sei, "pointiert und voller Humor", was durchaus zutreffend ist. Rein dramaturgisch sackt der Abend jedoch nach den ersten zwei Dritteln ab, tritt inhaltlich etwas auf der Stelle.

"Waldstück" am Staatstheater Meiningen
Lukas Umlauft und Vivian Frey auf der Bühne des Staatstheaters Meiningen. Bildrechte: Christina Iberl

Fantasievolle Regie und starkes Spiel

Für die Regie hat sich das Meininger Theater Schirin Khodadadian ans Haus geholt. Khodadadian hat schon mehrfach Uraufführungen inszeniert, etwa Stücke der Autorin Theresia Walser. Dank Khodadadians fantasievoller Regie und gelungenen bildlichen Kompositionen gelingt trotz des Spannungsabfalls ein kurzweiliger Abend. Zudem unterhält das Ensemble bis zur letzten Minute mit großer Spiellust, oft auch komisch mit viel Slapstick-Humor und munterem Gesang. Mit prosaischen Texten ist es die Aufgabe der Figur "Zeschche", weiter eine Tiefe zu vermitteln. Manchmal ist das zu assoziativ, zu viele Worte mit zu wenig zusammenhängender Bedeutung.

Dennoch, der Wald als zeitloser Topos mit seiner unabgenutzten Anziehungskraft, der so viel mehr ist, als die Summe seiner Teile hat einen eigenen Abend in jedem Fall verdient.

Angaben zur Inszenierung

"Waldstück"
Regie: Schirin Khodadadian
Bühne & Kostüme: Carolin Mittler
Sound und musikal. Einstudierung: Johannes Winde
Dramaturgie: Cornelius Benedikt Edlefsen
mit: Evelyn Fuchs, Carmen Kirschner, Emma Suthe, Vivian Frey, Lukas Umlauft

Nächste Termine:
12. April I 19:30 Uhr
22. April I 19:30 Uhr
8. Mai I 19 Uhr
14. Mai I 19:30 Uhr
28. Mai I 19:30 Uhr
16. Juni I 19:30 Uhr
6. Juli I 19:30 Uhr
14. Juli I 19:30 Uhr

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. April 2022 | 09:40 Uhr

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