Umjubelte Premiere Semperoper: Schauspiellegende Katharina Thalbach inszeniert Verdis "Aida"

An der Semperoper Dresden führt Schauspielerin Katharina Thalbach bereits das zweite Mal Regie. Mit Verdis "Aida" hat sie sich nun eine der beliebtesten Opern vorgenommen – und auf eine moderne Adaption verzichtet. Thalbach siedelt das Drama nah am Original im alten Ägypten an und greift dafür auf einige Klischees zurück. Ein Besuch lohnt sich aber vor allem wegen der berauschenden Musik, meint unser Kritiker.

Katharina Thalbach und Christian Thielemann
Für die Oper "Aida" an der Semperoper Dresden hat Chefdirigent Christian Thielemann die musikalische Leitung übernommen und Schauspielerin Katharina Thalbach die Regie. Bildrechte: Daniel Koch/Semperoper Dresden

Es war eine lang erwartete Premiere, endlich wieder große Oper, endlich wieder ein Verdi auf der Bühne – und es wurde eine umjubelte Premiere. Nach drei Stunden "Aida" feierte das Publikum der Semperoper dieses klangvoll ergreifende Drama um die Liebe zweier Frauen zu einem Mann. Musiktheater um unsterbliche Liebe in Zeiten von tödlichen Kriegen.

Sächsische Staatskapelle Dresden spielt ukrainische Nationalhymne

Bereits zur Entstehung und zur seinerzeit um ein Jahr verschobenen Uraufführung der "Aida" von Giuseppe Verdi, die historisch fingierte Schlachten zwischen Ägyptern und Äthiopiern thematisiert, war das Werk von realem Kriegsgeschehen überschattet.

Kriegerische Szene aus dem alten Ägypten auf einer Theaterbühne
Krieg spielt eine zentrale Rolle in Verdis "Aida" – und erlangt dadurch mit Blick auf die Ukraine eine traurige Aktualität. Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Was damals der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 gewesen ist, bewirkt heute der Krieg Putins gegen die Ukraine. Um sich dazu öffentlich zu positionieren, erklang vor der "Aida"-Premiere die Nationalhymne des überfallenen Landes: "Noch sind der Ukraine Ruhm und Freiheit nicht gestorben ..."

Regisseurin Thalbach bleibt nah am Original

Vermeintlich heroische Schlachten und ruhmreiche Sieger finden sich dann auch im Libretto von Antonio Ghislanzoni. Doch vor diesem Hintergrund stellt der Inhalt der Oper eher ein Kammerspiel dar. Radamès soll als ägyptischer Feldherr den Einmarsch äthiopischer Truppen bekämpfen. Er liebt jedoch die gefangene Tochter des feindlichen Königs, Aida, die wiederum der Pharaonentochter Amneris als Sklavin dient. Da auch sie Radamès begehrt, werden die beiden ungleichen Frauen zu Rivalinnen.

Aida und ihr Vater suchen Halt beieinander vor den Augen des Pharaos.
Die Sänger und Sängerinnen des Sächsischen Staatsopernchors und Sinfoniechors Dresden überzeugen an der Seite des exzellenten Solistenensembles an der Semperoper. Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Als Radamès im Überschwang seiner unbeirrbaren Gefühle unabsichtlich sein Land verrät, wird er vom göttlich grausamen Oberpriester zum Tode verurteilt und soll lebendig begraben werden. Da sich Aida bereits heimlich in die Gruft geschlichen hat, sterben sie den gemeinsamen Liebestod. Erst in den letzten Takten der dreistündigen Oper erkennt Amneris die tiefen Gefühle der beiden und wünscht ihnen Frieden.

Ein Abend ganz im Zeichen der Musik

Verdi hat in erstaunlich kurzer Schaffensphase opulente Musik für diese zur Eröffnung des Suezkanals bestellte Oper geschaffen. Da sind ergreifende Arien und intime Duette bekennender Liebe ebenso zu hören wie emotionaler Furor und erbitterter Hass. Machtvolle Orchesterparts und wuchtige Chorszenen wollen ebenso geschmettert werden, wie zurückhaltendes Instrumentalspiel auf Petitesse angewiesen ist.

In Händen von Chefdirigent Christian Thielemann bieten die Sächsische Staatskapelle sowie der Staatsopernchor ein enormes Klangspektrum, ja: ein berauschendes Fest der Musik.

Michael Ernst über die Inszenierung

Dazu gehört ein exzellentes Solistenensemble, in dem Krassimira Stoyanova der Titelrolle große Innigkeit verleiht. Geradezu herzzerreißend ihre warme Stimme, nahegehend ihr intensives Spiel.

Die Pharaonentochter Amnerius wird von einem Chor umgeben.
Oksana Volkova gibt die Furie und singt als Gegenspielerin Amneris voller Energie. Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Düsterkeit des Krieges eingefangen

Oksana Volkova als Gegenspielerin Amneris gibt die Furie, singt energiegeladen und dennoch stets ausgewogen, als würde sie Radamès mit ihrem kraftvollen Mezzo betören wollen. Der wird von Francesco Meli als Strahle-Tenor verkörpert, mit schneidigem Klang und sparsamer Gestik.

Düster spielt Andreas Bauer Kanabas als nahezu unbeweglichen Pharao, der zunehmend zum einsamen Despoten verkommt, während Oberpriester Ramfis – noch düsterer: Georg Zeppenfeld – sich selbst erhöhend auf gewaltigen Plateausohlen die Geschicke mit heiliger Anmaßung in die Hand nimmt. Aidas Vater Amonasro ist als wildes Klischee gezeichnet und wird von Bariton Quinn Kelsey ebenso adäquat dargestellt wie Simeon Esper den Kriegsboten gibt.

Aida sitzt auf einem überdimensionalem goldenen Pharao-Kopf und singt.
Die bulgarische Sopranistin Krassimira Stoyanova verleiht der Titelrolle Aida große Innigkeit. Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Oberflächliche "Aida"-Inszenierung voller Ägypten-Klischees

Opulent sind auch Bühnenbild und Kostüme in der Ausstattung von Ezio Toffolutti sowie die von Christopher Tölle choreografierten Ballettszenen. Da gibt es reichlich Versatzstücke historischer Ägypten-Klischees, dabei greift die Regie führende Schauspielerin Katharina Thalbach ganz tief in die Klamottenkiste. Aktualisieren wollte sie das Werk nicht, sie erzählt es quasi vom Blatt, weder psychologisch noch von den Noten her. Die aber perlen nur so durch den Raum und lassen die Oberflächlichkeit der Inszenierung schier vergessen.

Angaben zum Stück Oper "Aida"
von Giuseppe Verdi

Opera lirica in vier Akten
Libretto von Antonio Ghislanzoni

In italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Musikalische Leitung: Christian Thielemann
Inszenierung: Katharina Thalbach
Bühnenbild: Ezio Toffolutti
Kostüme: Ezio Toffolutti
Licht: Fabio Antoci
Chor: André Kellinghaus
Choreografie: Christopher Tölle
Dramaturgie: Johann Casimir Eule

Aufführungen:
09.03. 19 Uhr
13.03. 16 Uhr
17.03. 19 Uhr
20.03. 19 Uhr
03.07. 19 Uhr
05.07. 19 Uhr
09.07. 19 Uhr
02.12. 19 Uhr
10.12. 19 Uhr
14.12. 19 Uhr
21.12. 19 Uhr

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 07. März 2022 | 07:10 Uhr

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