Interview Neustart am Theater Magdeburg: Generalintendant Julien Chavaz tritt als Teamplayer an

Mit einem großen Fest startet das Theater Magdeburg ab 9. September in die Spielzeit 2022/23. Fantasievolle, auch politische Inszenierungen verspricht der neue Generalintendant Julien Chavaz. Zu erleben ist Rimski-Korsakovs Oper "Der goldene Hahn" genauso wie Fan-Gesänge des FC Magdeburg. 1982 in Bern geboren, wuchs der Schweizer mit Arien auf. Dennoch studierte er zunächst Landwirtschaft, ehe er seiner Leidenschaft fürs Theater folgte. Was er in der "spannenden Stadt" Magdeburg bewegen will und warum er auf Teamplay setzt, hat er MDR KULTUR erzählt.

Julien Chavaz - Generalintendant Theater Magdeburg 37 min
Julien Chavaz - Generalintendant Theater Magdeburg Bildrechte: Nilz Boehme

MDR KULTUR: Das Schauspiel wird mit Clemens Leander, Bastian Lomsché und Clara Weyde von einem dreiköpfigen Team geleitet. Was ist der Zweck eines dreiköpfigen Teams? Verteilung von Macht?

Julien Chavaz: Ja, klar! Jetzt kommt eine neue Generation in leitende Positionen in den Chefetagen. Diese neue Generation pflegt eine andere Beziehung zur Macht. Und da möchte man – ich glaube, das merkt man in der ganzen Gesellschaft – etwas weg von diesem Alleinmacher-, One-Man-Band-Modell. Man möchte die Macht, also die Entscheidungen, dezentraler ausüben. Man möchte mehr in einer Gruppe Entscheidungen treffen können, damit sich alle beteiligt fühlen. Ich wollte das jetzt nicht unbedingt haben, diese Dreier-Konstellation. Aber sie haben sich als Dreier-Gruppe vorgestellt und waren einfach die besten Kandidaten.

Zur Person: Julien Chavaz

*Geboren 1982 in Bern
*Studium der Agrarwissenschaften an der ETH Zürich, später Dramaturgie in Lausanne
*künstlerischer Mitarbeiter und Regieassistent von Laurent Pelly an der Opéra de Paris, der Santa Fe Opera, dem Genfer Grand Théatre, der Opéra de Lyon und der Nationale Opera Amsterdam.
*Inszenierungen in Paris, Lausanne, Zürich, Genf, Freiburg, Den Haag und Amsterdam
*2021 Neufassung des Stückes "Pelléas et Mélisande" nach Maeterlinck in Paris
*2016 Inszenierung von Buxtehudes Kantatenzyklus "Membra Jesu nostri" unter dem Titel "Teenage Bodies"
*2016 Festival Belluard Bollwerk International: Kammeroper "Sholololo!"
*Weitere Arbeiten wurden in London, Rotterdam und Bozen aufgeführt
*2022 Generalintendant des Theaters Magdeburg als Nachfolger der langjährigen Generalintendantin Karen Stone

Theater Magdeburg 2022/23: Auf einen Blick

  • Der neue Generalintendant des Theaters Magdeburg setzt auf modernes Theater, viele Gastkünstler und Nachwuchsförderung.
  • Für Chavaz' erste Spielzeit sind 26 Premieren in Musiktheater, Schauspiel und Ballett geplant. Hinzu kommen zehn Sinfoniekonzerte und ein umfangreiches Rahmenprogramm.
  • Chavaz zur Seite steht ein dreiköpfiges Team um Clara Weyde, Clemens Leander und Bastian Lomsché, das das Schauspiel leitet. Das Ballett wird künftig von Jörg Mannes geführt. Anna Skryleva bleibt Generalmusikdirektorin. Erster "Composer in Residence" ist Gerald Barry aus Irland.
  • Unter dem Titel "Knall" soll es zudem künftig Gesprächsrunden mit Wissenschaftlerinnen, Autoren und Politikerinnen am Schauspielhaus geben. Mit "Monitor Ukraine" wird sich in regelmäßiger Form dem Krieg und seinen Folgen gewidmet.
  • Die verschiedenen Bühnen des Schauspielhauses erhalten neue Namen: "Kammer eins" (ehemals Bühne), "Kammer zwei" (ehemals Studio Casino) in Reminiszenz an den alten Namen "Kammerspiele" fürs Schauspiel.
  • Es gibt wieder Abonnements, eine Theaterkarte 25 und 50 in Anlehnung an die Bahncard mit entsprechenden Rabatten sowie Altersempfehlungen für die Inszenierungen.
  • Das Theater Magdeburg hat rund 400 Mitarbeitende, das Jahresbudget liegt bei 33 Millionen Euro, rund 90 Prozent des Etats kommen als Fördermittel von Stadt und Land.

Welche Rolle spielt da die Debatte über Machtmissbrauch?

Eine große! Gerade gab es bei uns im Schauspiel eine kleine Party für die Hoffnung der Spielzeit. Und da redeten diese jungen Schauspieler und Schauspielerinnen über ihre vorherigen Stationen. Und da wird klar, diese Strukturen sind wichtig und diese aktuelle Missbrauchsdebatte muss man ernst nehmen. Man muss darüber nicht das ganze Theater in Frage stellen, aber man muss darüber einfach ganz offen reden. Wir sind eine große Familie und Familien müssen über ihre Probleme reden, sonst gibt es keine Familie mehr.

In den Familien passieren aber auch ganz schlimme Dinge. Das wissen wir auch.

In Familien passieren schlimme Dinge. Und noch schlimmer wird es, wenn niemand das kommentieren darf.

1982 in Bern geboren, sind Sie in Fribourg aufgewachsen, einer kleinen, zweisprachigen Stadt in der Schweiz: Wie war das?

Die Stadt ist klein, aber kulturell spannend und mit einer großen Historie. Die Leute reden nicht so gerne, aber dafür wird viel gesungen. Unsere Chortradition ist unglaublich reich. Daher kommt wohl mein Faible fürs Musiktheater. Ich bin dort aufgewachsen in einer Familie mit vier Kindern, drei Jungen und ein Mädchen. Meine Schwester hatte ein schweres Autismus-Syndrom und konnte sich nicht über die Sprache ausdrücken, aber dafür über die Musik. Für jede Emotion gab es ein bestimmtes Lied, eine bestimmte Melodie. Diese familiäre Situation hat mich sehr geprägt. Ich kann Musik, eine Note, F-Dur besser verstehen als viele Worte. Auch weil mich meine Eltern sehr früh mitgenommen haben in die Oper, ist sie sozusagen meine zweite oder dritte Muttersprache.

Sie sagen, dass Magdeburg eine "total spannende Stadt" sei. Warum?

Die Stadt hat ein riesiges Potenzial. Ich komme aus der Schweiz, da ist alles eng gebaut. Da gibt es nicht viel Raum für neue Künstler oder nicht-künstlerische Ideen. Für mich ist dieses Raumgestaltungskonzept, besonders in Ostdeutschland, ein Exotismus. Am Bahnhof gibt es noch Brachflächen. Es gibt diese leeren Industriegebäude. Das tut gut der Seele gut, finde ich!

In Magdeburg gibt es Möglichkeiten, aber auch den Willen, diese Potenziale auszunutzen. Das hat die Bewerbung zur Europäischen Kulturhauptstadt 2020 gezeigt. Auch wenn daraus nichts geworden ist, hat die Kandidatur doch vieles zur Vernetzung der Kultur-Player in der Stadt in Bewegung gebracht. Die Stadt möchte sich noch weiter internationalisieren. Mit der Ansiedlung von Intel kommen nicht nur tausende neue Arbeitsplätze, sondern auch neue Gesichter, neue Leute mit neuen Bedürfnissen. Das bringt eine große Bewegung. Ob damit eine kulturlose Gentrifizierung einhergeht oder aus Magdeburg eine größere Kulturstadt wird, das wissen wir ja ehrlich gesagt noch nicht. Ich bin ganz gespannt.

Wollen Sie die Stadt mit Ihrem Theater verändern oder diesen Prozess freundlich, kulturell-wertvoll begleiten?

Theater allein kann keine Stadt verändern. Aber gerade in Deutschland hat das Theater im Zentrum der Stadt Identifikationspotenzial. Da spürt man, wie sich eine Stadt entwickelt. Es ist ein wichtiges Element, damit sich die Leute in einer Stadt wie Magdeburg wohlfühlen oder auch Perspektiven sehen.

Das Gespräch hat Thomas Bille für MDR KULTUR geführt. Redaktionelle Bearbeitung MDR / op / ks

Großes Theaterfest am 9./10./11. September zur Spielzeiteröffnung Gezeigt werden vier der 26 Premieren der neuen Spielzeit. Zum neuen Ensemble gehören übrigens auch zwei Roboter als "Schauspiel-Hospitanten".

Am 9. September ist "Das Leben ein Traum", ein Schauspiel nach Pedro Calderón de la Barca, in der Regie von Clara Weyde zu sehen.

Am 10. September wird die Oper "Der goldene Hahn" von Nikolai Rimski-Korsakow gezeigt, Premiere ist bereits am 4. September.
Komponiert im Revolutionsjahr 1905 als politische Satire im Märchengewand: Die autoritär-erstarrte Welt des alten Zaren Dodon trifft auf die verführerische der fremden Zarin Schemacha. Die mit dem Götz-Friedrich-Preis ausgezeichnete Regisseurin Anna Bernreitner macht darauf einen bissigen Kommentar zu nationalistisch-männlichem Machtstreben.

Außerdem startet Julien Chavaz die neue Spielzeit mit einem ganz besonderen Projekt: Die Fan-Gesänge des 1. FC Magdeburg halten Einzug ins Magdeburger Theater. Denn bei den Stadiengesängen handelt es sich aus seiner Sicht um "geile Kunst".

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. August 2022 | 11:00 Uhr

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