"J-O-Ś" | 16. bis 20. März 2022 Wie ein Theaterfestival in Zittau die Grenzen nach Osteuropa überwindet

Das Gerhart Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau veranstaltet mit Ensembles aus Polen und Tschechien vom 16. bis zum 20. März 2022 das trinationale Festival J-O-Ś. Geboten wird ein spannender Blick auf die Theaterkunst anderer Kulturen sowie ein länderübergreifender Austausch mit Künstlern und Künstlerinnen aus Osteuropa. Angesichts des Krieges in der Ukraine sei grenzüberschreitendes Theater gerade wichtiger denn je, erklärt Theaterintendant Daniel Morgenroth im Interview bei MDR KULTUR.

Daniel Morgenroth, der neue Intendant des Gerhart-Hauptmann-Theaters Görlitz-Zittau 6 min
Für den Intendanten des Gerhart Hauptmann-Theaters Görlitz-Zittau, Daniel Morgenroth, spielt das trinationale Theaterfestival J-O-Ś in Kriegszeiten eine besondere Rolle. Bildrechte: Privat

MDR KULTUR: Als Sie das Festival geplant hatten, gab es noch keinen Krieg. Wie reagieren Sie jetzt darauf?

Daniel Morgenroth: Ja, das hat natürlich alles ziemlich durcheinandergewirbelt. Wir sind in einer Region, die ganz akut nahe dran ist und wo es viele Verbindungen gibt – unsere Generalmusikdirektorin beispielsweise kommt aus Polen, ganz in der Nähe der ukrainischen Grenze. Die ist im Moment wirklich sehr nervös und hat auch direkte Verbindungen, auch zu Kolleginnen und Kollegen von uns, wir hatten eine Solistin hier aus der Ukraine.

Wir haben viele Verbindungen dahin, und das überschattet es natürlich ziemlich. Aber gerade in diesen Zeiten ist es umso wichtiger, ganz viele solche Projekte zu machen, grenzüberschreitend, Sprache und Kultur überschreitend zusammenzuarbeiten, um dem Krieg und der Sinnlosigkeit einen Gegenentwurf entgegenzusetzen.

Verändert sich das Festival dennoch angesichts dieser Kriegssituation?

Daniel Morgenroth: Wir planen seit über einem Jahr an dem Festival, insofern verändern sich nur Kleinigkeiten. Es sind viele Geflüchtete in der Region, auch bei uns in Zittau aufgenommen worden. Wir haben da jetzt schon Freikarten organisiert. Es gibt auch einen Meetingpoint.

Es gibt ein offenes Café für alle, wo wir auch Menschen aus der Ukraine einladen. Das ist das, was wir kurzfristig tun können, zu sagen: Wir heißen willkommen. Wir bieten Anknüpfungspunkte. Aber das Programm des Festivals stand natürlich schon so lange fest, dass es jetzt nicht innerhalb von zwei Wochen irgendwie zu ändern oder anzupassen war.

Gerhard-Hauptmann-Theater Zittau
Am Gerhard-Hauptmann-Theater Zittau findet das trinationale Theaterfestival J-O-Ś zum zehnten Mal statt. Bildrechte: IMAGO / Hanke

Wie verortet sich dieses trinationale Theaterfestival? Das ist die zehnte Ausgabe in diesem Dreiländereck – wie würden Sie da die Art der Zusammenarbeit und die Atmosphäre beschreiben?

Daniel Morgenroth: Ich bin hier ja auch noch recht neu. Das ist das erste Mal, dass ich das tatsächlich miterlebe. Ich habe die Planungen jetzt schon ein Stück mitbegleitet. Aber ich sehe, was immer wieder hier passiert: es gibt Einiges, das ist sehr routiniert, einige Verbindungen, die bestehen schon lange – und das ist sehr schön zu sehen, dass sie sich festigen.

Dann muss aber immer wieder auch neu verhandelt werden: Was ist für uns akzeptabel, was ist für euch akzeptabel? Welche Themen sind interessant? Wie überwinden wir diese Sprachgrenzen? Wir haben natürlich immer wieder Übersetzer. Gerade bei unserem Jugendprojekt ist es natürlich sehr, sehr leicht, Sprachgrenzen zu überwinden. Da ist Englisch die Lingua franca und man hat ähnliche Themen.

Aber doch merkt man auch immer wieder: Es gibt sehr unterschiedliche Ansätze in der Kulturpolitik und in den Werthaltungen, auch zwischen Deutschland und Polen. Das ist kein Geheimnis, dass die Kulturpolitik da oft sehr andere Ansichten hat als in Deutschland. Und das muss immer wieder verhandelt werden. Das ist aber gerade das Spannende – wenn immer komplette Einigung herrschte, wäre es auch geradezu langweilig.

Das Programm des Zittauer Theaterfestivals J-O-Ś im Überblick


16. März 2022

19:00 Uhr - Offizielle Eröffnung
19:30 Uhr - Dinge, die ich sicher weiß | Familiendrama von Andrew Bovell

17. März 2022

15:00 Uhr - Malala. Das Mädchen mit der Kugel im Kopf | Theaterstück von Elżbieta Chowaniec ab 16 Jahren
20:00 Uhr - Orten! | Monodrama von Adam Steinbauer & Team

18. März 2022

09:00 Uhr
- Stückeinführender Workshop | Für Schulklassen mit der Theaterpädagogin Lisa Karich
11:00 Uhr - Name: Sophie Scholl | Monolog von Rike Reiniger ab 14 Jahren
19:30 Uhr - Der Steppenwolf | Theaterstück nach dem Roman von Hermann Hesse
21:00 Uhr - Festival-Party mit Hańba! | Akustischer 30er-Jahre-Punk aus Kraków & Poznań

19. März 2022

16:00 Uhr
- Stückeinführende Workshops | für alle Interessierten mit Rap-Musikern, Graffiti-Künstlern und HipHop-Tänzern
18:00 Uhr - Wolf Gäng - Sei (k)ein Schaf | Werkstattpremiere des TheaterJugendClubs mit Jugendlichen aus Zittau und Jelenia Góra
19:30 Uhr - Electric Dreams von Violet Ultra | Disco- und Alternative-Pop aus Wrocław
20:30 Uhr - DJ Daroot | Lounge House und Funky-Variations aus Liberec

20. März 2022

11:00 Uhr
- Wo wohnt der Wurm? | Figurentheater nach einer Idee von Sophie Casna für Kinder ab 3 Jahren

Hanba Polen Ignacy Woland
Beim Zittauer Theaterfestival wird es auch musikalisch: Die polnische Band Hańba spielt die Musik für eine Festivalparty. Bildrechte: MDR/Holger John

Haben Sie da Beispiele, wo es sich reibt?

Daniel Morgenroth: Es sind immer wieder Themen über Familienbild, konservativere Werte, Sexualität, wo man rangehen muss, wie verhandelt man das, was kann man zeigen? Was wollen die Kollegen mittragen – oder sagen die Kollegen, sowas kann ich bei mir in der Öffentlichkeit nicht verkaufen? Auch das sind Dinge, die vorkommen.

Das sind Dinge, die wir immer wieder verhandeln müssen. Aber das macht es auch ganz spannend, weil man merkt, wir leben sehr nahe zusammen und haben wahnsinnig viele Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede. Und gerade darum geht es ja, diese Unterschiede oder unterschiedlichen Positionen auch mal auszuhalten oder eben zu verhandeln.

Das Interview führte Moderator Vladimir Balzer für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. März 2022 | 08:10 Uhr

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