Theatertreffen in Zwickau Ukraine-, Klima- und Coronakrise: Theaterschaffende diskutieren über Herausforderungen

Seit mehr als zwei Jahren leiden auch die Theater und andere Kulturorte unter der Corona-Pandemie: Sie mussten schließen, unter den Beschränkungen neue Formate entwickeln und nun wegen Erkrankungen kurzfristig Spielpläne umgestalten. Auch der Krieg in der Ukraine lässt Theaterschaffende nicht kalt. Deswegen empfangen die Häuser Geflüchtete oder versuchen künstlerisch den Krieg zu reflektieren. Außerdem wollen die Institutionen der Klimakatastrophe Rechnung tragen und nachhaltiger werden. Ein Gespräch über Krisen.

Fünf Menschen sitzen in einem Halbkreis auf einem Podium. 94 min
Bildrechte: MDR / Stefan Petraschewsky

In normalen Zeiten treffen sich die Theater aus Sachsen alle zwei Jahre in einer anderen Stadt, wo sie sich ihre besten Inszenierungen zeigen. Das Sächsische Theatertreffen ist eine Leistungsschau. Aber für die Theaterschaffenden ist es auch die Gelegenheit für den Austausch. Das ist gerade in Zeiten von steigenden Energiekosten und fehlendem Publikum besonders wichtig.

Der Sächsische Bühnenverein hat in Kooperation mit MDR KULTUR daher verschiedene Theaterschaffende am Abschlusstag des Theatertreffens in Zwickau zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Das Thema lautete "Krise": Wie hat die Corona-Krise das Theater verändert? Wie reagieren die Kunstschaffenden auf den Krieg in der Ukraine? Und welche Verantwortung übernehmen die Häuser in der Diskussion um Klima und Nachhaltigkeit? – Das sind nur einige Fragen, die hier erörtert wurden.

Theater blicken auf den Ukraine-Krieg

Der Krieg in der Ukraine spielte beim diesjährigen Sächsischen Theatertreffen eine besondere Rolle: Am Samstag gab es eine Art Revue-Abend, für den jedes Haus in Sachsen kurzfristig etwas vorbereitet hatte. Der Krieg wird inhaltlich wieder wichtiger, meint Roland May, Intendant des gastgebenden Theaters Plauen-Zwickau: "Krieg ist immer schon ein Mittel der Politik. Wir haben vielleicht in den vergangenen Jahren einiges ausgeblendet, aber wenn man eine Rückschau hält, dann ist im Grunde genommen auch Europa immer wieder von Kriegen erschüttert worden. Deswegen ist Krieg oder Verhinderung von Krieg oder Umgang mit Krieg immer Bestandteil von Theater gewesen." Daher betont der inszenierende Intendant auch, dass er nicht auf Krampf etwas Neuartiges entwickeln will, sondern auf die Stärken des Theaters, von Konflikten zu erzählen, vertraut.

Roland May, Generalintendant & Schauspieldirektor Theater Plauen-Zwickau
Roland May meint, dass schon lange Krieg in Europa herrscht. Bildrechte: MDR/Judith Burger

Doch der russische Angriff hat nicht nur inhaltlich Einfluss auf die Theater genommen: Viele Kunstschaffende aus Russland wurden auf deutschen Bühnen und in den Konzertsälen gemieden. Auch Frauke Roth, Intendantin der Dresdner Philharmonie, setzte sich mit dieser Frage auseinander und hat sich dafür entschieden, sich von der Musik aus Russland nicht komplett abzuwenden. Claudia Schmitz, seit Anfang 2022 Direktorin des Bühnenvereins, warnte vor zu einfachen Antworten und betont, dass jedes Haus das bei jedem einzelnen Kunstschaffenden entscheiden muss. May setzte hinzu, dass dabei jeder auch das Recht auf Feigheit habe und sich nicht erst von Putin distanzieren müsse.

Das Staatsschauspiel Dresden bietet bereits seit einigen Jahren das Montagscafé an, wo sie vor allem Geflüchtete aus Syrien empfangen. Nach dem Angriff auf die Ukraine fanden sehr schnell zahlreiche Menschen den Weg ins Staatsschauspiel. Leiterin Wanja Saatkamp vermutet, dass die Menschen hier eher Anschluss gefunden haben, weil die Stadt etwas langsamer reagierte. "Es gab eine große Empathie, weil es sehr analoge Erfahrungen gab. Denn auch syrische Geflüchtete sind schon von Putins Waffen bedroht worden", beobachtete Saatkamp.

Corona setzt die Theater unter Druck

All das, so betonen die Debattierenden, käme noch zur Corona-Krise hinzu. Claudia Schmitz sagte, "dass der Slogan des Bühnenvereins 'Theater muss sein' sich als nicht mehr zeitgemäß und auch als falsch erwiesen hat. Weil Theater musste ganz offensichtlich nicht sein." Aber Theater würde immer noch nottun, ergänzt sie. Roland May äußert mit dem gleichen Gedanken viel Unmut, wie schnell die Theater geschlossen worden seien. Er habe sogar Pläne geschmiedet, wie das Verbot umgangen werden könnte, um zumindest jungen Menschen Kultur zu bieten.

Nun sei es wichtig, die Menschen wieder zurückzugewinnen, zunächst mit leichter Muße: "Wir wollen die Leute wieder einfangen. Wir möchten ein Angebot machen. Wir möchten, dass sie in Scharen kommen und dann, wenn man sie hat, die Ausdifferenziertheit des Spielplans wieder sehen."

Die Klimakrise und das Theater

Die Krise war auch eine Zeit der Selbstbefragung, auch für die Theater. Viele Häuser machten sich Gedanken, wie ein klimafreundlicher Betrieb aussehen könnte. Dazu ist das Podium gespalten: Auf der einen Seite sehen sie den großen CO2-Fußabdruck des Kulturbetriebs, auf der anderen Seite sehen sie in der Freiheit der Kunst einen hohen Wert. "Kunst ist immer international. Kunst hat immer einen Qualitätsanspruch und Kunst ist frei. Und dazu gehört auch Opulenz. Und dazu gehört auch Reisen dazu", meint Roth. Sie lässt aber nicht unerwähnt, dass die Art des Reisens vielleicht auch einen Unterschied machen könnte.

Die neue Intendantin der Dresdner Philharmonie, Frauke Roth, posiert am 09.01.2015 vor einer Pressekonferenz im Rathaus in Dresden
Laut Frauke Roth gehört zur Kultur auch Reisen und Opulenz. Bildrechte: dpa

Am Ende stellte sich das Podium die Frage, wie das Theater nicht nur auf die Krisen reagieren, sondern auch auf die Gesellschaft wirken könnte. Roth betont dabei vor allem die Offenheit des Kulturpalastes. Saatkamp ergänzt auch, dass das Theater Impulse aus der Stadt aufnehmen muss, aber auch auf vielfältige Weise zurückgeben müsse. Diese Qualität sieht May auch in den strukturschwächeren Regionen: "Wir sind ästhetischer Mittelpunkt der jeweiligen Region, aber auch Kulturhäuser." Damit meint der Intendant, dass Theater möglichst vielfältigen Programm Raum bieten muss, um so auch mehr Menschen zu erreichen. Claudia Schmitz erinnert daran, dass Theater vor allem relevante Geschichten erzählen muss. "Ich glaube an diese Kraft", erklärt sie zum Abschluss.

Kultur und Klima

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. Mai 2022 | 08:10 Uhr