Interview mit Unterzeichner Roland May Offener Brief von Künstlern an Olaf Scholz: Atomkrieg vermeiden

Deutsche Künstler und Intellektuelle haben einen offenen Brief an Kanzler Olaf Scholz geschrieben. Darin fordern sie ihn zur Zurückhaltung auf, was die Lieferung "schwerer Waffen" an die Ukraine angeht. Unter den mehr als 180.000 Unterzeichnern ist auch der Intendant des Theaters Plauen Zwickau, Roland May. Im Interview mit MDR KULTUR spricht er über seine Beweggründe.

Roter Briefkasten überladen mit Briefen und Päckchen
Künstler und Intellektuelle üben Kritik an den Waffenlieferungen an die Ukraine. In einem offenen Brief an Kanzler Scholz fordern sie Zurückhaltung Bildrechte: IMAGO / imagebroker

MDR KULTUR: Am Montagabend ist Olaf Scholz im ZDF nach diesem Brief gefragt worden. Seine Antwort lautete: "Es machen sich in diesem Land ganz viele Bürgerinnen und Bürger große Sorgen, dass es eine Eskalation des Krieges gibt, die über die Ukraine hinausgeht. Und sie machen sich diese Sorgen durchaus berechtigterweise. Deshalb habe ich von Anfang an gesagt, es wird keine Beteiligung der Nato und auch von Deutschland an diesem Krieg unmittelbar geben." Einer, der diesen Brief unterzeichnet hat, ist Roland May, der Generalintendant am Theater Plauen Zwickau. Warum haben Sie unterschrieben?

Roland May: Ich bin sehr froh über diese Petition, weil wir ja doch eine aufgeheizte Situation haben. Die täglichen Meldungen kann man ja gar nicht mehr alle aufnehmen. Wir haben gerade in der letzten Woche eine Situation gehabt, die sich noch einmal verschärft hat durch die divergierenden Äußerungen unseres Kanzlers auf der einen Seite, keine schweren Waffen zu liefern. Dann gab es diese Runde in Ramstein, wo unglaublich Druck aufgebaut worden ist. Wir haben den Druck auch im eigenen Land. Die eigene Ampel-Regierung hat mit den Grünen jetzt doch Leute dabei, die es sehr forcieren, dass schweres Gerät geliefert wird. Wir haben einen unsäglichen Botschafter der Ukraine in Deutschland, der den Kanzler vor sich hertreibt.

Und ich denke, es ist in der Situation wichtig, dass man sich als Zivilgesellschaft äußert, dass man klar seine Meinung sagt und dem Kanzler auch in einer gewissen Form beispringt und sagt: Bleiben Sie bei Ihrer besonnenen Haltung, wir finden das richtig. Wir sind mit schwerem Gerät in einer anderen Situation als bei leichten Waffen. [...] Da gibt es Gutachten, die der Ansicht sind, hier ist man auf dem Wege, Kriegsbeteiligter zu sein […]. Die Gefahr ist, einfach: Wir rutschen hier immer mehr in eine Situation hinein, die, wie ich finde, sehr genau begutachtet werden muss, ob sie noch beherrschbar ist, also für Europa wie auch für die ganze Welt.

Es ist wichtig, dass man sich als Zivilgesellschaft äußert, dass man klar seine Meinung sagt und dem Kanzler beispringt und sagt: Bleiben Sie bei Ihrer besonnenen Haltung, wir finden das richtig.

Roland May, Intendant des Theaters Plauen Zwickau

Und Sie würden also sagen, diese Petition ist weniger Protest als Solidarität mit dem Bundeskanzler, der sagt, es wird keine unmittelbare deutsche Beteiligung an diesem Krieg geben?

So ist es, genau. Also ich möchte gleich sagen, ich bin kein Pazifist. Das wird ja immer auch einigen der Unterschreiber unterstellt. Ich habe das immer sehr genau verfolgt, dieses Zwei-Prozent-Ziel in der NATO, habe das nie verstanden, warum Deutschland sich da so schwertut. [Zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes für die Verteidigung fordert die UN von ihren Nato-Partnern, Anm. d. Red.]. [...]

Aber wir haben eine Situation, in der noch mal klar und deutlich geguckt werden muss, was sind die Ziele? Wo will man hin? Das ist im Grunde genommen eine Situation, die auch hier täglich neu bewertet wird. Der Kanzler sagt auf der einen Seite, territoriale Integrität muss gewahrt werden. In dem Interview im ZDF hieß es dann, die Ukraine muss sich einig werden mit Russland, hier müssen Kompromisse gemacht werden. Kompromisse müssen am Ende gemacht werden. Und da muss man wirklich realistisch rangehen und entsprechend Solidarität zeigen.

Nun haben Sie so ausdrücklich gesagt, dass Sie nicht aus einer pazifistischen Position argumentieren. Jetzt keine schweren Waffen in die Ukraine zu liefern – hieße das nicht, die Gewalt zu akzeptieren, vor der brutalen Macht von Putin zu kapitulieren?

Man muss sich darüber klar werden, […] dass man immer mehr hineinrutscht in eine Art Kriegspartei. Der andere Punkt, der für mich wesentlichere, das ist der: Die Ukraine kann diesen Krieg eigentlich nur gewinnen, wenn es einen Gleichstand bei den Eskalationsmöglichkeiten gibt. Man mag das nicht denken wollen, aber denkbar ist es vielleicht doch, dass die Amerikaner den Ukrainern taktische Atombomben liefern. Aber wollen wir das in Deutschland?



Und wenn wir das nicht wollen, wovon ich ausgehe, dann bleibt die Eskalationsdominanz einseitig bei den Russen. Und dann macht es auch keinen Sinn, schwere Waffen zu liefern, da sie den Krieg ja nur verlängern und es mehr Opfer gibt, der Krieg aber nicht gewonnen werden kann. Das fände ich moralisch unverantwortlich. Und ich finde, jetzt muss das Momentum genutzt werden für Verhandlungen. Herr Scholz sollte sich mit Herrn Macron zusammentun, und sie sollten die europäischen Interessen formulieren. Diese 40 Länder, die sich in Ramstein getroffen haben, die sollten [...] gemeinsam beraten. Wo will man hin? Mit welchem Ergebnis will man hier weiter eskalieren?

Man muss sich, glaube ich, darüber klar werden, dass man immer mehr hineinrutscht in eine Art Kriegspartei.

Roland May, Intendant des Theaters Plauen Zwickau

Wir haben eine Situation nach Corona, Lieferketten sind gesprengt. Wir schauen auf die Situation in China, wie man da mit Corona umgeht. Wir haben [den Krieg in der, Anm. d. Red.] Ukraine, das Weizenland par excellence in der Welt. Wir haben hier andere Probleme, die man auch betrachten muss. Hier sind Hungerkatastrophen im Anmarsch. Und das muss global bedacht werden. Hier muss es Initiativen geben, gerade Europa muss sich formulieren. Was sind die Interessen der Europäer?

Ich finde es sehr bewundernswert, wie in der Ukraine gekämpft wird. Ich hätte es gar nicht mehr geglaubt, dass in dieser postheroischen Zeit, in der wir uns heute befinden, noch solche Kämpfer so engagiert für ihr Land kämpfen. Aber man muss auch sagen, auf der einen Seite gibt es die Interessen der Ukraine, die wir voll unterstützen, humanitär, finanziell und ja auch mit Waffen. Und es gibt die Interessen von Deutschland, von Europa. Und hier gibt es eben auch Handlungsbedarf zu gucken, dass uns nicht alles aus dem Ruder läuft.

Das Gespräch führte Carsten Tesch für MDR KULTUR.

Kulturschaffende zum Ukraine-Krieg

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. Mai 2022 | 08:10 Uhr

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