Und wo sind die Pyramiden? Verdis "Aida" am DNT Weimar: Ein diskussionswürdiger Abend

Giuseppe Verdis "Aida" wurde am 24. Dezember 1871 in Kairo uraufgeführt und zählt bis heute zu den meistgespielten Opern weltweit. Ein Stück über das vermeintlich "alte Ägypten", über Macht und Machtmissbrauch, Liebe, Patriotismus, Kriegsgelüste und religiösen Fanatismus. Die Regisseurin und neue Weimarer Operndirektorin Andrea Moses setzt den Fokus in ihrer Inszenierung auf den Umgang mit Kolonialgeschichte. Unsere Kritikerin lobt vor allem die Stimmgewalt der Solistinnen und Solisten!

Theaterszene aus dem Stück "Aida" am DNT Weimar
Die Neuinszenierung von "Aida" am Deutschen Nationaltheater Weimar (DNT) ist mehr als eine Liebesgeschichte. Bildrechte: Candy Welz/Deutsches Nationaltheater Weimar

Andrea Moses ist eine passionierte Geschichten-Erzählerin. Und sie erzählt gern aus unterschiedlichen Perspektiven. In ihrer aktuellen Inszenierung von Giuseppe Verdis Oper "Aida" will sie möglichst viele Erzählstränge aus der Vergangenheit mit unserer Gegenwart verknüpfen und zu einem Ganzen formen.

Mit Videos und Live-Stream auf der Bühne

Da ist die Dreiecks-Liebesgeschichte von Aida, Radames und Amneris: Drei Menschen, die einer westlich-orientierten Wohlstands-Gesellschaft im Norden Afrikas (Ägypten) leben, sich unterschiedlich an der Unterdrückung und Ausbeutung eines ärmeren Volkes (der Äthiopier) beteiligen. Aida gehört nicht dazu, sie verkörpert eher den Typ moderne Sklavin, ist als Putzfrau in einem Museum tätig, hat sich dort in den Security-Mann Radames verliebt. Und auch Amneris, Tochter des aktuellen "Königs", liebt Radames. Der Konflikt endet bekanntlich tödlich! 

Ein Mann mit Gewehr im Anschlag steht im Halbschatten.
Die Oper "Aida" verhandelt auch Machtmissbrauch und Kriegstreiberei. Szene aus der Inszenierung am DNT Weimar. Bildrechte: Candy Welz/Deutsches Nationaltheater Weimar

Auf einer zweiten Ebene erzählt Andrea Moses vom Kolonialismus unter einst von den Europäern kolonialisierten Menschen; von Krieg, Flucht und Vertreibung. Sie tut das mit starken Bildern, inklusive zahlreicher Video-Clips und Live-Streams, die unter anderem Drohnen-Bombardements, Flüchtlinge in LKW oder Müllkippen der Wegwerfgesellschaft zeigen. Auf das obligatorische Ballett (Tanz der Priesterinnen, "Mohren"-Sklaven und so weiter) – Verdis Reminiszenz an die französische Grand Opéra – verzichtet sie. 

Kolonialismus und Raubkunst im Museum

Und noch eine Erzählebene ist der Regisseurin sehr wichtig: Das hochbrisante und relevante Thema, wie wir mit der Raubkunst in unseren Museen umgehen. So trifft sich in Andrea Moses Inszenierung die gesellschaftliche Elite Ägyptens in einem Museum, das architektonisch auf das Humboldt-Forum anspielt: Die aktuelle Diskussion um den Umgang mit Beutekunst der Europäer wird also auf ein fiktives Ägypten in naher Zukunft übertragen, das sich ebenfalls als Kolonialmacht gebärdet. Deshalb wird dort gerade eine Ausstellung unter dem Titel "Zweifel" eröffnet – und Zweifel scheinen angesichts der Ausstellungsstücke, die offenbar aus Äthiopien stammen und von Aida liebevoll gepflegt werden, auch angebracht.

Blick in einen großen Raum, im Hintergrund steht in Großbuchstaben das Wort Zweifel.
Szene aus "Aida" am DNT Weimar: Musiktheater-Regisseurin Andrea Moses verortet die Geschichte in einem Museum. Bildrechte: Candy Welz/Deutsches Nationaltheater Weimar

Denn Andrea Moses, die in der DDR geboren und sozialisiert wurde, zweifelt daran, wie aktuell mit Berlins Mitte und der Geschichte umgegangen wird. Für sie ist der Schloss-Neubau samt seinen Sammlungen aus Kolonialzeiten ein diskussionswürdiges Thema, das nachträglich aufgesetzte Kreuz auf dem Dach eine Art "Kolonialisierung nach vorn verlängert". Und so zeigt sie in den religiös-grundierten Szenen der Oper eine christliche Gemeinde, die als quasi-militante Sekte agiert und ganz en passant an die Bilder von Ex-Präsident Trump bei den Evangelikalen erinnert.

Die Weimarer Bühne ist in blaues Licht getaucht. Der Chor steht unter einem großen Kreuz.
Manche Szenen in der Weimarer "Aida" erinnern an die Christliche Rechte in den USA. Bildrechte: Candy Welz/Deutsches Nationaltheater Weimar

Andrea Moses hat also viel zu erzählen, und sie ist eine eminent politisch-denkende Opern-Regisseurin! Mit ihrer Fülle an Ideen und Einfällen, an Assoziationen und Querverweisen aber scheint sie Verdis "Aida" und das Publikum zu überfordern. Zumal ihre Nacherzählung szenisch nicht jene suggestive Kraft entwickelt, die es braucht, um eine Oper dieses Kalibers in der Gegenwart zu verankern.

Weimarer Ensemble überzeugt

Auch musikalisch ist an diesem Premierenabend nicht alles ganz stimmig, obwohl der erst 30-jährige Weimarer Chefdirigent Musiktheater Dominik Beykirch die Sache hoch konzentriert angeht: Er hat das Gespür für die Dramatik, das notwendige Quentchen Italianità, auch für die von Verdi anverwandelte Exotik und die vielen subtilen Stellen – denn bis auf den Triumphmarsch ist Verdis Nil-Oper vor allem ein exzellentes Kammerspiel! Ein Kammerspiel, bei dem allerdings auch geringe Schwankungen zwischen Graben und Bühne zuweilen (noch) hörbar werden. Die letzte "Aida"-Produktion gab es übrigens 1983 am Weimarer Nationaltheater und aus dieser Zeit stammen auch die berühmten Trompeten, die für diese Produktion liebevoll aufpoliert wurden.

Ein Mann in einem blauen Mantel und eine Frau unter einem Tuch mit Tiermuster reden auf eine weitere Frau in einem türkisen Kostüm ein.
Szene aus "Aida" am DNT Weimar: Trotz großer Chorszenen ist "Aida" auch ein Kammerspiel. Bildrechte: Candy Welz/Deutsches Nationaltheater Weimar
Eine Frau in weißer Kleidung hält einen Mann in Hemd und Hose am Arm und gestikuliert mit der anderen Hand.
Margarita Gritskova überzeugt in "Aida" am DNT Weimar in der Rolle der Amneris. Bildrechte: Candy Welz/Deutsches Nationaltheater Weimar

Ein Vorzug des Weimarer Theaters ist es zudem, dass die Solisten-Riege weitestgehend aus dem eigenen Haus besetzt werden kann – keine Selbstverständlichkeit bei diesen extrem anspruchsvollen Partien! Insofern gibt es auch Jubel seitens des Publikums für alle Beteiligten, insbesondere aber für Ensemblemitglied Camila Ribero-Souza in der Titelpartie, die die Figur menschlich-anrührend verkörperte. An ihrer Seite (als Gast) der Spanier Eduardo Aladrén als vielumworbener Radames. Stimmgewaltig sind auch die Ensemblemitglieder Alik Abdukayumov als Amonasro sowie Avtandil Kaspeli als machtgeiler Strippenzieher Ramphis und Heike Porstein, die ein Porträt der Extraklasse als Tempelsängerin ablieferte.

Getoppt wurden sie alle (pardon!) durch die sängerisch geradezu umwerfende Mezzo-Sopranistin Margarita Gritskova. Sie kehrte als Amneris ans DNT zurück, wo sie bereits von 2010 an engagiert war, dann aber stracks nach Wien abgeworben wurde. Die 34-Jährige ist eine Urgewalt, beeindruckt mit ihrer dramatischen Wucht, einem tiefdunklen Timbre und einem Mezzo, dem keine Grenzen gesetzt scheinen. Verdis "Aida" am Weimarer Nationaltheater: auch ohne Pyramiden ein diskussionswürdiger Theaterabend!

Mehr Informationen "Aida" von Giuseppe Verdi mit einem Libretto von Antonio Ghislanzoni in einer Orchesterfassung von Alberto Colla

Musikalische Leitung: Dominik Beykirch
Regie: Andrea Moses
Bühne: Jan Pappelbaum
Kostüme: Kathrin Plath
Video: René Liebert
Mit: Andreas Koch, Margarita Gritskova, Camila Ribero-Souza, Eduardo Aladrén, Avtandil Kaspeli,
Alik Abdukayumov, Taejun Sun, Heike Porstein

Weitere Termine:
4. November 2021, 19.30 Uhr
27. November 2021, 19.30 Uhr
9. Dezember 2021, 19.30 Uhr
23. Dezember 2021, 19.30 Uhr
28. Dezember 2021, 19.30 Uhr
15. Januar 2022, 19.30 Uhr
6. Februar 2022, 18 Uhr
24. März 2022, 19.30 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. Oktober 2021 | 18:40 Uhr

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