Virtuelles Puppenspiel Puppentheater Zwickau zeigt Goethes "Erlkönig" in Virtual Reality

"Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?" – Goethes "Erlkönig" zählt zu den bekanntesten Werken deutscher Lyrik. Am Puppentheater Zwickau wurde die Ballade nun in virtueller Realität mit 360-Grad-Filmtechnik inszeniert. Mithilfe einer VR-Brille kann das Publikum tief in das düstere Reich des gespenstischen "Erlkönigs" eintauchen.

Spielszene 4 min
Bildrechte: Puppentheater Zwickau
4 min

Das Puppentheater Zwickau hat den "Erlkönig" mittels 360-Grad-Filmtechnik in der virtuellen Realität inszeniert. Kristin Hendinger berichtet.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 05.01.2022 06:00Uhr 04:05 min

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Das Puppentheater Zwickau stemmt sich mutig gegen die Stille im Theatersaal und verspricht fantastisches Figurentheater in den eigenen vier Wänden – nicht mittels Stream, wie es in vergangenen Lockdowns oft von Theatern zu sehen war, sondern via VR-Brille, erklärt die Regisseurin und künstlerische Leiterin Monika Gerboc das Vorhaben.

Sich Theater auf Video anzugucken, ist ungefähr das Gleiche, wie eine Kugel Eis durch die Glasscheibe zu lecken.

Monika Gerboc Künstlerische Leiterin

Folglich heißt das neue Spektakel des renommierten Hauses mit internationalem Ensemble: Virtual Puppetry, also virtuelles Puppenspiel. Geplant sind in diesem Format insgesamt drei Balladen.

Der Erlkönig als virtuelles Puppenspiel

Fertig gedreht im 360 Grad-Modus ist bereits der Erlkönig. Auf einem Drehstuhl sitzend darf ich die Ballade der Balladen ausprobieren. Ich ziehe mir die VR-Brille über den Kopf und werde sofort mitten in die Virtual-Puppetry-Geschichte katapultiert. Der Erlkönig findet in der Brille um mich herum statt. So reitet von rechts ein zwei Meter großes Holzpferd bedrohlich auf mich zu und springt über mich hinweg. Um alles mitzuerleben, muss ich mich dem Geschehen zuwenden.

"Gerade der Erlkönig ist eine latent gruselige Geschichte. Vater und Sohn reiten mitten durch die Nacht in eine ziemlich ängstliche Situation", erklärt Monika Gerboc. Um das Gefühl des Bangens um Leben und Tod in der Virtual Reality zu vermitteln, verlangt die VR-Brille eine ganz andere Herangehensweise als beim traditionellen Puppenspiel.

Szene aus dem VR-Puppenspiel "Erlkönig"
Der "Erlkönig" hat durchaus gruselige Momente. Bildrechte: Puppentheater Zwickau

VR-Brille verlangt andere Erzählweise

Bei einem analogen Bühnen-Stück reicht ein Scheinwerfer, so Monika Gerboc, der den Blick des Publikums in die gewünschte Ecke lenkt. Die Erzählweise eines Puppenspiels für Virtual Reality ist jedoch vollkommen anders. Die Dreharbeiten waren für das Zwickauer Ensemble deshalb ein großes Experiment. Die Geschichte wird à la 360 Grad in vielen kleinen Teilen, vergleichbar mit Pizzastücken gedreht, die später am Computer zusammengepuzzelt werden. Nicht immer sei das beim ersten Anlauf gelungen, erzählt die Regisseurin:

"Der Kontakt von zwei Dialog-Partnern ist auf der Bühne kein Problem – die Spieler gucken sich an. Wenn Sie das aber zerstückeln und separat filmen, kommen Sie nach drei Tagen Dreh einen Monat später zur Erkenntnis: 'Oh nein, die gucken sich nicht an." Man kann aber nichts mehr machen, außer nochmal zu filmen. Der Aufwand ist riesig."

In jeder Hinsicht. Im virtuellen Puppenspiel sehe ich die in schwarz gekleideten Puppenspielerinnen und -spieler, wie sie das riesige Pferd animieren oder den Erlkönig aus Ästen zu unterschiedlichen Gestalten zusammensetzen. Alles ist handgemacht und trotz VR-Brille weit weg von Streaming und jedweder Computeranimation.

Szene aus dem VR-Puppenspiel "Erlkönig"
"Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?" – Goethes "Erlkönig" in Virtual Reality. Bildrechte: Puppentheater Zwickau

Premiere und Start des Vor-Verleihs

Am 29. Januar 2022 feiert der Erlkönig mit den VR-Brillen im Puppentheater Zwickau Premiere. Doch schon jetzt läuft der deutschlandweite Vor-Verleih für 35 Euro pro Brille und Versand. Interessenten bekommen die VR-Brille für zwei Tage nach Hause geschickt. Dabei kann jedes Familienmitglied ab 13 Jahren das exklusive Theatererlebnis genießen. Auch Schulen sind angesprochen, die Brillen zu nutzen und gemeinsam mit einem Theaterpädagogen aus dem Ensemble den Erlkönig zu interpretieren und auszuwerten. Gut möglich, dass das Stück in dieser Pandemie als Alternative zum Theaterbesuch zum Renner wird.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. Januar 2022 | 07:40 Uhr

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