Dachverband für Kunst und Kultur Notwendige Lobbyarbeit: Bilanz nach zehn Jahren Kulturrat in Thüringen

Vor zehn Jahren wurde in Thüringen der Kulturrat gegründet. Verschiedene Branchenverbände wie der Bühnenverein oder der Musikrat haben sich hier zusammengeschlossen, um gemeinsame Ideen in die politische Debatte einzubringen. Diese Art der Lobbyarbeit ist selten in Deutschland, wird aber in anderen Bundesländern aufmerksam beobachtet. Präsident des Kulturrates ist Jonas Zipf, der auch als Werkleiter von JenaKultur tätig ist. Im Interview mit MDR KULTUR zieht er Bilanz.

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Vor zehn Jahren wurde in Thüringen der Kulturrat gegründet. In dieser Form ein seltenes Beispiel für Lobbyarbeit für die Kultur. Jonas Zipf zieht im Gespräch mit Thomas Bille Bilanz.

MDR KULTUR - Das Radio Mo 15.02.2021 06:00Uhr 08:43 min

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MDR KULTUR: Kann man sagen, dass der Thüringer Kulturrat nie wertvoller und angespannter war als in der aktuellen Krise?

Jonas Zipf: Das kann man schon so sagen. Die Kulturakteure sind stark betroffen und in Mitleidenschaft gezogen von dieser Krise. Eigentlich kann man schon gar nicht mehr von einer Krise sprechen, sondern von einer Katastrophe für die Kultur. Da tut Informations- und Übersetzungsarbeit sehr not.

Sie sind ja ein Zusammenschluss von mehreren Spartenverbänden wie dem Bühnenverein, dem Musikrat, die Museumsverbände. Die können ihre Mitglieder selbst beraten. Warum braucht es eine übergeordnete Einrichtung?

Jonas Zipf, Werkleiter von JenaKultur
Jonas Zipf, Werkleiter von JenaKultur Bildrechte: Tina Peißker

Es geht darum, die Interessen auch über Sparten hinweg zu bündeln. Da gibt es das böse Wort "Lobby". Andere Branchen haben damit weniger Probleme und wissen, dass Lobbyarbeit nicht nur bedeutet, mehr Zuschüsse und Geld für seinen Bereich herauszuschlagen. Das versuchen wir auch, aber es geht auch darum, Übersetzungsarbeit zu leisten, also der Politik Informationen zu vermitteln. Wenn zum Beispiel ein Gesetz diskutiert wird, das natürlich spartenübergreifend funktionieren wird, dann macht es auch Sinn, ein Dach für verschiedene Genres und Sparten zu haben.

Im Kulturrat sind unterschiedliche Akteure vertreten: Sie als Leiter von JenaKultur sind eher Arbeitgeber, aber es gibt auch Künstlerinnen und Künstler sowie Auftraggeberinnen und Auftraggeber. Ist es schwer, da gemeinsame Positionen zu vertreten?

Das finde ich nicht. Es kommt darauf an, dass wir alle miteinander im Gespräch sind für die Kultur. Ich bin tatsächlich eher auf der Arbeitgeberseite, auf einer kommunalen Seite. Aber JenaKultur ist eine Konstruktion, bei der ich es gewohnt bin, die Interessen verschiedener Sparten zu moderieren. Es gibt innerhalb des Kulturrats eine Gruppe der Kulturamtsleiterinnen und –leiter, damit sind die auch Mitglied und ermöglichen Gespräche in Richtung Kulturverbände und Landesregierung. Wenn Sie zurückschauen auf den ältesten Kulturrat in Nordrhein-Westfalen: Der arbeitet schon seit 20 Jahren sehr erfolgreich und ist sehr anerkannt. In anderen Bundesländern merkt man, dass es diesen Bedarf in der Corona-Situation ganz stark gibt.

Was haben Sie in den vergangenen zehn Jahren erfolgreich in die Debatte einbringen können?

Ein Highlight ist das Kulturgutschutz-Thema. Dabei wurde ein Plan entwickelt, um bei einem Naturkatastrophenfall wichtige Gegenstände aus Museen, Sammlungen, Bibliotheken und Archiven schnell zu retten. Bei dieser tollen Initiative der Thüringer Staatskanzlei wurde ein Netz von mobilen Orten geschaffen, mit denen beispielsweise im Hochwasserfall entsprechende Güter gesichert werden können. Darum kümmert sich jetzt der Kulturrat und beantragt die Finanzierung über die zuständigen Kulturämter hinaus.

Reden wir über die aktuelle Situation. Was kann der Kulturrat Thüringen tun, damit im Freistaat auch Unterstützungsleistungen für existenziell gefährdete Künstlerinnen und Künstler laufen können?

Zuerst stehen wir mit Expertise und Tiefenkenntnisse zur Verfügung und bauen Brücken. Der Freistaat Thüringen schlägt sich im Vergleich mit anderen Bundesländern sehr gut. Das Stipendienprogramm, was der Ministerpräsident als letzte letzte Maßnahme mit auf den Weg gebracht hat, ist ein probates Mittel, um die stark gebeutelten Solo-Selbstständigen abzufedern. In der Situation ist das ein Interesse, das wir mitverfolgen. Eines der nächsten Themen wird das Programm der Chancengeberinnen und Chancengeber sein, das sehr plötzlich auf den Weg gekommen ist. Da braucht es vor der Umsetzung noch die eine oder andere Klärung. Dabei sollen Solo-Selbständige und Bedürftige aus dem Sozialbereich und den Sozialeinrichtungen zusammengebracht werden.

Die Politik hat auch auf Landesebene gut reagiert und im letzten Jahr ein Sondervermögen in einem Mantel-Gesetz auf die Beine gestellt. Auch wenn nicht alle Mittel abgeflossen sind, war es trotzdem wichtig, das auf die Beine zu stellen, um Einnahmeausfälle zu kompensieren. Die Instrumente werden immer weiter geschärft, passgenau gemacht. Die Schwierigkeit besteht eben darin, dass die Not groß und an vielen Stellen existenziell ist und das eben doch einige Vorgänge manchmal ein bisschen dauern. Da braucht man einfach diese Tiefenkenntnis, die Detailkenntnis, die Übersetzung und die Kommunikationsarbeit. Und dafür sind wir auch da.

Das Interview führte Moderator Thomas Bille für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. Februar 2021 | 08:40 Uhr

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