Eingeschränkte Kooperationen mit Russland Ukraine-Krieg: So reagiert die Kulturszene in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen

Angesichts des Krieges in der Ukraine zeigt man sich auch in der Kulturszene in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen fassungslos – und solidarisch. Die Thüringer Symphoniker führen ein patriotisch-martialisches Werk des russischen Komponisten Alexander Borodin nicht auf, die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden wollen ukrainische Kunstwerke schützen, Stiftung Schloss Friedenstein in Gotha beendet die Zusammenarbeit mit russischen Museen und unter anderem das Theater Dessau leuchtet in den Farben der ukrainischen Flagge. Ein Überblick, welche Auswirkungen der Krieg in der Ukraine auch hierzulande im Kulturbereich hat.

Das Theater in Weimar wird blau-gelb angestrahlt, ein Zeichen der Solidarität mit der Ukraine.
Das DNT Weimar wird mit blau-gelbem Licht angestrahlt, um seine Solidarität mit der Ukraine zum Ausdruck zu bringen. Bildrechte: Andreas Nickel

Sinfoniekonzert in Saalfeld ohne martialisches Werk von russischem Komponisten Borodin

Die Thüringer Symphoniker haben sich entschieden, bei ihrem 6. Sinfoniekonzert am 11. und 12. März in Saalfeld Werke von zwei russischen Komponisten nicht zu spielen. Vor allem handele es sich um die zweite Sinfonie von Alexander Borodin, die auch die "Heldenhafte", beziehungsweise "Heroische" genannt wird. Es sei "ein Werk, das den russischen Patriotismus feiert", sagt der Intendant Steffen Mensching im Gespräch mit MDR KULTUR und betont: "Wir fanden, dass dieses sehr martialische Werk zum jetzigen Zeitpunkt nicht auf unser Programm passt und ausgetauscht werden sollte."

Steffen Mensching hat ein Basecap auf und schaut frontal in die Kamera des Fotografen
Steffen Mensching ist seit 2008 Intendant und Geschäftsführer des Theaters Rudolstadt Bildrechte: imago/VIADATA

Da der russische Dirigent Alexander Tschernuschenko sich auf das Borodin-Werk vorbereitet hatte, zusammen mit einem Werk von Nikolai Rimsky-Korsakow, kann er nun nicht auftreten. Mit Tschernuschenko habe man jedoch sehr lange, gute Erfahrungen und er soll auch zu weiteren Aufführungen wiederkommen, betont Mensching. Überhaupt gehöre russische und sowjetische Musik für die Thüringer Symphoniker zum festen Repertoire – und das werde sich auch nicht ändern, stellt Mensching klar heraus. Der Dirigent Tschernuschenko habe ihm zufolge verständnisvoll reagiert.

Anna Skryleva, Generalmusikdirektorin des Theaters Magdeburg, verurteilt Kriegsverbrechen Russlands

"Man wünscht sich, es wäre nur ein Albtraum. Aber leider ist es Realität" – im Interview mit MDR KULTUR zeigte sich Anna Skryleva, Generalmusikdirektorin des Theaters Magdeburg, betroffen. Die Dirigentin und Pianistin betont im Gespräch, wie wichtig es sei, sich gegen Putins Angriffskrieg in der Ukraine zu positionieren: "Ich bin Russin, in Russland geboren und aufgewachsen. Ich will meine Identität nicht verstecken. Umso wichtiger finde ich es, als Russin zu sagen, dass so ein Kriegsverbrechen heutzutage überhaupt nicht geht!"

Seit 2014 engagiert sich Anna Skryleva für die Völkerverständigung zwischen Russland und der Ukraine: "Damals nach der Krim-Annexion habe ich ein Projekt initiiert, 'Classic for Peace', bei dem ich ukrainische und russische junge Musiker in Deutschland zusammengebracht habe. Und jetzt ist das alles bestimmt nicht mehr möglich."

Dirigent an der Dresdner Philharmonie, Vasily Petrenko, setzt Arbeit in Russland aus

Die beiden Konzerte der Dresdner Philharmonie am 5. und 6. März ("Das Lied von der Erde") werden vom russischen Dirigenten Vasily Petrenko dirigiert. Auf dem Programm stehen Werke von Gustav Mahler und Alexander Zemlinsky. Als Antwort auf den Krieg in der Ukraine hat sich Petrenko deutlich positioniert: "Als Reaktion auf diese schrecklichen Ereignisse habe ich beschlossen, meine Arbeit in Russland auszusetzen, einschließlich aller zukünftigen Verpflichtungen als künstlerischer Leiter des Staatlichen Akademischen Symphonieorchesters Russlands 'Evgeni Svetlanov', bis der Frieden wiederhergestellt ist. Ich glaube an die Förderung von Freundschaft und Verständnis über alle Grenzen hinweg. Der Frieden muss so schnell wie möglich wiederhergestellt werden."

Vasily Petrenko
Der russische Dirigent Vasily Petrenko setzt seine Arbeit in Russland wegen des Krieges in der Ukraine aus. Bildrechte: IMAGO / ITAR-TASS

Jeweils zu Beginn der beiden Konzerte will sich Petrenko mit einem kurzen Statement an das Publikum richten. In einer Mitteilung der Dresdner Ohilharmonie erklärte er: "Die Tragödie, die sich in der Ukraine abspielt, ist bereits eines der größten moralischen Versagen und humanitären Katastrophen unseres Jahrhunderts. Die historischen und kulturellen Beziehungen zwischen dem russischen und dem ukrainischen Volk, auf die ich stolz bin, können niemals als Rechtfertigung für die russische Invasion herangezogen werden".

Schloss Friedenstein beendet Kooperationen mit russischen Museen

Die Stiftung Schloss Friedenstein in Gotha hat angesichts des Ukraine-Krieges ihre Kooperation mit russischen Museen auf Eis gelegt. Laut Stiftungsdirektor Tobias Pfeifer-Helke werden alle Kontakte – postalisch, telefonisch und via E-Mail – ausgesetzt. "Es ist aufgrund der schrecklichen Situation undenkbar, mit staatlichen Institutionen in Russland weiterhin in Kontakt zu stehen und die begonnenen Projekte auch auf Arbeitsebene fortzusetzen", teilte Pfeier-Helke mit. Die Stiftung verurteilte den Angriffskrieg Russlands aufs Schärfste und solidarisiere sich mit den Menschen in der Ukraine und ihrem Recht auf Freiheit und Selbstbestimmung.

Die Stiftung Schloss Friedenstein Gotha hatte Kooperationsvereinbarungen mit dem Staatlichen Puschkin Museum in Moskau und der Staatlichen Eremitage in Sankt Petersburg erst kürzlich abgeschlossen. Dabei geht es um die Erforschung des Schicksals verschollener Kunstwerke aus Gotha. Momentan gäbe es laut Stiftung weder in der Ukraine noch in Russland Dauerleihgaben oder Leihgaben für Sonderausstellungen. Auch seien keine gemeinsamen Ausstellungen geplant.

Leipziger Übersetzerin macht auf zivilen Widerstand in der Ukraine aufmerksam

Die Schriftstellerin, Übersetzerin und Lehrerin Svetlana Lavochkina, die 1973 im ukrainischen Saporischschja geboren wurde, setzt sich seit dem Angriff Russlands dafür ein, auf die Situation in der Ukraine hinzuweisen. Sie wolle ein Bewusstsein dafür schaffen, wie tapfer die Menschen um ihre Heimat kämpften, sagte sie bei MDR KULTUR. Zivilisten, darunter ehemalige Kommilitonen und Freunde von Lavochkina, würden sich organisieren, um den ukrainischen Militäreinheiten zu helfen. "Ich bin direkt verbunden mit einem dieser Netzwerke in einem der Vororte von Kiew", erklärte sie. So bekäme sie Informationen aus erster Hand.

Lavochkina, die seit ihrem 26. Lebensjahr in Leipzig lebt, erklärte im Interview bei MDR KULTUR außerdem, dass sich ihre russischen Freunde für den Krieg schämen würden. Man könne nicht alle Menschen in Russland verurteilen. "Es ist sehr wichtig, dass die Russen demonstrieren, protestieren und der Welt zeigen, dass sie etwas tun können. Das wird die Wurzel des Sieges in diesem furchtbaren Krieg", so die Schriftstellerin.

Porträt der ukrainischen Schriftstellerin Svetlana Lavochkina
Übersetzerin Svetlana Lavochkina hat in Deutschland auch eigene Texte veröffentlicht, wie "Puschkins Erben" und "Die rote Herzogin". Bildrechte: Pavel Gitin

Theater von Chemnitz bis Weimar solidarisieren sich mit der Ukraine

Theater in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zeigen sich auf unterschiedliche Weise solidarisch mit der Ukraine. Während das DNT Weimar eine Spendensammlung initiiert hat, veröffentlichte das Theater Görlitz-Zittau einen "Aufruf zum Frieden" auf seiner Website. Das Schauspiel Leipzig projizierte am Ende einer Vorstellung die ukrainische Flagge auf die Bühne, während das Anhaltische Theater Dessau die eigene Fassade mit blauem und gelbem Licht anleuchtete.

Das Gebäude des Anhaltisches Theaters in Dessau wird in blau-gelber Farbe angestrahlt.
Das Anhaltinische Theater in Dessau solidarisiert sich mit der Urkraine. Bildrechte: Aline Fuchs


Die Intendantin des Theaters Magdeburg, Karen Stone, kündigte ein Benefizkonzert an und erklärte auf Facebook, ihr Haus pflege langjährige Arbeitsbeziehungen und Freundschaften in die Ukraine und werde diese weiter aufrechterhalten. Der Kontakt zu ukrainischen Theatergruppen und Regisseuren sei derzeit jedoch abgebrochen. Diverse Schauspielhäuser wie das Theater Chemnitz schlossen sich außerdem einem Statement des Deutschen Bühnenvereins an, in dem der russische Angriff auf die Ukraine verurteilt und die "künstlerische Zusammenarbeit über Grenzen hinweg" als Grundlage für den Frieden genannt wird.

Semperoper fordert Aberkennung des Sächsischen Dankesordens an Putin

Im Falle der umstrittenen Ordensverleihung an Russlands Präsidenten Wladimir Putin im Jahre 2009 hat sich die Dresdner Semperoper ausdrücklich von der Leitung des Opernballs distanziert. Wie die Semperoper mitteilte, gäbe es "massive Irritationen" beim Blick auf den künstlerischen Leiter des Balls, Hans-Joachim Frey, und seine Entscheidung, Putin den Sächsischen Dankesorden nicht abzuerkennen. Intendant Peter Theiler betonte, dass der Semperopernball nicht die künstlerische Ausrichtung der Semperoper repräsentiere. Er forderte den Ballverein auf, sich zu Frey zu positionieren.

Nachdem der öffentliche Druck so stark zugenommen hatte, gab der Verein am Freitag, den 4. März, bekannt, dass sie die damalige Ehrung für Wladimir Putin zurückziehen. Kriege gehörten weder in diese Zeit noch in diese Welt und erst recht nicht nach Europa, hieß es in einer Mitteilung. Das sei für einen Verein, der für Frieden, für kulturelle Zusammenarbeit und Lebensfreude stehe, ernüchternd und bitter, teilten die Ausrichter des Balls mit. Deshalb müsse man dem heutigen russischen Präsidenten den damals verliehen sächsischen Dankesorden "nach tief gehenden Beratungen und Gesprächen mit allen Beteiligten" aberkennen.

Bei der Vorstellung des neuen Spielplans verurteilte Intendant Peter Theiler den Angriff Russlands auf die Ukraine und sicherte dem Land und seinen Bürgern Solidarität zu. Es gebe 17 Frauen und Männer aus der Ukraine in einem festen Engagement an der Semperoper. Auch mit Künstlerinnen und Künstlern aus Russland, die ihre Stimme gegen den Krieg erheben, wolle man weiterhin zusammenarbeiten, erklärte Theiler.

SKD unterbrechen Zusammenarbeit mit russischen Einrichtungen

Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) haben angesichts des Krieges in der Ukraine angekündigt, die institutionelle Zusammenarbeit mit allen russischen Einrichtungen vorerst zu unterbrechen. Auf persönlicher Ebene wolle man mit Kunstschaffenden in Russland, die "ihre Stimme gegen die russische Militäraggression in der Ukraine erheben", im Gespräch bleiben, so Marion Ackermann, Generaldirektorin der SKD bei MDR KULTUR.

Die Dresdner Kunstsammlungen wollen dagegen die Zusammenarbeit mit Partnern in der Ukraine ausbauen. Nach eigenen Angaben haben die SKD Museen und Privatsammlern in der Ukraine Hilfe angeboten, um Kunstschätze zu schützen. In den kommenden Monaten und Jahren wolle man die Beziehungen zur Ukraine mit Sonderausstellungen, Konferenzen und Residenzen sichtbarer machen.

Die Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Marion Ackermann
Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, will die Zusammenarbeit mit ukrainischen Museen ausbauen. Bildrechte: imago/epd

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. März 2022 | 07:10 Uhr