Generalmusikdirektorin des Theaters Magdeburg Anna Skryleva über den Ukraine-Krieg: "So ein Kriegsverbrechen geht überhaupt nicht!"

Nicht nur international, auch viele Russen sind entsetzt über den Angriff Russlands auf die Ukraine. Anna Skryleva spricht im Interview von einem "Albtraum". Die russische Dirigentin und Pianistin ist seit 2019 Generalmusikdirektorin des Theaters Magdeburg. Sie erlebt die Folgen des Überfalls Russlands auf die Ukraine sehr persönlich, weil viele Menschen sie um Hilfe bitten.

Generalmusikdirektorin Anna Skryleva 7 min
Bildrechte: dpa
7 min

Viele Russen sind entsetzt über den Angriff ihres Heimatlands auf die Ukraine. Die Generalmusikdirektorin des Theaters Magdeburg, Anna Skryleva, spricht von einem "Albtraum".

MDR KULTUR - Das Radio Fr 04.03.2022 06:00Uhr 07:16 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

MDR KULTUR: Wie nehmen Sie die Situation zur Zeit wahr?

Anna Skryleva: Man denkt, es ist ein Albtraum. Man wünscht sich, es wäre nur ein Albtraum, damit man aufwachen kann. Aber leider ist es Realität. Ich nehme die Situation sehr ernst, sehr bedrohlich und sehr emotional wahr.

Inwieweit steht auch die künstlerische Arbeit unter diesem Eindruck?

Leider merke ich, dass jetzt generell auch die Kultur dadurch sehr unter Druck steht. Ich meine, ich bin Russin, in Russland geboren und aufgewachsen. Ich bin deutsche Staatsbürgerin. Aber natürlich werde ich für alle Russin bleiben – und das ist auch gut so. Ich will meine Identität dadurch jetzt nicht verstecken. Aber umso wichtiger finde ich, als Russin wirklich zu sagen, dass so ein Kriegsverbrechen heutzutage überhaupt nicht geht!

Dass gerade das Land, wo ich aufgewachsen bin – Russland –, so eine Tat begeht, tut mir noch mehr weh. Und dass ich als Russin, die hier in Deutschland lebt, sogar mein eigenes Land fürchten muss, das macht mich wahnsinnig. Und natürlich das, was gerade in der Ukraine passiert! Ich habe so viele Freunde und Kollegen dort und engagiere mich seit 2014 für Völkerverständigung. Damals nach der Krim-Annexion habe ich ein Projekt initiiert, "Classic for Peace", bei dem ich ukrainische und russische junge Musiker zusammengebracht habe nach Deutschland. Wir haben ein super Projekt gemacht. Und jetzt … ist das alles bestimmt nicht mehr möglich.

Es ist sehr wichtig heutzutage, sich solidarisch zu zeigen. Aber immer wenn man eine konkrete Hilfe leisten kann, ist das umso wichtiger.

Anna Skryleva

Sie haben Freunde und Bekannte in der Ukraine. Haben Sie mit ihnen Kontakt? Was berichten die?

Ja, ich habe Kontakt. Einige rufen mich verzweifelt an und bitten um Hilfe. Zum Beispiel eine von den Familien, denen ich damals durch mein Projekt geholfen habe. Der Vater von dem jungen Cellisten hat mir gestern eine SMS geschickt – und ich habe erstmal geweint, als ich die bekommen habe. Er hat darum gebeten, dass ich seiner Frau und seiner Tochter helfe, weil er und der Sohn nicht ausreisen können. Und seine Frau ist Geigerin.

Ich habe das bei uns im Theater angesprochen, ob wir ihr eventuell einen Zeitvertrag im Orchester geben können, weil sie arbeitet an der Nationaloper in Kiew, und wir werden versuchen, irgendwas zu machen, sie irgendwie zu holen, also zumindest dieser Familie direkt zu helfen. Denn ich finde, es ist sehr wichtig heutzutage, sich solidarisch zu zeigen. Aber immer wenn man eine konkrete Hilfe leisten kann, ist das umso wichtiger.

Wie ist das auf der russischen Seite? Was berichten dort Ihre Freunde und Bekannte?

Einige schreiben mir sozusagen versteckt, weil dort jetzt ein Gesetz verabschiedet worden ist, das den Leuten verbietet, öffentlich was dagegen zu sagen. Die werden sofort verhaftet. Ein Bekannter hat sogar darum gebeten, dass ich nicht per Telefon darüber spreche.

Wir erhalten einige Meldungen über Proteste in Russland und nehmen auch wahr, wie mutig die Leute dort sind – auf unterschiedlichen Ebenen, einmal auf der Straße und auch in Form eines Briefs von Oligarchen. Für wie einflussreich halten Sie diese Aktionen?

Ich finde es erstmal großartig und so mutig von diesen Leuten, dass sie gerade in so einer Zeit ihr Leben riskieren. Das ist im Moment wirklich sehr riskant, das zu machen. Aber das zeigt, dass wahrscheinlich nicht alles verloren ist. Denn ich finde, wenn die Leute schweigen, wird gar nichts passieren, das wird die Situation noch verschlimmern.

Ich finde, das Schlimmste ist, was die Regierung in Moskau getan hat: Sie hat nicht nur Völkerverbrechen der Ukraine gegenüber getan. Sie hat ihrem eigenen Volk gegenüber ein Verbrechen getan. Jetzt beginnt so eine Art Hexenjagd auf Russen auf der ganzen Welt, ohne zu fragen, wie wir überhaupt zu diesem Weg stehen. Das finde ich das Schlimmste.

Das Interview führte Moderatorin Julia Hemmerling für MDR KULTUR.

Mehr zum Krieg gegen die Ukraine und den Folgen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. März 2022 | 06:15 Uhr

Mehr MDR KULTUR