Kein Lichterglanz, keine Geselligkeit Kulturgut Weihnachtsmarkt in Gefahr?

Schwibbögen und Räuchermännchen verstauben in den Regalen, der Glühwein bleibt im Fass: Das zweite Jahr in Folge sind die Weihnachtsmärkte Corona-bedingt abgesagt. Im Weihnachtsland Sachsen werden Rufe laut, das Kulturgut Weihnachtsmarkt sei in Gefahr. Igor Jenzen, Direktor des Museums für sächsische Volkskunst in Dresden, das als das Weihnachtsmuseum schlechthin gilt, spricht im Interview mit MDR KULTUR über Weihnachtstraditionen und die Besonderheit der Vorweihnachtszeit im Erzgebirge.

Seiffen – Kleines Weihnachtsparadies im Erzgebirge
Ob in Seiffen im Erzgebirge oder andernorts in Sachsen - die Weihnachtsmärkte mussten auch 2021 corona-bedingt abgesagt werden. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

MDR KULTUR: Herr Jenzen, auch in diesem Jahr wird das Weihnachtsfest anders sein als sonst. Zum zweiten Mal sind die Weihnachtsmärkte abgesagt. Vor allem die Händler und die Marktbetreiber sehen das Weihnachtsland Sachsen in Gefahr. Können Sie die beruhigen?

Igor Jenzen: Das Weihnachtsland Sachsen ist ganz bestimmt nicht in Gefahr. Da muss schon Schlimmeres passieren. Das hat eine so lange Geschichte und schon einiges anderes überlebt. Aber ich habe größtes Verständnis für die Sorgen derer, die davon Leben. Das ist klar.

Wir haben ja eine ganz alte Tradition. Schon seit dem Mittelalter, seit dem 15. Jahrhundert, haben wir den Striezelmarkt. Auf diesem wurden spätestens seit dem 18. Jahrhundert auch typische Weihnachtsgeschenke verkauft. Da hängt die ganze Spielzeugindustrie im Erzgebirge dran. Wenn Weihnachtsmärkte nicht geöffnet werden, dann hängt ganz viel dran.

Das ist die wirtschaftliche Seite. Auf der anderen Seite sind Advent und Weihnachtszeit ja auch ein emotionaler Ausnahmezustand. Vorfreude und hochgespannte Erwartungen sind erheblich schöner als Verzicht und Alltag.

Man braucht die Weihnachtszeit auch. Sie ist die Zeit im Jahr, in der die Zeit sozusagen verlangsamt. Die Alltagszeit ist ja hochgradig dynamisch. Wir haben uns daran gewöhnt, dass wir wahnsinnig schnell funktionieren müssen. Und in der Weihnachtszeit ist das eben nicht so. Dann wird die Zeit insofern sogar statisch, als dass man in der Weihnachtszeit eben an die Kindheit zurückdenkt, an die Wiederholungen.

Igor A. Jenzen 9 min
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Ist das Weihnachtsland Sachsen in Gefahr? Igor Jenzen, Direktor des Museums für Sächsische Volkskunst, über die Vorfreude auf die sächsische Vorweihnachtzeit – trotz abgesagter Weihnachtsmärkte und Corona-Pandemie.

MDR KULTUR - Das Radio Do 25.11.2021 18:00Uhr 09:01 min

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Die Wiederholung ist ganz wichtig – das Ritual, dass man immer dasselbe macht zu Weihnachten und sich auf diese Weise aus dem Stress ausklingt. Und es ist tatsächlich so, dass die Sachsen auch ihre eigenen Rituale haben. Zu Beginn der Adventszeit holen sie ihre Räuchermännl vom Dachboden und dekorieren das Wohnzimmer, das dann zur Weihnachtsstube wird.

Weihnachten hat viele Facetten. Familienfeste, Veranstaltungen wie Betriebsweihnachtsfeiern ... Wie wird sich das Fest aus Ihrer Sicht in einer immer mehr globalisierten und diverseren Gesellschaft verändern?

Ich denke, dass das Weihnachtsfest das Produkt kultureller Reibung ist. Das Erzgebirge ist ja ein Gebirge mit Migrationshintergrund. Der Bergbau hat aus allen Teilen der Welt Leute hergezogen. Und diese spezielle Mischung hat zu der Weihnachtskultur geführt, die wir im Erzgebirge heute haben. Insofern muss man da keine Angst vor Migrationseinflüssen und vor Diversität haben. Das ist genau das, was Kultur ausmacht. Kultur verändert sich ja ständig.

Ihr Museum ist vorerst bis zum 12. Dezember geschlossen. Sie haben eine Sonderausstellung vorbereitet, die wegen der sächsischen Corona-Verordnung wieder nicht gezeigt werden kann.

Wir wollten nicht nur, wir tun das auch. Die Ausstellung wird länger stehen bleiben, sodass man sie auch nach dem Lockdown sehen kann. Es geht um die Geschichte der erzgebirgischen Kronleuchter, der sogenannten Spinnen. Kronleuchter sind ursprünglich eine Sache des Adels, des reichen Bürgertums und der Kirchen. Nur sie konnten sich Wachskerzen leisten – und das vor allem in einer Vielzahl.

Insofern ist der Kronleuchter eine Repräsentation für den Hof. Man hat die Nacht zum Tag gemacht, indem man ganz furchtbar Luxus demonstriert hat. Luxus kommt von Lux, der Einheit für das Licht. Luxus ist also der verschwenderische Umgang mit Licht. Und ausgerechnet im Erzgebirge kam es dazu, dass sich die Menschen diesen Luxus abschauten, selber adaptierten und aus Holz das nachbauten, was sie am Hof gesehen hatten. Und das ist nur im Erzgebirge so, das gibt es sonst nirgendwo.

Das Gespräch führte Moderatorin Annett Mautner für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. November 2021 | 18:40 Uhr

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