"Weimarer Kontroversen" Diskussion zu Klimawandel: Haben Luisa Neubauer und Fridays for Future "alles falsch gemacht"?

"Müssen die Klimaproteste radikaler werden?" Das war am Mittwochabend das Thema einer Podiumsdiskussion in der Reihe der "Weimarer Kontroversen" der Klassik Stiftung Weimar im Bauhaus-Museum. Zu Gast waren die Fridays for Future-Organisatorin Luisa Neubauer und Philipp Ruch, Aktionskünstler und Gründer des Zentrums für Politische Schönheit. Und der warf der Klimaschutz-Bewegung um Neubauer schwere Fehler bei ihren Kampagnen vor.

Philipp Ruch, künstlerischer Leiter des Zentrums für Politische Schönheit
Philipp Ruch, Gründer des Zentrums für Politische Schönheit Bildrechte: IMAGO

"Der Klimawandel ist in vollem Gange", sagte Helmut Heit, Leiter des Kollegs Friedrich Nietzsche der Klassik Stiftung Weimar, zu Beginn der vierten "Weimarer Kontroversen". Das stehe für ihn außer Frage. Was ihn und die Klassik Stiftung Weimar umtreibe, sei vielmehr: "Warum gelingt es so schwer, darauf zu reagieren?" Daraus leitet Heit die Frage dieses Abends ab: "Müssen die Klimaproteste radikaler werden?" Auf ihr Podium eingeladen hat die Klassik Stiftung dafür die Klimaschutzaktivistin und Fridays for Future-Organisatorin Luisa Neubauer und den Künstler und Gründer des Zentrums für Politische Schönheit, Philipp Ruch.

Neubauer sieht ein "fossiles Patriarchat"

Luisa Neubauer
Luisa Neubauer bei einer Veranstaltung der lit.Cologne im Juni 2021 Bildrechte: imago images/Future Image

Luisa Neubauer teilte die Analyse von Heit und bot für die zögerlichen Reaktionen auf die Krise verschiedene Erklärungen an. Sie forderte ein anderes Nachdenken über Räumlichkeit und Zeitlichkeit. "Man imaginiert, dass es weit weg passiert, zum Beispiel auf Pazifikinseln, also in weiter Ferne." Dem sei aber nicht so. "Die Klimakrise passiert hier und heute", wie die jüngsten Überschwemmungen in Nordrhein-Westfalen zeigten.

Das andere Problem bezeichnete Neubauer als "fossiles Patriarchat". Gemeint ist damit die Verknüpfung aus Macht und Lobbyismus, das sich nach wie vor auf die patriarchalen Strukturen in Politik und Wirtschaft stütze. Neubauer fordert: "Wir müssen komplett neu darüber nachdenken, wie Wirtschaft grundlegend anders aussieht. Wir müssen über Machtflüsse nachdenken." Ein Problem dabei sei, "dass die am stärksten Betroffenen, also die Jungen und die Alten, nicht in den Machtpositionen sind. Wir sind davon abhängig, dass die Machthabenden etwas für uns tun. Und das ist noch nicht mal ansatzweise angesprochen."

Man kämpft und kämpft und … nichts kommt in der Politik an.

Philipp Ruch, Aktionskünstler und Gründer des Zentrums für Politische Schönheit

Aktionskünstler Philipp Ruch sieht sich und seine Kunstaktionen in ähnlicher Position wie Luisa Neubauer und Fridays for Future: "Wie Kassandra". Die Themen des Zentrums für Politische Schönheit seien aber andere, ihn interessiere das Massensterben an den Außengrenzen von Europa wie auch in Europa. "Man kämpft und kämpft und … nichts kommt in der Politik an", so Ruch.  

Ruch: "Ist es nicht an der Zeit, Kohlekraftwerke lahmzulegen?"

Ein Mann wird von einer Lichtprojektion beleuchtet
Philipp Ruch und sein Zentrum für Politische Schönheit sorgen immer wieder mit radikalen Aktionen für Diskussionen. Bildrechte: MDR/Bastian Wierzioch

Kontrovers wird es bei der Frage, ob die Protestformen der Klimaaktivisten ausreichen, um Handlungsänderungen zu erreichen. Für Ruch ist das Urteil über die Schulstreiks von Fridays for Future eindeutig: "Mir ist das zu wenig." Und Ruch geht noch einen Schritt weiter: "Alles wurde falsch gemacht, was falsch gemacht werden konnte bei Fridays for Future." Die Bewegung versuche zu verkaufen, wie genial das gewesen sei, nicht in die Schule zu gehen. "Das ist Autoaggression. Vier Fünftel in der Aktionskunst bestehen aus Autoaggression" – wie etwa sich ein Ohr abzuschneiden. Es sei eine dumme Idee, nicht in die Schule zu gehen. "Das als Erfolg zu verkaufen, das ist zu wenig."

Mit Blick auf die Aktionen des Zentrums für Politische Schönheit vertrat er die These: Man müsse den Entscheidern das Leben "zur Hölle" machen. Und Ruch stellte die rhetorische Frage: "Ist es nicht an der Zeit, Kohlekraftwerke lahmzulegen?"

Die einen besetzen Kohlekraftwerke, die anderen gehen mit einer Klage nach Karlsruhe.

Luisa Neubauer, Organisatorin der Bewegung Fridays for Future

Neubauer wies die Forderung Ruchs nach radikaleren Aktionen zurück. "Radikalität ist etwas Relatives". Für die einen sei es die Blockade einer Einfahrt, andere blockierten die Zufahrt zum Leipziger Flughafen und blieben dafür ein Wochenende lang in Polizeigewahrsam. Außerdem gehe die Klimabewegung "arbeitsteilig" vor. Teile davon würden ja schon Kohlekraftwerke blockieren.

Neubauer wertete zudem die Schulstreiks als Erfolg. Sie hätten heftige Diskussionen ausgelöst – in den Schulen bis hin zu den Mittagstischen in vielen Familien. Die "endlosen Debatten über dieses Klimading" hätten auch zu dem dann erzielten Ergebnis der Europawahl geführt. "Die einen besetzen Kohlekraftwerke, die anderen gehen mit einer Klage nach Karlsruhe." In der Schweiz verklagten ältere Bürger den Staat, weil sie die ersten seien, die bei dem Klimawandel an der Hitze sterben würden, so Neubauer. Das seien verschiedene "Mosaiksteine des Protests."

Sollte Friday for Future eine Partei werden?

Die Aufforderung Ruchs, aus Fridays for Future eine Partei zu formen, lehnte Neubauer ab. Es wäre ein "eklatanter Fehler, zu denken, man könnte das Ökothema in eine Partei outsourcen." Es wäre nur die "allerletzte Option."

Mehr über Fridays for Future und die Klima-Katastrophe

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. Juli 2021 | 12:10 Uhr

Meistgelesen bei MDR KULTUR

Abonnieren