Rittergut Nickelsdorf: Impulse für ländliche Entwicklung

Auf dem Rittergut Nickelsdorf bei Crossen laufen viele Fäden zusammen. Die historische Anlage beherbergt ein Gästehaus, Räume für Umweltbildungsprojekte und einen Bauerngarten. Hinter dem Projekt steckt ein Verein.

Luftbild des Rittergutes Nickelsdorf bei Crossen
Das Rittergut Nickelsdorf aus der Luft gesehen. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Nickelsdorf liegt auf einer knapp 300 Meter hohen Anhöhe, von der aus sich weit ins hügelige Land schauen lässt. Hier im äußersten Ostthüringen prägen Felder, Wiesen und Wälder das Bild, die Elster schlängelt sich durch die Ebene im Tal. Vom historischen Städtchen Crossen kommend, empfängt das weitläufige Rittergut die Gäste gleich am Ortseingang. Auf drei Seiten gruppieren sich langgestreckte Gebäude mit weißen Fassaden um einen großzügigen Innenhof. Etliche Dächer tragen Solaranlagen.

 Blick aus dem Hof hinaus auf dem Rittergut Nickelsdorf bei Crossen
Der großzügige Innenhof bietet viel Platz für Zusammenkünfte und zum Spielen. Bildrechte: MDR/Dörthe Gromes

Über 400 Jahre Gutsgeschichte

"Seit Ende des 16. Jahrhunderts fungierte das Gut als Vorwerk des Crossener Schlosses", erzählt Steffi Friebel, Bereichsleiterin für Eventmanagement und soziale Projekte. "Es sicherte die Versorgung des Schlosses mit Lebensmitteln und lag direkt an der damals wichtigsten Straße, die Jena und Leipzig miteinander verband."

Bis 1932 war die Geschichte des Gutes an das Schicksal der Schlossbewohner gekoppelt, dann wurde es mehrmals verkauft, bis es 1965 verstaatlicht und in eine Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) umgewandelt wurde. "Nach der Wende war das Gut in einem absolut katastrophalen Zustand. Als der Verein das Gut 1998 kaufte, war absolut alles kaputt", erinnert sich Steffi Friebel.

Steffi Friebel beim Arbeitseinsatz im Bauerngarten auf dem Rittergut Nickelsdorf bei Crossen
Steffi Friebel packt durchaus auch mal im Garten mit an. Bildrechte: MDR/Dörthe Gromes

Nach der Wende war das Gut in einem absolut katastrophalen Zustand. Als der Verein das Gut 1998 kaufte, war absolut alles kaputt.

Steffi Friebel, Rittersgut Nickelsdorf

Rettung durch Verein

"Der Verein" ist der Verein Ländliche Kerne, gegründet 1994. Er bewahrte das unter Denkmalschutz stehende Kleinod und hauchte ihm neues Leben ein. Ursprüngliches Ziel war die Einrichtung eines europäischen Jugendgästehauses. Übernachten kann man nach wie vor auf dem Rittergut, aber bei weitem nicht nur. Die Liste an Aktivitäten und Projekten, die Steffi Friebel akribisch aufzählt, ist lang, sehr lang.

Ein Gut für Kinder und Jugendliche

Ein Schwerpunkt ist die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. So vermittelt das Rittergut-Team Integrationsbegleiter an die Schulen der Umgebung. Vor allem aber werden auf dem Gut selbst Projekttage für Schulen und Kindergärten oder Ferienfreizeiten angeboten. Die Kinder können auf dem Gut verschiedene Werkstätten ausprobieren, die natürliche Umgebung und auch den Bauerngarten erkunden oder sich auf den Spielplätzen austoben. "Wir orientieren uns dabei stets am Konzept der Bildung für nachhaltige Entwicklung", sagt Bereichsleiterin Friebel. Der schonende Umgang mit Ressourcen und die Vermittlung von Naturzusammenhängen stehen weit oben auf dem Bildungsplan.

Heidschnucken grasen neben einem umgelegten, kleinen Windrad auf dem Rittergut Nickelsdorf bei Crossen
Heidschnucken und erneuerbare Energien: Auf dem Rittergut kommt vieles zusammen. Bildrechte: MDR/Dörthe Gromes

Projekte zum Schutz der Artenvielfalt

Neben der Bildung werden aber auch viele Naturschutzmaßnahmen durchgeführt. Ein Projekt war beispielsweise die Unterstützung der Wiederansiedlung des dunklen Wiesenknopf-Ameisenbläulings. Dieser mittlerweile selten gewordene, kleine, blaue Schmetterling ist auf das Vorhandensein des großen Wiesenknopfs, einer Feuchtwiesenpflanze, angewiesen. Ihre Bestände in der Elsteraue sind durch Entwässerung und Intensivbewirtschaftung in den letzten Jahrzehnten stark zurückgegangen.

Ein aktuelles Projekt ist die Bekämpfung invasiver Pflanzenarten wie der Orientalischen Zackenschote, der Kanadischen Goldrute oder des Japanischen Staudenknöterichs. Christine Teumer ist die fachliche Leiterin der Natura-2000-Station "Mittlere Saale", die ihren Sitz ebenfalls auf dem Rittergut Nickelsdorf hat. "Wir kartieren die Flächen, wo Neophyten vorkommen und priorisieren sie danach, wo eine Bekämpfung vielversprechend erscheint und konkurrenzschwache einheimische Arten stärkt", erklärt sie. Ein mühsames Unterfangen mit vielen rechtlichen und praktischen Hindernissen.

Christine Teumer und Anne Bessel von der Natura 2000 Station vor dem Rittergut Nickelsdorf bei Crossen
Christine Teumer und Anne Bessel von der Natura 2000 Station im Rittergut Nickelsdorf. Bildrechte: MDR/Dörthe Gromes

Bauerngarten und alte Haustierrassen

Auf einem echten Rittergut dürfen Tiere und ein Küchengarten natürlich nicht fehlen. Alte Haustierrassen wie Sattelschwein und Heidschnucke werden auf dem Gut gehalten, ebenso wie Kaninchen, Meerschweinchen und Katzen. Heiko Wittig kümmert sich um Tiere und Garten: "Die Tiere haben Priorität, danach bleibt dann hoffentlich noch Zeit für den Garten", erzählt er. Der klassisch angelegte Bauerngarten trägt auch zur Versorgung der gutseigenen Küche bei: Kräuter, Beeren, Gemüse und Blumen wachsen hier.

Für eine Person allein ist das kaum zu stemmen, weshalb sich das Team vom Rittergut unter Initiative von Thomas Winkelmann auch um die Teilnahme am diesjährigen "MDR Garten-Arbeitseinsatz" bewarb - und gewann. So rückten an einem klaren Novembertag das Kamerateam vom MDR Garten, Fachfrau Brigitte Goss und Moderator Jens Haentzschel an. Außerdem packten viele Freiwillige aus dem Rittergut-Team mit an und so wurde der große Garten an einem Arbeitstag winterfest gemacht: wild wuchernde Pflanzen gezähmt, ausufernde Beerensträucher beschnitten und der Kompost umgesetzt.

Männer setzen einen Kompost um auf dem Rittergut Nickelsdorf bei Crossen
Mit vielen Helfern war der Kompost schnell umgesetzt. Bildrechte: MDR/Dörthe Gromes

Teamarbeit

"Für uns ist es normal, dass jeder auch mal in einem anderen Bereich aushilft, wenn es notwendig ist", erklärt Steffi Friebel den Teamgeist. Anders ließe sich der Gastro- und Übernachtungsbetrieb auf dem Rittergut auch gar nicht aufrecht erhalten. "Wenn wir zum Beispiel viele Gäste haben oder eine Hochzeitsgesellschaft unsere Tenne gebucht hat, packen wir Büroleute auch mit an", fährt sie fort. Anders würde es gar nicht gehen, denn die Personalnot im Service und im sozialen Bereich bekommt auch das Rittergut zu spüren: "Wir haben verschiedene Stellen ausgeschrieben, aber es ist leider schwer sie zu besetzen." An besagtem Tag jedenfalls ist die Stimmung in Nickelsdorf sehr gut, dank vieler Hände ist die Arbeit schnell geschafft.

Über das Rittergut Nickelsdorf Rund 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Ländliche Kerne e.V. bieten auf dem Rittergut unter anderem an:
- Klassenfahrten und Ferienfreizeiten
- Projekttage für Kinder und Jugendliche rund um das Thema nachhaltige Entwicklung
- Vermittlung von Integrationsbegleitern
- Initiierung und Durchführung von Naturschutzprojekten
- Vermietung von Räumlichkeiten für Tagungen, Seminare oder private Feiern
- Restaurant "Gutsherrenschenke"

Kontakt:
Ländliche Kerne e.V.
Nickelsdorf 1
07613 Crossen an der Elster

Telefon: 036 693 – 230 90
E-mail: info@laendlichekerne.de
Website: www.laendlichekerne.de

Blick auf den Mühlberg vom Bahnhof Crossen-Or
Das Rittergut liegt auf der Kuppe des Mühlberges. Bildrechte: MDR/Dörthe Gromes

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR Garten | 07. November 2021 | 08:30 Uhr