Die Bachkantate mit Maul & Schrammek Die Hintergründe zu Bachs Ratswahlkantate

Wann hat Johann Sebastian Bach als Leipziger Thomaskantor eigentlich seine feierlichste und am größten besetzte Kantate aufgeführt? Weihnachten, Ostern oder Pfingsten? Nein – es war an einem unscheinbaren Montag im August, wenn die jährliche Ratswahl anstand. In seinem ersten Amtsjahr 1723 konnte man da in der Nikolaikirche Bachs Kantate „Preise, Jerusalem, den Herrn“ hören. Was hat es mit diesem Titel und der dazugehörigen Musik auf sich?

Mächtiger Trompetenschall durchdringt an diesem Montag, dem 30. August 1723 die altehrwürdige Nikolaikirche in Leipzig. Bis auf den letzten Platz ist das Gotteshaus gefüllt, denn heute feiert sich die Stadt selbst – es ist der Tag der Ratswahl.

Die Ratswahl im August 1723

Freilich bedeutet Ratswahl im 18. Jahrhundert keinen demokratischen Wahlakt mit Kandidaten und einer Beteiligung des Volkes. Auf Lebenszeit waren jeweils 30 Ratsherren bestimmt, die sich in drei Kollegien unterteilten und jährlich mit der Regierung abwechselten. Die Ratswahl im August war also ein turnusmäßiger Verwaltungsakt. Bachforscher Michael Maul erklärt:

Mann im Anzug vor Gemälde von Johann Sebastian Bach.
Michael Maul, Bachforscher und Intendant des Bachfestes Leipzig. Bildrechte: Bachfest Leipzig

Da hat dann ein neuer „sitzender Rat“, einer von diesen dreien, die Geschäfte aufgenommen. Und damit das Ganze mit Gottes Segen geschah, hat man das mit einem festlichen Gottesdienst begonnen.

Schmeichelei für die Stadt Leipzig

Der Dichter der Festkantate für diesen Gottesdienst hat dafür gesorgt, dass sich die 30 Ratsherren in der Kirche, aber auch die vielen städtischen Bediensteten und anwesenden Bürger geschmeichelt fühlen konnten. Sein Libretto beginnt mit einem kurzen Psalmvers, der eine deutliche Anspielung auf die Stadt Leipzig ist, weiß Michael Maul:

„Preise Jerusalem den Herrn“ könnte man eigentlich auch übersetzen mit dem, was wirklich gemeint war: „Preise, Leipzig, den Herrn“. Denn Leipzig wird hier einerseits mit Jerusalem, also der von Gott auserwählten Stadt und generell mit dem Zion gleichgesetzt. [...] Da war man hier überhaupt nicht scheu, und das gehörte offenbar hier zum guten Ton. Wir haben dann sogar eine Arie, wo das ganz platt gemacht wird: „Wohl dir, du Volk der Linden, wohl dir, du hast es gut.“ Weil es eben die von Gott auserwählte Stadt ist, und das Volk der Linden ist natürlich ganz klar Leipzig.

Bürgerstolz der Leipziger

Mit einer riesigen Orchesterbesetzung und der Form einer eleganten französischen Ouvertüre macht Johann Sebastian Bach schon im Eingangschor klar, dass er sich mit dem Bürgerstolz der Leipziger durchaus identifiziert.

 Das Bach-Denkmal in Leipzig hinter einem Baum, 2014
Bildrechte: dpa

Später in der Kantate schlägt Bach dann aber auch ruhigere Töne an, so etwa in einer Altarie, deren Text die Obrigkeit, also die Stadtregierung, als Gottes Ebenbild bezeichnet. Hier begleiten weder Pauken noch Trompeten, sondern zwei milde Blockflöten.

Warum Bach hier eine sehr besinnliche Musik schreibt, ist, glaube ich: Er will ein bisschen dieses Ebenbild der Obrigkeit, des Stadtrates mit Gott und mit den Sphären Gottes, nämlich dem Himmel, in Verbindung bringen. Und natürlich sind die Flöten hier der Ausdruck der Himmelsmusik.

Kantate auch heute noch von Bedeutung für Leipzig

Die Gemeinde in der Nikolaikirche, besonders aber die 30 Ratsherren, werden nach dem Hören dieser Kantate mit leuchtenden Augen und stolz geschwellter Brust ins Rathaus gezogen sein, um ihren Ratswechsel zu vollziehen. Für das Selbstverständnis der Bürgerstadt Leipzig blieb dieses Stück übrigens auch später noch von hoher Bedeutung, weiß Michael Maul:

Im Jahr 1843, als Felix Mendelssohn Bartholdy hier Gewandhauskapellmeister war, hat er ja dafür gesorgt, dass das erste Bach-Denkmal aufgestellt wurde. Und als dieses Denkmal eingeweiht wurde, hat Mendelssohn mit dem Gewandhausorchester im Gewandhaus und den Thomanern welches Stück aufgeführt? Natürlich „Preise, Jerusalem, den Herrn“.

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Die Bach-Kantate mit Maul & Schrammek

Kultur

Michael Maul und Bernhard Schrammek vor der Thomaskirche
Bildrechte: MDR/Nikolas Fabian Kammerer

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Michael Maul und Bernhard Schrammek vor der Thomaskirche
Bildrechte: MDR/Nikolas Fabian Kammerer

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Michael Maul und Bernhard Schrammek vor der Thomaskirche
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Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 30. August 2021 | 10:05 Uhr