Internationale Schostakowitsch-Tage Gohrisch feiert den Komponisten Dmitri Schostakowitsch

Im idyllischen Gohrisch, auf einer Hochebene links der Elbe in der Sächsischen Schweiz gelegen, ließen sich schon im ausgehenden 19. Jahrhundert begüterte Dresdner Unternehmerfamilien Villen errichten. Auch die DDR-Politprominenz wusste um die Vorzüge dieser Gemeinde und hatte im Gästehaus des Ministerrates in- und ausländische Gäste untergebracht, darunter viele Künstler. Auch Dmitri Schostakowitsch weilte zweimal in Gohrisch, 1960 und 1972. Ihm zu Ehren finden jährlich die Internationalen Schostakowitsch-Tage in Gohrisch statt.

Blick auf den Kurort Gohrisch: Mehrere Häuser stehen vor einem großen Berg
Blick auf Gohrisch – inmitten der Sächsischen Schweiz. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein Sonderkonzert der Sächsischen Staatskapelle in der Dresdner Semperoper hat am Abend des 29. Juni die 13. Internationalen Schostakowitsch-Tage Gohrisch eingeleitet. Bis zum 3. Juli dreht sich dann wieder in der Konzertscheune Gohrisch alles um die Musik von Dmitri Schostakowitsch. Auch Überraschungen, wie erst kürzlich neu entdeckte Werke des Komponisten, sind versprochen und eine Erweiterung des Programms.

Fulminanter Auftakt in Dresden

Beim Auftakt in Dresden unter Leitung des israelischen Dirigenten Omer Meir Wellber trat mit Vadim Gluzman ein weltweit gefragter Geiger als Solist in Erscheinung. Er spielte das 1. Violinkonzert "Offertorium" von Sofia Gubaidulina. Zudem standen die beiden Schostakowitsch-Sinfonien Nummer 1 und 9 auf dem Programm.

Valentin Silvestrov am Flügel.
Valentin Silvestrov ist einer der bedeutendsten Komponisten der ukrainischen und russischen Musiklandschaft. Bildrechte: IMAGO / Kai Bienert

Der Geiger, das Orchester und sein Dirigent wurden vom Publikum ausgiebig gefeiert. Gluzman bedankte sich mit einer Zugabe, die er dem ukrainischen Komponisten Valentin Silvestrov widmete. Der 84-Jährige soll am 2. Juli in Gohrisch den Preis des Festivals erhalten.

Schwerpunkt: Musik aus der Ukraine

"Wir haben nun neben Schostakowitsch und Gubaidulina einen Schwerpunkt mit Musik aus der Ukraine. Das hat sich natürlich erst nach Ausbruch des Krieges ergeben", erklärt der künstlerische Leiter Tobias Niederschlag.

Er sieht in der Ehrung von Silvestrov ein deutliches, ein verbindendes Zeichen: "Nachdem er im März von Kiew nach Berlin geflohen ist, bestand die Chance, dass er nach Gohrisch kommen würde. Er hat zugesagt und es war klar, dass er ein würdiger Preisträger sein würde."

Schostakowitsch in Gohrisch

Niederschlag hat die Schostakowitsch-Tage mit ins Leben gerufen und sie zu einem international vielbeachteten Festival gestaltet. In den vergangenen beiden Jahren überschattete die Pandemie die Musik, jetzt ist es der Krieg, auf den reagiert wird.

"Für uns stand nie zur Debatte, die Schostakowitsch-Tage nicht stattfinden zu lassen. Um so mehr, da Schostakowitsch selber sehr unter dem Sowjet-Regime gelitten hat, das in vielen Kompositionen auch deutlich zum Ausdruck gebracht hat", sagt der künstlerische Leiter.

Dmitri Schostakowitsch, 1960 in London.
Dmitri Schostakowitsch, 1960 in London. Bildrechte: IMAGO

Während des ersten Aufenthalts von Schostakowitsch in Gohrisch im Juli 1960 entstand innerhalb weniger Tage sein achtes Streichquartett, das zu seinen wichtigsten Werken zählt und das er als sein Requiem verstand. Es gilt zudem als musikalische Abrechnung mit Stalin.

Sein damaliger Aufenthalt war Anlass für den Verein "Schostakowitsch in Gohrisch", in Zusammenarbeit mit der Staatskapelle Dresden seit 2010 hier die Internationalen Schostakowitsch Tage zu veranstalten.

Uraufführung nach Neuentdeckung

Was in den vergangenen Jahren immer wieder für Aufsehen gesorgt hat: Neues vom 1975 verstorbenen Komponisten hören zu können. Das soll auch in diesem Jahr wieder so sein, erzählt Niederschlag:

"Es ist ein sehr glücklicher Umstand, dass wir eine Freundschaft zum Archiv Moskau haben. Dort wurde wirklich Erstaunliches gefunden. Man hat mich kontaktiert mit der freudigen Botschaft, dass sie ein ukrainisches Geschenk für uns haben, das wir jetzt zur Uraufführung bringen werden."

Es handelt sich um ein Chorstück, dessen Noten und Text eine Moskauer Archivarin in einer alten ukrainischen Zeitung entdeckt hat. Interessant auch der Titel "Ruhm den Schiffsbauern". Das ist ein Chorstück, eine Hymne, die Schostakowitsch zum Jubiläum einer Werft geschrieben hat. "Es hat besondere Aktualität. Es ist entstanden als die Ukraine noch Bestandteil der Sowjetunion war," weiß Niederschlag

Michail Jurowski

Einem früheren Schostakowitsch-Preisträger, dem im März verstorbenen und dem Festival sehr eng verbundenen Dirigenten Michail Jurowski, sollen die diesjährigen Schostakowitsch-Tage ihre Reverenz erweisen.

"Michail Jurowski hatte sich intensiv auseinandergesetzt mit einer Schauspielmusik von Schostakowitsch, die er zu einer Konzertfassung zusammengefügt hat, das wäre eine Uraufführung gewesen. Leider kann er sie nicht dirigieren. Sein Sohn Dimitri wird diese Fassung erstmals vorstellen", so der Festivalleiter.

Entdeckungen also nicht nur vom Namensgeber Dmitri Schostakowitsch. Die Internationalen Schostakowitsch-Tage Gohrisch sind "entdeckenswert" und stecken auch selbst voller Entdeckungen.

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Michael Sanderling 14 min
Bildrechte: Oliver Killig
Tobias Niederschlag 17 min
Bildrechte: Matthias Creutziger

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | MDR KLASSIK am Morgen | 30. Juni 2022 | 09:10 Uhr

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