Oper Leipzig Tobias Wolff: "Die Oper gehört in die Mitte der Gesellschaft"

Tobias Wolff ist der designierte Intendant der Oper Leipzig. Ab 1. August 2022 übernimmt er die Oper Leipzig und die dazugehörige musikalische Komödie. Als Interview-Gast bei MDR KLASSIK hat er Fragen zu künstlerischen Vorhaben und Visionen beantwortet und erläutert, wie die Oper der Zukunft aussehen könnte.

Tobias Wolff 18 min
Wolff war Intendant der Internationalen Händel-Festspiele Göttingen. 2022/23 wird seine erste Saison als Intendant der Leipziger Oper sein. Bildrechte: Tom Schulze
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Tobias Wolff beginnt seine Amtszeit am 1. August 2022 mit vielen Plänen, Visionen und Neuerungen.

MDR KLASSIK Fr 25.03.2022 08:20Uhr 17:57 min

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MDR KLASSIK: In diesen Zeiten ein beziehungsweise zwei Häuser dieser Größenordnung zu leiten und für die Zukunft fit zu machen: Was braucht es da in erster Linie? Phantasie, Mut, Überzeugungskraft oder Teamgeist?

Tobias Wolff: Es braucht eine große Zuversicht, einen großen Optimismus und eine große Motivationsfähigkeit. Wir bewegen uns in turbulenten Zeiten und müssen deshalb neu und anders definieren, was Oper für uns heißt. Das ist eine Arbeit, über die wir viel diskutieren müssen. Es sind aber auch schon viele Gespräche geführt worden. Da sind ja auch tolle Leute am Haus – wirklich ein großartiges Team. Ich freue mich sehr, mit ihnen gemeinsam in See stechen zu dürfen.

Es stehen viele Angebote für Kinder und Jugendliche im Rahmen der Jungen Oper Leipzig auf dem Programm, zum Beispiel ein Theaterfestival im Sommer 2023 namens "ClubFusion". Lässt sich über die Clubszene neues Publikum für die Oper generieren?

Davon bin ich fest überzeugt. Wir müssen jetzt die Hemmschwellen abbauen für den Theaterbesuch in 20 oder 30 Jahren. Das heißt, ich werde vielleicht als Intendant von dem Ergebnis dieser musikvermittelnden Bemühungen gar nicht mehr so viel mitbekommen. Aber ich hoffe natürlich, dass an anderer Stelle viele andere Kollegen das genauso tun. Sodass wir gemeinsam Kinder und Jugendliche für das Musiktheater begeistern. Aber auch Menschen, die sich bisher noch nicht an die klassische Musik herangetraut haben. Wir möchten sie heranführen und mitnehmen. Ich wünsche mir, dass wir auf Augenhöhe gut kommunizieren und möglichst viele so begeistern, dass sie jetzt oder in 20 oder 30 Jahren unsere Oper besuchen werden.

Leitugsteam der Oper Leipzig
Das neue Leitungsteam der Oper Leipzig: Dirk Becker, Lydia Schubert, Tobias Wolff, Cornelia Preissinger, Christoph Gedschold, Marlene Hahn (v. l. n. r.) Bildrechte: Tom Schulze

Wir tun auch einiges dafür, den Platz vor der Oper zu beleben. Zum Beispiel mit einem großen Jugendprojekt gleich zum Einstand am 17. September 2022. Das Projekt heißt "Future Now", bei dem über 200 Jugendliche beteiligt sind. Sie tanzen, singen und spielen gemeinsam mit den Ensembles des Opernhauses. Und das ist schon ein Statement: Die erste Vorstellung draußen im öffentlichen Raum.

In der Oper Leipzig spielt ein Spitzenorchester: Das GWHO mit dem Operndirigenten Andris Nelsons als GWH-Kapellmeister. Wann wird er endlich im Orchestergraben der Oper Leipzig stehen?

Das wird noch nicht verraten. Es ist noch nicht in der Spielzeit 2022/23. Aber wir sind natürlich im Gespräch und suchen dann noch die richtige Konstellation.

Nach welchen Kriterien haben Sie sich von Sängerinnen und Sängern verabschiedet beziehungsweise arbeiten Sie weiter mit Ensemblemitgliedern?

Wir haben mit sehr vielen Mitgliedern des aktuellen Ensembles gerne weiter gearbeitet oder werden mit ihnen weiterarbeiten. Natürlich werden wir aber ein anderes Repertoire haben. Deswegen gab es an der einen oder anderen Stelle dann doch die Notwendigkeit, etwas zu verändern. Denn wer eine gute Brünhild singt, singt vielleicht noch nicht eine gute Kleopatra in "Julius Cäsar". (...) Ich persönlich finde, dass wir das sehr moderat gemacht haben. Das ist immer eine Frage der Perspektive. Ich glaube, es gibt einen großen Wiedererkennungswert beim Publikum, wenn es die Ensemble-Liste durchschaut.

Im Bereich NV-Bühne – da wird auch die Regieassistenz mitgezählt – haben wir eine Veränderung von etwa 20 Prozent. Insofern haben wir das sehr behutsam gemacht. Aber an der einen oder anderen Stelle habe ich mir doch eine Veränderung gewünscht beziehungsweise war eine Veränderung notwendig.

Wie werden Sie mit den Möglichkeiten von Social Media umgehen?

Das ist eine gute Frage, die wir auch tatsächlich gerade diskutieren: Wer befüllt den Social-Media-Kanal? Übernimmt das die Marketingabteilung oder mache ich das selbst? Ich kann das noch nicht richtig einschätzen, wie viel Zeit man dafür hat und wie verpflichtet man dann ist, tatsächlich täglich seine Beiträge zu bringen. Es ist auch die Frage, wie sehr man aufpassen muss, was man dort sagt als Intendant. Das kann natürlich auch schnell auf die Goldwaage gelegt werden.

Aber natürlich ist Social Media ein unverzichtbarer Bestandteil der Öffentlichkeitsarbeit geworden. Ganz klar. Und es hat natürlich einen gewissen Charme, weil man sich sehr viel direkter vernetzen kann mit seinem Publikum. Man muss nicht mehr warten, bis eine Gesprächsrunde mit dem Intendanten einmal im Quartal angesetzt wird oder der Intendant vielleicht bei einer Abo-Veranstaltung vorbeikommt. Man kann also tatsächlich regelmäßiger informieren, auch persönlich in Erscheinung treten. Ansonsten – das muss man ja ehrlich sagen – sind meistens Garderobieren und der Einlass diejenigen, die die Leute viel, viel besser kennen und einen direkten Kontakt zum Publikum haben. Da bin ich manchmal auch ziemlich neidisch, weil die natürlich alles mitbekommen.

Sie könnten einfach mal einen Garderobendienst übernehmen!

Kann ich machen. Ich habe eine große Liebe zum Publikum. Ich habe da keine Angst und freue mich immer, wenn man Rückmeldung bekommt und auch mal streiten kann. Auch das kann ja passieren, dass Leute sagen: Das war ein totaler Mist. Das finde ich wichtig. Da sind wir wieder bei einem größeren Punkt, nämlich der Frage: Wie definieren wir Musiktheater?

Das kann man als Intendant nicht alleine entscheiden. Da muss das Publikum mitmachen. Da müssen die Menschen im Hause mitmachen. Und da müssen vor allem auch die Menschen mitmachen, die bisher noch nicht in die Oper gegangen sind. Denn die Steuern, die uns unterstützen, zahlen ja alle. Deswegen ist mein Anspruch schon, dass zwar nicht jeder in die Oper gehen muss, aber jeder die Oper zumindest gut finden sollte.

Sie haben einen Fünfjahresvertrag. Wo sollte denn die Oper und die musikalische Komödie in fünf Jahren stehen?

In der Mitte der Gesellschaft.

Das Gespräch führte Bettina Volksdorf für MDR KLASSIK.

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | MDR KLASSIK am Morgen | 25. März 2022 | 08:20 Uhr

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