Paul Hindemith als Stummfilmkomponist Hochexpressiv und sinnlich - Der Beginn der Filmmusik

Paul Hindemith hat mehrfach als Filmkomponist gearbeitet. Bedauerlicherweise ist das meiste davon verschollen. Was erhalten geblieben ist, ist seine Musik zu dem Stummfilm "Im Kampf mit dem Berge", auch als "In Sturm und Eis" bekannt. In Szene gesetzt wurde der Film von Arnold Fanck und gezeigt wurde er erstmals 1921.

Der deutsche Komponist und Dirigent Paul Hindemith
Hindemith hatte innerhalb weniger Wochen eine umfangreiche Partitur für den Film von 87 Minuten Länge fertiggestellt.  Bildrechte: dpa

Hindemiths Versteckspiel

Paul Merano. Kein Name, bei dessen Erwähnung das Herz des Musikexperten schneller schlägt. Denn, wer soll das sein, dieser Merano? Es ist kein Geringerer als Paul Hindemith, der sich als Filmkomponist von Arnold Fancks "Im Kampf mit den Berge" eine Tarnung, ein Versteckspiel leistet. Das selbstgewählte Pseudonym setzt sich zusammen aus seinem Vornamen und dem Namen des Entstehungsortes der Filmmusik: Meran bzw. Merano in Südtirol. Warum Hindemith diesen Namen wählt, darüber lässt sich zwar trefflich spekulieren, eine wirkliche Antwort hat aber heute niemand mehr parat.

Die Eroberung des Liskamms

Der Liskamm stellt eines der eindrücklichsten Massive der gesamten Alpen dar. Bildrechte: PantherMedia/Marion Sitter

Hindemith weilt im Sommer 1921 in Meran. Genau wie Arnold Fanck, der hier an seinem Film arbeitet. Der zeigt die Bergsteiger Hannes Schneider und Ilse Rohde bei der Eroberung des Liskamms, eines rund viereinhalbtausend Meter hohen Berges in den Walliser Alpen. Ein Berg, der als "Menschenfresser" bekannt ist, wie in Zwischentiteln verraten wird.

Er ist nicht so harmlos, wie er aussieht, der Eisriese. Viele kamen nicht mehr zurück, die in das Reich seiner ungeheuren Gletscherschründe und Eiswände vordrangen. Keiner von all den Bergen hier wird so selten bestiegen wie er.

Filmzitat aus "Im Kampf mit den Berge"

Eine Alpensinfonie

Arnold Fanck
Arnold Fanck gilt als Pionier des Berg- und Naturfilms. Bildrechte: dpa

Hindemith ist fasziniert von Fancks Kunst: "Was sie da machen, ist reine Musik.", sagte begeistert zum Filmemacher. Der Komponist begreift dies nun offenbar als Auftrag für einen Fachmann, wie er einer ist. Liefert eine Musik, die sich in den Dienst des Films stellt: eine "Alpensinfonie", die dramatisiert und Akzente herausarbeitet. Verblüfft registriert Fanck, dass Hindemiths Arbeit die Wirkung der Bilder "stark erhöht". Eine Erkenntnis, die uns heute selbstverständlich erscheint, die 1921 aber alles andere als das ist. Da ist man noch im Lernprozess: schließlich wird Hindemiths Musik als eine der ersten angesehen, die für einen Film entsteht.

Begeisterung für den Film

Eine große "sinfonische Erzählung", nennt der Dirigent Frank Strobel die Filmmusik Hindemiths, sie sei "hochexpressiv". Und Strobels Kollege Jonathan Stockhammer formuliert:

Er schreibt eine Musik, die sehr sinnlich zu spielen ist. Man versteht in jedem Moment die Begeisterung, die Hindemith hatte, als er den Film zuerst erlebt hatte. Und es ist saugute Musik!

Jonathan Stockhammer

Wohlwollende Kritik

Im Entstehungsjahr des binnen kurzem geschriebenen Scores wird "Im Kampf mit dem Berge" auch erstmals präsentiert. Die Kritik zeigt sich sehr wohlwollend: "Die Überfülle von prächtigem Bildmaterial, die Wolkeneffekte, Gletscherpanoramen und Hochgebirgsmotive sind photographisch einwandfrei gelungen und in ihrer Gesamtheit berauschend."

Filmpremiere ohne Hindemiths Komposition

Nur bleibt den Premierenbesuchern der Zutritt zu Hindemiths akustischer Alpenwelt verwehrt. Denn das Live-Orchester setzt lieber auf die handelsübliche Praxis: intoniert schon vorhandene Begleitstücke, anstatt sich mit dem Schaffen eines Paul Merano herumzuschlagen. Und als 1940 der etwa 75-minütige Film auf ein 15-Minuten-Rudiment heruntergeschnitten und neu vertont wird, scheint die Chance, Hindemiths Arbeit auf der großen Leinwand zu erleben, endgültig verspielt. 

Im Nachlass wieder entdeckt

Der deutsche Komponist und Dirigent Paul Hindemith, 05.11.1955.
Bildrechte: dpa

Doch manchmal geht die Kunst ungewöhnliche Wege. Nach dem Tode Hindemiths im Jahre 1963 wird im Nachlass die sorgfältig ausgearbeitete Partitur zu "Im Kampf mit dem Berge" entdeckt. Sie ermöglicht, auch wenn noch viel Zeit ins Land geht, die Rekonstruktion des vermeintlich stummen Bergfilmklassikers. 

 

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Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 06. Dezember 2021 | 09:10 Uhr

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