Wort zum Tag Augenblick mal

Täglich um 6:20 und 9:20 Uhr hören Sie bei MDR THÜRINGEN - Das Radio "Augenblick mal", das Wort zum Tag. In dieser Woche spricht es Ralf-Uwe Beck aus Eisenach von der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands.

Chorraum der Wallfahrtskapelle Etzelsbach
Täglich hören Sie das Wort zum Tag bei MDR THÜRINGEN - Das Radio. Bildrechte: MDR/Cornelia Hartmann

Mittwoch 8. Dezember: Kanzlerwahl

Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn noch etwas schiefgeht: Heute soll Olaf Scholz zum Kanzler gewählt werden. Ich habe in der Bibel vor- und zurückgeblättert, was sie uns zu sagen hat für solch ein Ereignis. Da gibt es die Skepsis, ob es überhaupt einen König braucht. Und wenn, wird er daran gemessen, ob er für Gerechtigkeit sorgt – und Maß genommen, wenn er es nicht tut. Später erklärt Jesus seinen Jüngern: "Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein." Ein Hauch davon finden wir beim Amtsantritt von Kanzlern und Präsidenten wieder, wenn sie so Sätze sagen wie: Ich möchte für alle da sein. Aber wie soll das gehen?

Es gibt einen Koalitionsvertrag, ausgehandelt von drei Parteien. Das ist das Drehbuch für die Regierung, der Kanzler führt Regie. Oben drüber steht diesmal: Mehr Fortschritt wagen. Aber dieser Koalitionsvertrag ist für die Regierung auch ein Appellplatz, auf dem die drei Parteien anzutreten, gemeinsam zu marschieren und sich in Koalitionsdisziplin zu üben haben. Schert eine Partei aus, geht die Regierung krachen. Das geht auch fortschrittlicher. Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein. Wollen Kanzler und Regierung wirklich uns allen dienen und nicht nur den Wählerinnen und Wählern der drei Parteien, müssten sie ihr Drehbuch hin und wieder beiseite legen, im Bundestag auch einmal Mehrheiten jenseits der Regierung suchen, wenn die Mehrheit der Bevölkerung danach verlangt, Abstimmungen freigeben, einfach locker bleiben. Wie wir selbst auch.

Einen guten Tag wünscht Ralf-Uwe Beck, evangelisch und aus Eisenach.

Dienstag, 7. Dezember: Vom Aushalten der Bilder

Wir müssten diese Bilder aushalten, meint der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer. Diese Bilder von Flüchtlingen an der belarussisch-polnischen Grenze, die festsitzen im Schraubstock zwischen Lukaschenko und der EU. Was wir aushalten sollen, sind die Bilder, die uns aufwühlen, uns mitfühlen lassen, Bilder von Menschen, die frieren, die kaum zu essen und zu trinken haben, darunter Kinder. Je länger je mehr auch Bilder von Gräbern, in denen Menschen beerdigt wurden, die an Unterkühlung gestorben sind. Für viele Menschen waren und sind diese Bilder aus den Nachrichten schwer auszuhalten. Das spürt auch dieser Ministerpräsident. Deshalb sagt er ja, wir müssten das aushalten.

Ralf-Uwe Beck 2 min
Bildrechte: Mehr Demokratie e.V. | Lizenz: CC BY-NC 2.0

Aber die Menschen, die hungern, frieren und erfrieren kommen gar nicht vor in seiner … nennen wir es: Betrachtung der Lage. Dabei gehört das Wort "aushalten" doch eher zu ihnen. Sie müssen doch aushalten, wofür sie gar nichts können. Aber er schaut an ihnen einfach vorbei. Und unser Mitgefühl verbannt er dorthin, wo es seiner Meinung nach hingehört: in die Abstellkammer. Denn gemeint ist doch: Wir sollen abstumpfen. Wir sollen die Bilder aushalten, damit wir uns raushalten.

Ich meine, niemand sollte Leid, das vermieden werden kann, aushalten müssen. Niemand sollte, wenn er davon erfährt, das aushalten müssen und niemand sollte solche menschenverachtenden Sprüche aushalten müssen. Wir dürfen widersprechen – im Namen Jesu und für die, die das Leid ertragen müssen.

Einen guten Tag wünscht Ralf-Uwe Beck, evangelisch und aus Eisenach.

Montag, 6. Dezember: Nikolaustag

Woran denken wir am Nikolaustag zuerst? Na klar, an Schuhe. Obwohl es dann oft schon zu spät ist. Weil wir die ja hätten schon gestern Abend rausstellen – oder die der Kinder füllen – sollen. Es ist ein schöner Brauch im Andenken an den Heiligen Nikolaus, einen Bischof, der vor 1.700 Jahren in der heutigen Türkei gelebt hat. Obwohl die Nummer mit den Schuhen ihm gar nicht gerecht wird. Er hat nämlich nicht einfach nur kleine Gaben an Bedürftige verteilt.

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Erzählt wird beispielsweise, dass Nikolaus drei Schwestern an drei Abenden einen Klumpen Gold durchs Fenster geworfen hat. Die Familie war so arm, dass der Vater keine Mitgift für seine Töchter aufbringen und sie so auch nicht verheiraten konnte. Er hatte vor, sie zu Prostituierten zu machen, damit sie nicht hungern. Da hätten ein paar Plätzchen wohl kaum geholfen.

Worauf ich hinaus will: Hat jemand Hunger, braucht er etwas zu Essen. Und zwar jetzt. Friert jemand, braucht er eine Decke. Jetzt. Ist jemand traurig, sollten wir ihn trösten, möglichst gleich. Auf Dauer aber reicht das nicht. Es hilft eben nur im Moment. Und morgen?

Nikolaus verändert die Verhältnisse. Da braucht es mehr als Almosen, damit niemand mehr hungert, friert, obdachlos ist oder sich prostituieren muss. Das geht nicht von heute auf morgen. Aber es braucht den Willen, die Dinge zu ändern, sonst ändert sich gar nichts. Dieser Wille wäre goldwert – mindestens so wertvoll wie die Goldklumpen, die Nikolaus durch das Fenster der Schwestern geworfen hat.

Findet Ralf-Uwe Beck, evangelisch und aus Eisenach.

Sonntag, 5. Dezember: Einfach Hoffnung

Manchmal, wenn sich die schlechten Nachrichten wieder einmal überschlagen und ich den Eindruck habe, dass es die Welt bald aus den Angeln hebt, frage ich mich, was und wer sie noch zusammenhält. Woran soll ich meine Hoffnung hängen? Sind es die Parteiprogramme oder ein Koalitionsvertrag, ist es der große Wurf, der endlich für mehr Gerechtigkeit und Frieden und Umweltschutz sorgt? Könnte sein, schön wär’s. Aber davon hängt auch schon viel am rostigen Nagel der Enttäuschungen. Und dann begegnen mir Menschen, deren Herz am rechten Fleck schlägt. Ganz einfache Leute, ganz einfach Leute.

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Da steht vor mir an der Kasse im Supermarkt ein Mann, der die Verkäuferin fragt, ob es ihr auch gut geht, sie sehe heute so blass aus. Ach, sagt sie, jeder Tag hat seine Mühe. Aber Danke, sagt sie noch. Dann ruckt das Band weiter. Am Bahnhof wuchtet jemand einen Koffer die Treppe hoch und ein junger Typ packt im Vorbeirennen einfach zu. Da sind Nachbarn, die fragen, ob sie etwas mitbringen können. Sie wissen, was ich meine, nicht wahr ...

Wenn ich so etwas beobachte, dann ist das nur ein Schimmer, mehr nicht, wie ein Stern, den man doch plötzlich sieht, obwohl der Himmel verhangen ist. Daran hängt die Hoffnung: Es könnte eben alles auch ganz anders sein, nichts ist verloren, es könnte doch irgendwie gut werden.

Und dafür brennt heute die zweite Kerze auf dem Adventskranz. Um die Hoffnung anzufachen, braucht es keine großen Scheinwerfer. Einen schönen Adventssonntag wünscht Ralf-Uwe Beck, evangelisch und aus Eisenach.

Biografie Ralf-Uwe Beck - geb. 1962
- Traktorist und Theologe
- arbeitet als Referatsleiter Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Landeskirchenamt der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM)
- politisch engagiert bei Mehr Demokratie e.V.
- verheiratet, drei Kinder, wohnt in Eisenach

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Johannes und der Morgenhahn | 08. Dezember 2021 | 06:20 Uhr