Der Redakteur | 14.04.2022 Gut gegen Eselsohren? Die Eselsbrezeln aus Mühlhausen

Der Mühlhäuser Stephan Seybusch fragt: "In meiner Heimatstadt werden zu Gründonnerstag süße Brezeln gegessen, um keine Eselsohren zu bekommen. Aber was hat es mit dem Brauch auf sich?" Thomas Becker erklärt.

Zuckerbrezeln
Zuckerbrezeln am Gründonnerstag - sonst gibt's Eselsohren! Bildrechte: imago/Westend61

Zunächst gilt es als erwiesen, dass tatsächlich noch keinem Mühlhäuser Eselsohren gewachsen sind. Wir lassen das als Beweis für die Wirksamkeit der Brezel durchgehen. Eine genauere Untersuchung scheitert ohnehin an der Tatsache, dass man für wissenschaftliche Studien immer Kontrollgruppen braucht, in diesem Falle also ausreichend Mühlhäuser, die Gründonnerstag keine Brezeln essen. Und das traut sich niemand. Wenngleich wir heute lernen: Wachsen würden die Ohren wohl gar nicht, man bekäme sie allenfalls aufgesetzt.  

Ein Mädchen mit einer Zuckertüte 10 min
Bildrechte: MDR/privat
10 min

In Mühlhausen werden traditionall am Gründonnerstag Brezeln gegessen. Manfred Becker-Huberti ist Theologe und ordnet für uns das besondere Brauchtum ein: Es hat etwas mit dem Schulanfang zu tun.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Do 14.04.2022 16:40Uhr 10:20 min

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Am Anfang war die Brezel

Die Ursprünge dieses verknoteten Backwerks liegen im Dunkeln. Dass die Brezel traditionell diverse Festlichkeiten schmückt, das ist unbestritten. Die Mühlhäuser "Eselsohrenverhinderungsbrezel" ist anderswo eine Neujahrsbrezel, Kirmesbrezel, Liebesbrezel, ein Glücksbringer oder die Osterbrezel. Die beiden letzten Varianten merken wir uns und lernen von Professor Manfred Huberti, Theologe und Brauchtumsforscher, dass die Ursprünge bis in vorchristliche Zeiten reichen, dass die Brezel auch Opfergebäck und Grabbeigabe war und sich das Christentum irgendwann der Salz- und Laugenbrezeln bemächtigte.

Erklärungsversuche für die Form gibt es ebenso reichlich: Eine Kombination aus heidnischem Sonnenreif und Andreaskreuz, liebe Bahnfreunde, ist im Bereich des Möglichen. Der Strick, mit dem Jesus einst gefesselt wurde, lasse sich aber auch herauslesen oder Mönchshände, die in dessen Kuttenärmeln stecken. Im Mittelalter wurden die Brezeln dann zu einem typischen Frühjahrs- und Fastengebäck und zum Geschenk an kirchlichen Festtagen, besonders für Kinder. Das würde zum Gründonnerstag passen, aber eben auch zum damaligen Schulanfang.

Eine Brezel
Besonders beliebt bei Kindern: Die süßen Eselsohren. Bildrechte: MDR/Karin Bühner

Schulanfang und Süßigkeit

Die Brezel hat auch noch eine direkte praktische Verbindung in die Schule, hat man doch früher den Kindern mit Brezels Hilfe das ABC beigebracht. Denn aus ihr lassen sich - zerlegt in Einzelteile - sämtliche Buchstaben bildlich darstellen. Von daher ist es durchaus nachvollziehbar, Kindern zum Schulbeginn eine Brezel zu schenken.

Nun begann das Schuljahr früher nicht nach den Sommerferien, sondern zu Ostern, und mit der Einschulung verbunden sind schon lange Geschenke in Form von Süßigkeiten - unsere aus Mitteldeutschland stammende Zuckertüte zeugt davon. All diese Gaben sollten den Schulstart etwas versüßen. Dazu passt auch, dass die Mühlhäuser süße Brezeln essen. Mit dem Überreichen der süßen Brezel war aber auch eine nett verpackte Ermahnung verbunden, in der Schule nicht zum Esel zu werden.  

Das heißt: Tadel oder Rügen oder solche Hinweise, die so angenehm dargereicht werden, nimmt man gerne an.

Prof. Manfred Becker-Huberti, Theologe und Brauchtumsforscher

Pädagogisch war die Verbindung Geschenk und Warnung gar nicht so schlecht, der Rest der Geschichte hätte heute disziplinarische Folgen und wäre ein Skandal größeren Ausmaßes.

Der Esel in der Schule

Bis ins 19. Jahrhundert hinein stand in vielen Klassenräumen ein Holzgestell, ein "Bock", der eigentlich einen Esel darstellte. Wenn sich ein Schüler im Unterreicht als Esel erwiesen hatte, durch eine besondere Fehlleistung zum Beispiel in Mathematik, musste er auf diesem Bock Platz nehmen und den Spott der ganzen Klasse entgegennehmen.

Wo man das nicht konnte oder zusätzlich dazu, gab es noch ein paar gebastelte Eselsohren - ähnlich wie ein Kopfhörer - zum Aufsetzen.

Prof. Manfred Becker-Huberti, Theologe und Brauchtumsforscher

Das Bild des Esels war somit komplett und das war definitiv etwas, wovor man als Familie seine Kinder bewahren wollte. Offenbar wurde in Mühlhausen mit dem Überreichen der Brezel jedes Jahr zu Ostern und damit zum Schuljahresstart erneut an die Eselei erinnert. Dass es in der Schule überhaupt solch brachiale Methoden gab, das lässt sich auch historisch erklären. Den "modernen" Ausläufer Rohrstock kannte Professor Manfred Becker-Huberti noch aus seiner Schulzeit, er musste den Stock sogar selbst kaufen, mit dem er am Ende verdroschen wurde.

Brezeln liegen auf einem Backblech
Frisch aus dem Ofen schmecken die Eselsohren am Gründonnerstag besonders gut. Bildrechte: MDR/Claudia Götze

Die Verbindung in die Schulgeschichte ist aber diese: Die ersten Lehrer waren gar keine, sondern ausgediente Soldaten. Auf diesem Weg kamen damals die etwas militärisch-rüden Methoden in die Schule. Und dass die Mühlhäuser auch im Erwachsenenalter noch zur Brezel greifen - nun ja… Man lernt halt nicht aus, geht die Schule des Lebens, in der man sich täglich nach wie vor zum Esel machen kann. Suchen Sie sich etwas aus und essen Sie sicherheitshalber weiterhin am Gründonnerstag eine Brezel. Man kann ja nie wissen…

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 14. April 2022 | 16:40 Uhr

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