Der Redakteur | 14.10.2021 Zehn Prozent aller Intensivpatienten sind geimpft - wie kann das sein?

Deutschland diskutiert über die aktuelle Schlagzeile: "Zehn Prozent aller Intensivpatienten sind geimpft". Wie kann das sein? Was bedeutet das für die Impfwirkung? Redakteur Thomas Becker hat nachgefragt.

Ein Arzt untersucht einen Patienten auf einer Covid 19 Intensivstation
Corona-Fälle gelten auf Intensivstationen als sehr pflegeaufwändig und sehr langwierig. Bildrechte: dpa

Zunächst ist die Aussage korrekt: Die Zahl und auch der Anteil der Geimpften auf den Intensivstationen steigt und liegt mittlerweile im Zehn-Prozent-Bereich. Trotzdem führt die Schlagzeile zu falschen Schlüssen führt. Sie hat genau genommen einen ähnlichen Aussagewert wie die ebenfalls korrekte Schlagzeile nach jedem Bundesligaspieltag, der nicht torlos ausgegangen ist: "Zahl der geschossenen Saisontore ist gestiegen." Dahinter steckt ganz einfache Mathematik, denn dass mit steigender Impfquote der Anteil der Geimpften in Krankenhäusern steigt, ist keine Überraschung.

Das überrascht nur Laien. Es kommt eben sehr darauf an, wie viele Personen geimpft sind, und diese Zahl ist deutlich gestiegen.

Prof. Helmut Küchenhoff, Institut für Statistik an der LMU München

Als wir noch keine Impfungen hatten, waren 100 Prozent der Intensivpatienten ungeimpft. Nun wissen wir, dass die Impfungen eine Wirksamkeit haben, die zwar sehr gut ist, aber eben zum Beispiel nur bei 95 Prozent liegt. Das bedeutet: Mit jeder Impfung steigt auch die Anzahl derer, die einen Impfdurchbruch erleiden werden.

Da die Bevölkerung mittlerweile mehrheitlich geimpft ist, aber trotzdem der Anteil der Geimpften auf den Intensivstationen deutlich geringer ist, das kann man eher als Beweis dafür anführen, dass die Impfungen wirken. Mit der Schlagzeile wird aber das Gegenteil suggeriert.

Eine Intensivpflegerin ist im Schutzkleidung auf der Covid-19 Intensivstation in der VAMED Klinik Schloss Pulsnitz mit der Versorgung von Corona-Patienten beschäftigt.
Je mehr Geimpfte, desto mehr Impfdurchbrüche? Die Intensivstationen jedenfalls füllen sich mit Patienten. Bildrechte: dpa

Zehn-Prozent-Wert ohne Aussagekraft

Man kann die Überlegung auch auf die Spitze treiben und sagen: Der prozentuale Anteil der Geimpften auf den Intensivstationen wird weiter steigen, theoretisch sogar bis auf bis zu 100 Prozent und zwar dann, wenn wirklich alle Deutschen geimpft wären. Das ist natürlich nur eine theoretische Annahme, aber wenn es keine Ungeimpften mehr gibt, können natürlich auch keine - mathematisch = Null - auf der Intensivstation landen. Deshalb hat der nun erreichte Zehn-Prozent-Wert so gar keine Aussagekraft.

Professor Dr Helmut Küchenhoff, LMU 13 min
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MDR THÜRINGEN - Das Radio Do 14.10.2021 15:40Uhr 13:00 min

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Besser wäre es aus Sicht der Statistiker, die Inzidenz der Ungeimpften mit der Inzidenz der Geimpften zu vergleichen. Bayern tut das schon eine Weile und der Inzidenzwert der Geimpften liegt bei 26, der bei den Ungeimpften bei 204. Ein deutlicher Unterschied. Dass man diese Vergleiche sehr wohl ziehen kann, auch wenn gern argumentiert wird, dass beide Gruppen unterschiedlich oft getestet werden, das haben die Kollegen vom Bayerischen Rundfunk schon ausführlich thematisiert.

Geimpfte Patienten meist mit Vorerkrankungen

Neben dem statistischen Aspekt gibt es auch noch den medizinischen. Dass einerseits die Wirksamkeit der Impfungen nicht bei 100 Prozent liegen und der Impfschutz mit der Zeit auch abnimmt, das ist bekannt. Dahinter stecken auch erklärbare Faktoren, die oft als "Vorerkrankungen" bezeichnet werden. Risikofaktoren wäre vielleicht der bessere Begriff, denn es geht da um Dinge wie männlich, fortgeschrittenes Alter, Diabetes oder Behandlungen, die das Immunsystem unterdrücken, so wie es bei Rheumapatienten der Fall ist.

Nun ist es nicht so, dass immer alle diese Faktoren (und vielleicht noch weitere unbekannte) eine Rolle spielen. Es kann auch schon eine unentdeckte leichte Diabetes sein, die dafür sorgt, dass das Immunsystem nach der Impfung nicht mit ganzer Kraft arbeitet und der Impfschutz eben nicht komplett aufgebaut wird. Kommt es dann zu einer Infektion, kann es aber trotzdem noch ein lebensrettender Vorteil sein.

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MDR THÜRINGEN - Das Radio Do 14.10.2021 15:40Uhr 05:23 min

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Wir haben das heute im Kollegenkreis diskutiert, ein Intensivmediziner hat einen Impfdurchbruch auf Station und obwohl es ein älterer Mensch mit Begleiterkrankungen ist, ist der klinisch noch am besten dran, währenddessen die ungeimpften Menschen ohne Begleiterscheinung im Alter zwischen Ende 20 bis Mitte 40 sind.

Prof. Mathias Pletz, Uniklinikum Jena

Jedes Immunsystem reagiert anders

Das liegt auch an der Deltavariante. Hinzu kommt, dass die Art und Weise, wie das Immunsystem reagiert, teilweise so einzigartig ist, wie der Fingerabdruck, sagt Prof. Pletz und bezieht diese Erkenntnisse auch aus der Neustadt-Studie. Das heißt: Es wird immer wieder unbekannte Faktoren geben, die dazu führen, dass manche Menschen erkranken und manche nicht, obwohl sie doch oberflächlich betrachtet die gleichen Voraussetzungen mitbringen.

Generell kann man sagen, dass jede Impfung ein immunologisches Gedächtnis hinterlässt, egal wie gut oder schlecht das ist, das dem Menschen bei einem Kontakt mit dem Krankheitserreger nutzt.

Prof. Mathias Pletz, Uniklinikum Jena

Denn eines ist auch klar, wir werden irgendwann alle dem Erreger begegnen, das ist wieder reine Mathematik und das Rechnen mit Wahrscheinlichkeiten. Die Frage ist, ob wir Glück haben mit unserem Immunsystem. Ist aber der Erstkontakt die Impfung, steigen nicht nur statistisch die Chancen, gut aus der Begegnung herauszukommen.

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 14. Oktober 2021 | 16:20 Uhr

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