Der Redakteur | 09.02.2022 Wie ist das mit ungeimpften Ärzten?

Andreas Focke aus Suhl fragt: "Man hört immer mal wieder, dass auch Ärzte in Praxen nicht geimpft sind. Warum? Wissen die etwas, was wir nicht wissen?"

Medizinisches Personal verimpft den Pfizer/BioNTech COVID-19 Impfstoff an Mitarbeiter der Klinik Favoriten
Impfaktiom beim medizinischen Personal einer Klinik - ungeimpfte Mediziner sind nur schwer zu finden. Bildrechte: imago images/Eibner Europa

Die kurze Antwort auf die Frage, ob nicht geimpfte Ärzte "mehr wissen", liegt sehr dicht am "Nein". Zunächst sind diese Ärzte eine Minderheit, die aber in unserer medialen Welt sehr schnell wie eine relevante Größenordnung erscheint. Laut einer Erhebung des Zentralinstituts der Kassenärztlichen Versorgung (ZI) sind 97,7 Prozent der Ärzte mit Kassenzulassung geimpft (Auguust 2021).

Auch die Impfrate beim nichtärztlichen Personal ist mit 90,4 Prozent weit überdurchschnittlich.

Presseinformation des ZI vom 18.August 2021

Man kann also durchaus davon ausgehen, dass sich seit August diese Zahlen der 100 Prozent weiter angenähert haben dürften und die Zahl der nichtgeimpften niedergelassen Ärzte tatsächlich im irrelevanten Bereich liegt. Unser Hörer Dirk Walkowiak aus Bochum, der heute durch Thüringen gereist ist, hätte gern einen dieser Ärzte und seine Bedenken gehört. Wir übrigens auch. Es wollte niemand mit uns reden. Also müssen wir uns mit Antworten "über Bande" begnügen, zum Beispiel mit einer Annäherung an mögliche Bedenken. Wir sprachen darüber mit einer Berufsgruppe, die in dem Ruf steht, grundsätzlich gegen das Impfen zu sein. Nämlich die Heilpraktiker, deren Verbandspräsidentin diesen Generalverdacht schon einmal zurückweist. Aber der Reihe nach.

Wer sind die Bedenkenträger?

Wenn es ernsthafte Bedenken geben würde gegen einen Eingriff – denn das ist eine Impfung letztlich – dann sollten die in erster Linie bei den Menschen aufschlagen, die die größte Expertise in Sachen Immunsystem haben. Bei den Immunologen. Die sind – wie andere Fachärzte auch – organisiert und stehen nicht im Verdacht, mit der Gesundheit der Menschen zu spielen. Darunter ist Prof. Thomas Kamradt, er hat der Deutschen Gesellschaft für Immunologie e.V. von 2019 bis 2020 vorgestanden (die Präsidenten wechseln immer im Zweijahresrhythmus) und ist als Dekan an der Medizinischen Fakultät der Uni Jena u.a. zuständig für die Ausbildung unseres Ärztenachwuchses.

Nicht nur ihm erklärt sich grundsätzlich nicht, wie ein Mensch zum Impfgegner werden kann. Auch in der immunologischen Fachgesellschaft werden solche Fragen diskutiert und seine Einschätzung über ungeimpfte Berufskollegen fällt ungewöhnlich deutlich aus. Es sei "in aller Vorsicht rational nicht nachvollziehbar". Es gebe zwar berechtigte Fragen, die aber alle beantwortet werden können.

Ich kann es nicht differenzierter sagen: Es ist rational nicht nachvollziehbar, wie sich jemand, der eine fundierte medizinische Ausbildung genossen hat, gegen das Impfen stellen kann.

Prof. Thomas Kamradt, Dekan der Medizinischen Fakultät an der Uni Jena

Nun folgen an dieser Stelle gern sofort die Einwände, dass es sich ja bei den aktuellen mRNA-Impfstoffen um neue Impfstoffe handelt, deren Langzeitwirkungen noch gar nicht ausreichend erforscht seien. Und auch hier widersprechen nicht nur die Experten aus der Immunologie vehement.

Rekordmenge an Daten über Impfung

Prof. Christian Bogdan, der die Fachrichtung in der Ständigen Impfkommission vertritt, sagt, dass es noch die so viele Daten und Erkenntnisse über Impfstoffe gegeben hat, wie jetzt über die Corona-Impfstoffe. So würden sogar äußerst seltene Nebenwirkungen entdeckt, die bei anderen Medikamenten oder Impfstoffen nie entdeckt werden konnten. Wenn eine Nebenwirkung rechnerisch in nur einem von einer Million Gaben auftritt, ist es unwahrscheinlich, dass diese jemals auffällt. Auch unsere herkömmlichen Impfstoffe mögen solche seltensten Nebenwirkungen haben – wie übrigens jedes Medikament, siehe Beipackzettel.

Wegen der beispiellosen weltweiten Überwachung und unserer fast schon ängstlichen Selbstbeobachtung, wird alles zusammengetragen, was unschön ist und in einem zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung steht. Doch das reicht vielleicht für einen Facebook-Post, nicht aber der Wissenschaft. Sie muss die Frage klären, ist der Zusammenhang auch wirklich kausal, welche Medikamente hat der Patient noch bekommen, welche anderen Impfungen, welche Dispositionen hat der Patient, die damit im Zusammenhang stehen könnte, welche Krankheiten usw.

Impfungen – Pfusch an Gottes Werk?

Die Verteufelungen des Impfens sind so alt wie die Impfungen selbst. Da spielen bis heute auch religiöse Elemente mit hinein. Der Historiker Prof. Malte Thießen hat sich ausführlich mit der Geschichte des Impfens beschäftigt und sogar ein Buch darüber geschrieben.

1899 Impfschein Pocken 18 min
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"Beim Impfen geht es ums Eingemachte", sagt der Historiker Malte Thießen - es knallt bei Corona nicht zum ersten Mal, sondern es knallte immer beim Impfen.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Mi 09.02.2022 19:56Uhr 17:57 min

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Er sagt, dass die Mediziner im 19. Jahrhundert noch nicht so viel hatten, das wirklich half. Stichwort Pocken, eine oft tödliche Krankheit und kein Kraut war dagegen gewachsen. Plötzlich waren die Impfungen da, schnell wurde klar, hier ist etwas, das wirklich hilft. Und trotzdem: Seit es Impfungen gibt, knallt es ihretwegen in der Gesellschaft. Auch vor 200 Jahren schon, als die ersten Pockenimpfungen aufkamen, gab es Impfgegner und Demonstrationen, was mit unseren Urängsten zu tun hat, dass da ein fremder Stoff durch die Haut verabreicht wird, der ja einen eigentlich krank macht.

Im Prinzip passiert bei einer Infektion und einer Impfung das Gleiche, das Immunsystem wird stimuliert.  Der Unterschied ist, dass ich durch eine Impfung nur einen Teil des Erregers verabreiche, der nicht krank macht.

Prof. Matthias Frosch, Präsident des Medizinischen Fakultätstages

Impfungen machen nicht krank, weil man die Erreger eben in einer nicht vermehrungsfähigen Form verabreicht. Abgetötet, abgeschwächt oder nur "angedeutet" wie bei mRNA. Und dass diese modernen Impfstoffe viel sicherer sind als die, die uns noch vor Jahrzehnten als Lebend- bzw. Totimpfstoffe verabreicht wurden, das wird in der recht unsachlichen Debatte aktuell gern verdrängt. Auch wenn die modernen Totimpfstoffe oder Proteinimpfstoffe heute ebenfalls viel sicherer sind als ihre Ahnen.

Die Nebenwirkungen der Impfstoffe gegen Polio in den 60er und 70er Jahren waren um ein Vielfaches höher, als die heutige Corona-Impfung.

Prof. Malte Thießen, Historiker, Autor eines Buches über Impfgeschichte

Die Nebenwirkungen waren damals übrigens sogar bekannt und trotzdem gab es eine große Impfbereitschaft in der Bevölkerung, was auch daran lag, dass die Krankheiten noch im Bewusstsein der Menschen waren. Man wusste um den Verlauf der Kinderlähmung, kannte zahlreiche Menschen, die starben oder zeitlebens gezeichnet waren.

Das galt auch für Pocken und die Masern. Heute haben die Impfungen viele Infektionskrankheiten nicht nur aus den Kliniken, sondern auch aus unserem Bewusstsein verdrängt, wir werden leichtsinniger und vertrauen mit teils recht naiven Vorstellungen auf die Heilkräfte der Natur. Das mag beim Schnupfen gut gehen, bei mitunter Corona auch, aber unakzeptabel häufig eben nicht.

Sind Heilpraktiker automatisch Impfgegner?

Es mag eine in Heilpraktikerkreisen verbreitete Abneigung gegen das Impfen geben. Mitunter ist es nur eine Vorsicht, eine Berührungsangst, die aber seitens der Fachverbände der Heilpraktiker nie flächendeckend quantifiziert wurde, so Ursula Hilpert-Mühlig, Präsidentin des Fachverbandes Deutscher Heilpraktiker e.V.

Sie bestreitet aber nicht, dass die Zahlen der Impfkritiker relevant sein könnten, räumt aber zugleich mit dem Irrtum auf, dass Naturheilverfahren und Impfen einander ausschließen. Diesen kleinen Impuls, das Immunsystem zu stimulieren, haben beide Methoden gemeinsam. Sie würde auch berufsrechtliche Schwierigkeiten bekommen, wenn sie in ihrer Praxis generell vom Impfen abraten würde. Eine Impfberatung dürfe nur der Arzt durchführen, so Ursula Hilpert-Mühlig.

Schlucken ok, Stich nicht

Aber sie kann mit den Menschen über ihre Ängste reden und stößt dabei auf die gleichen Urängste, die auch der Historiker schon bei früheren Generationen ausgemacht hat: Es ist die Angst, dass da ein fremder Stoff durch meine schützende Haut in den Körper gelangt. Dass wir uns täglich durch Berühren, Mundabwischen, Finger ablecken usw. mit einem ganzen Erregercocktail fluten, das verdrängen wir hingegen gern. Die Aufnahme durch den Mund verdrängen wir ebenso, weil das Schlucken zu den Basisreflexen gehört und mit der recht angenehmen und elementaren Nahrungsaufnahme verbunden ist. Das erklärt durchaus den letztlich großen Erfolg der Polio-Schluckimpfung (ein paar Tropfen auf ein süßes Stückchen Zucker), sagt der Historiker Prof. Thießen und die Heilpraktikerin ist ganz bei ihm. Die Spritze, die durch die Haut in den Körper eindringt, die geht zu weit.

Das Schlucken erleben die Menschen nicht als bedrohlich. (…) Die meisten Antibiotika werden geschluckt, da macht sich kaum einer Gedanken, das schluckt man halt.

Ursula Hilpert-Mühlig, Präsidentin des Fachverbandes Deutscher Heilpraktiker e.V.

Nun wollen wir das Fass mit den Nebenwirkungen von Antibiotika und der – verglichen mit den Impfstoffen – geradezu lachhaften Studienlage nicht erneut öffnen. Aber es gibt noch einen Aspekt, den Prof. Malte Thießen ins Spiel gebracht hat.  Der erklärt zwar nicht, warum sich einige Ärzte selbst nicht impfen lassen, aber doch, warum Ärzte generell Menschen nur ungern zum Impfen zu überreden. Das hat auch etwas mit den dunklen Seiten des Berufsstandes im dritten Reich zu tun. Auch deshalb spielt die Selbstbestimmung der Patienten bei uns in Deutschland eine größere Rolle, als vielleicht in anderen Ländern. Und auch die Impfpflicht geht vielen Ärzten deshalb einfach zu weit.

Und Ärzte, die sich wegen der aktuellen Informationsflut außerstande sehen, ihre Patienten so zu beraten, wie sie es gerne tun würden, die gibt es ganz sicher auch, ist sich Prof. Malte Thießen sicher. Bedenklich ist eben nur, wenn dann Dr. Google oder Dr. Telegram mehr Glauben geschenkt wird.

War da nicht kürzlich diese Unterschriftenliste?

Auch wenn sich keine impfkritischen praktizierenden Ärzte bei uns gemeldet haben, so bekommen wir doch regelmäßig die im Netz verfügbaren Unterschriftenlisten mit Professoren und Doktoren geschickt, die das Impfen kritisch sehen. Dass österreichische Medienproduzenten bebilderte Heftchen mit angeblich aufbegehrenden Ärzten in deutsche Briefkästen werfen, ist uns auch bekannt. Es kann sich jeder selbst die Mühe machen und die Expertisen der darin genannten Kapazitäten zum Thema Immunologie und Impfen überprüfen. Wir haben jedenfalls niemanden ausfindig machen können, der über eine ausreichende Expertise verfügt hätte und neigen auch sonst nicht dazu, den Elektriker zu kontaktieren, wenn die Wasserleitung tropft.

Und der ebenso Handzettel publizierende Verein aus dem Umfeld der Herren Wodarg und Bhakdi hat auf bisherige Anfragen unsererseits nicht einmal reagiert. Diese Mediziner und aktiven Buchautoren haben sich freiwillig aus dem Kreis derer verabschiedet, die sich am Stand der Wissenschaft orientieren. Sie repräsentieren keine relevante ärztliche Gruppe.

Wie steht es um das Impfen im Medizinstudium?

Auch künftige Generationen von Ärzten können darauf vertrauen, das nötige wissenschaftlich fundierte Rüstzeug über Impfungen für ihren späteren Beruf vermittelt zu bekommen. 

Denn es stand die Frage im Raum, ob nicht vielleicht das Impfen stärker thematisiert werden sollte im Medizinstudium. Weder Prof. Kamradt von der Medizinischen Fakultät der Uni Jena, noch Prof. Frosch sahen aus ihrer täglichen Erfahrung heraus Handlungsbedarf. Und Professor Frosch steht als Präsident des Medizinischen Fakultätstages dem Gremium vor, das gerade dabei ist, die Basis für die medizinischen Studiengänge nachzuschärfen.

Eine Ärztin bekommt in einem Pop-Up-Impf-Ort ihre Impfung mit dem Wirkstoff von Biontech von einem Medizinstudenten verabreicht 12 min
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Beide machten deutlich, dass der Sinn des Impfens auch der künftigen Ärztegeneration durchaus vermittelt wird. Und das hat eine große Bedeutung für die Gesundheit unserer Kinder und Enkel, die wegen des Impfens viele Krankheiten nicht einmal vom Hörensagen kennen werden und deshalb Gefahr laufen, so nachlässig zu werden, wie viele Impfgegner heute schon sind.

Wir sind ein bisschen verwöhnt, weil diese schweren Infektionskrankheiten seltener geworden sind durch die guten Impfraten.

Prof. Thomas Kamradt, Dekan der Medizinischen Fakultät an der Uni Jena

MDR (csr)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 09. Februar 2022 | 16:40 Uhr

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