Der Redakteur | 14.09.2021 Netzausbau: Wie ist Thüringen auf den E-Auto-Boom vorbereitet?

Zukunftsthema E-Auto: Die Auto-Zukunft scheint zu einem großen Teil elektrisch zu sein. Doch kommen da unsere Netze überhaupt mit, wenn abends alle laden? Welche Konzepte gibt es und wie ist Thüringen auf die E-Mobilität vorbereitet?

Christine Otto testet die Lademöglichkeiten in Thüringen
Lademöglichkeit in Thüringen: Netzbetreiber sehen dem wachsenden E-Automarkt eher gelassen entgegen. Bildrechte: MDR/Jörg Funke

Das kann doch gar nicht funktionieren! Mit diesem eindeutigen Urteil enden in diesen Zeiten viele Diskussionen, wenn es um die Zukunft unseres Autos geht. Dann wird schnell gerechnet, wie viele Häuser haben wir, wie dick waren gleich noch mal die Leitungen, die damals verlegt wurden - und schon ist klar, wenn alle nach Hause kommen und gleichzeitig tanken, wird es entweder dunkel oder die Gehwege glühen im Dunkel der Nacht.

Über solche Szenarien kann Denis Schuldig nur müde lächeln. Er hat bei der für unsere Thüringer Netze zuständigen Teag-Tochter genau dieses Thema auf dem Schreibtisch und korrigiert gleich mehrere Grundirrtümer.

Erstens werden wir künftig ganz anders tanken und zweitens sind die Ladesäulen in unseren Garagen intelligenter als unsere Herde, die jedes Jahr zur Weihnachtszeit gleichzeitig die Gans verschlucken. Die Ladesäulen "reden" miteinander und letztlich teilen sie die Leistung so untereinander auf, dass die Leitungen nicht überlastet werden. Und diese Leitungen sind quasi unter ständiger Beobachtung.

Wir kennen jeden Meter Kabel, der unter der Erde liegt, und wir kennen auch die Lasten, zumindest anhand statistischer Werte, die wir auch über Fernauslesetechnik sehen. Und jede Ladebox, die zum Beispiel an einem Einfamilienhaus installiert wird, ist anzeigepflichtig. Und das hilft uns ungemein.

Denis Schuldig, Sachgebietsleiter Mobilität Teag

Wallbox - Ladesäule für Zuhause

Letztlich ist die Meldung Hilfe zur Selbsthilfe, bis elf Kilowatt sind die Boxen auch nicht genehmigungspflichtig, man muss eben nur Bescheid sagen. Und elf Kilowatt reichen pro Haushalt, auch wenn es zwei E-Autos gibt, so Schuldig. Sollten sich dann in einem Gebiet die Boxen häufen, werden die Leitungswächter irgendwann zu dem Schluss kommen, dass da eine neue Leitung verlegt werden muss. Und wir denken da in vielen Jahren, das E-Auto kommt schließlich auch nicht überall sofort.

Elektroauto der TEAG in Erfurt (Mutterkonzern der Thüringer Energienetze) 33 min
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MDR THÜRINGEN - Das Radio Di 14.09.2021 15:40Uhr 32:42 min

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Der Ausbau geschieht möglichst dann, wenn die Straße ohnehin einmal wieder aufgerissen werden muss, denn das ist der teurere Teil der Veranstaltung. Diese Abstimmungen gelingen zwar nicht immer, aber schon wegen der Gesellschafterstruktur der Teag sitzen in Thüringen eigentlich die Betroffenen alle an einem Tisch. Die Teag befindet sich nämlich zu knapp 85 Prozent im Besitz von rund 850 Thüringer Städten und Gemeinden. Das kann beim Ausbau des Thüringer Leitungsnetzes ein großer Vorteil sein. Der zweite Vorteil ist unsere oft ländliche Struktur.

Wir haben es im ländlichen Raum natürlich wesentlich einfacher, über ein Stück grüne Wiese oder einen Acker bei entsprechender Bautiefe etwas zu verlegen als in der Stadt. Da gehört viel mehr Vorplanung dazu und es gibt auch viel längere Genehmigungsverfahren.

Denis Schuldig, Sachgebietsleiter Mobilität Teag

Wie werden wir E-Autos künftig tanken?

Nicht mehr so wie heute. Heute fahren wir gezielt an die Tankstelle und das ein- bis zweimal im Monat, manchmal auch öfter. Das Fahren zur Tankstelle wird zwar auch bei einer weit verbreiteten E-Mobilität noch möglich sein, wird aber ganz sicher unserer Bequemlichkeit zum Opfer fallen. Heute schon sind die Netzbetreiber dabei, das Ladesäulennetz bedarfsgerecht aufzubauen. Der Fehler in den Anfangsjahren war es, die Säulen irgendwo in die Landschaft zu stellen, Hauptsache alle 20 Kilometer steht eine.

Heute denkt man von der Situation des Autofahrers aus, das bedeutet: In Abhängigkeit von der üblichen Standzeit am jeweiligen Ort wird Leistung vorgehalten. Die Schnellladesäule mit richtig Power macht deshalb an der Autobahntankstelle richtig Sinn, bei uns zu Hause nicht. Die Parkplätze in den Wohngebieten werden stückweise mit Ladesäulen versehen, die an die dortigen Parkzeiten angepasst sind.

Ladekabel im Ladesteccker am Auto
Stehen bald an vielen Parkplätzen Ladesäulen? Bildrechte: imago images/teamwork

Der Supermarktparkplatz hingegen braucht schon etwas mehr Dampf. Hier werden Zuleitungen und mitunter auch Fundamente jetzt schon für eventuelle Erweiterungen dimensioniert, die Säulen können dann über die Jahre Stück für Stück folgen. Alles planbar eigentlich, das Problem lauert an anderer Stelle. Man muss mit den Eigentümern der Parkplätze reden - und das sind oftmals nicht die Supermärkte.

Das sind mitunter eher größere Immobiliengesellschäfte bis hin zu Familien, die das besitzen. Da muss man erstmal einen Weg dahin finden, wem gehört das und mit wem muss ich reden. Das ist eine Sisyphusarbeit an der Stelle.

Denis Schuldig, Sachgebietsleiter Mobilität Teag

Alternativen: Wasserstoff oder E-Fuel

Auch die Parkplätze an oder in größeren Firmen oder Behörden haben die Netzbetreiber jetzt schon im Blick, genauso Schnellrestaurants und Tankstellen, wobei diese eigentlich "natürlichen" Ladestationen aktuell nicht den Eindruck erwecken, sich an die Spitze der Bewegung setzen zu wollen. Dazu muss man zunächst wissen, dass eine Tankstelle nur zu 20 Prozent vom Tanken lebt, der "Rest", nämlich 60 Prozent, sind das Shop-Geschäft und circa 20 Prozent die Nebengeschäfte wie Waschanlage, Werkstatt oder Autoverleih.

Die momentane Anzahl von Elektroautos auf unseren Straßen veranlasst in dieser Branche noch niemanden, hektisch zu werden. Im Gegenteil. Für die Branchenvertreter ist der Siegeszug der E-Autos noch längst nicht ausgemacht und man glaubt fest daran, dass sich Alternativen parallel durchsetzen, zumindest auf der Langstrecke.

Dazu zählen eben unter anderem Wasserstoffantriebe - besonders in größeren Fahrzeugen - oder E-Fuels, also synthetische Kraftstoffe. Vorteil hier: Die Logistik ist zumindest in Teilen schon da, die Technologie weit entwickelt, alleine fehlt aus Sicht des Tankstellen-Interessenverbandes der politische Wille.

Die Politik denkt zu kurzfristig und nicht ganzheitlich, da liegt der Hase im Pfeffer.

Herbert Rabl, Sprecher Tankstellen-Interessenverband

Stellen Tankstellen von Benzin auf Strom um?

Dass das die Politik das anders sieht, ist nachvollziehbar. So sind wir Verbraucher also wieder in der Pflicht, uns selbst ein Bild zu machen. Studien und Zahlen zum Thema gibt es reichlich und selbst die Zusammenfassungen sind umfangreich.

Hohentengen am Hochrein, Deutschland - 14. März 2021: Ein Mann tankt an einer Tankstelle sein Auto.
Möglicherweise gibt es bald an der Tankstelle auch Strom für das E-Auto. Bildrechte: imago images/Andreas Haas

Die Tatsache, dass nun quasi überall Tankmöglichkeiten aus dem Boden schießen und die Säule letztlich sogar in der eigenen Garage steht, das beunruhigt die Tankstellen offenbar nicht. Auch, weil man innerhalb kürzester Zeit die Kapazität der Ladesäulen hochfahren könnte, wenn man wollte. Noch will man aber nicht mit Verweis auf die zu geringe Zahl der E-Autos auf der Straße. Auch sind unsere Tankstellen schon immer Meister der Anpassung gewesen und werden es auch künftig sein, egal mit welchem Gefährt wir vorfahren.

Zum Beispiel auf dem flachen Land führt an der kleinen Tankstelle ohnehin kein Weg vorbei. Entweder sie stirbt oder sie ersetzt Metzger, Bäcker und den kleinen Lebensmittellanden. Die kleine Tankstelle ist dann die Tante Emma vor Ort.

Herbert Rabl, Sprecher Tankstellen-Interessenverband

Halten die Netze dem Ansturm wirklich stand?

Wir haben heute einige Reaktionen erhalten, die darauf schließen lassen, dass die Skepsis bei vielen Menschen groß ist. Damit ist oft auch die feste Überzeugung verbunden, dass alle Experten irren und das so niemals funktionieren wird. Nun sind wir Medien in der unangenehmen Situation, die wir schon von Corona kennen, dass wir uns auf die Experten verlassen müssen, die in ihren Bereichen Expertisen haben.

Von daher haben wir uns bei der Akku-Frage unter anderem auf Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts gestützt, die Netzsituation in Thüringen haben wir beim Netzbetreiber, nämlich der Teag erfragt und zudem Tankstellenvertreter um ihre Sicht und die E-Mobilitätsexperten des ADAC um ihre Erkenntnisse bezüglich praktischer Erfahrungen der Autofahrer.

Der ADAC beobachtet die Entwicklung übrigens sehr genau einschließlich der Studien, die unter anderem in Deutschland gemacht werden. Hier zeigt sich beispielsweise, dass die aktuelle Entspanntheit der Thüringer Netzbetreiber angesichts der künftigen Ladesituation kein Phänomen des Freistaates ist.

Die Netze BW in Baden-Württemberg ist ein großer Netzbetreiber und bei zwei Projekten zeigte sich, dass die Gleichzeitigkeit der Ladevorgänge deutlich niedriger ist, als man es ursprünglich erwartet hätte und die Netzüberlastung wohl noch nicht so schnell eintreten dürfte.

Matthias Vogt, E-Mobilitätsexperte ADAC

Und alle denken derzeit in den Zeitspannen, in denen auch die Zunahme der E-Mobilität erwartet wird und wir unsere Netze nebst Energieerzeugung umstellen müssen. Ob das gelingt, auch angesichts der Widerstände beim Ausbau der Windenergie zum Beispiel oder den großen Stromtrassen quer durchs Land, das können wir in 20 Jahren analysieren.

Neue Technologie - neue Stromabnehmer

Allerdings dürfen wir auch nicht so tun, als wäre dies der erste Ausbau der Netze und der Kraftwerkslandschaft in der Geschichte der Glühlampe - wie auch immer sie in der Vergangenheit auch betrieben wurde. Es sind mit jeder neuen Technologie auch neue Stromabnehmer hinzu gekommen und am Ende wird es der Verbraucher sein, der entscheidet, ob das E-Auto so erfolgreich wird, wie von vielen Experten jetzt vorhergesagt.

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22 min

Interview mit Matthias Vogt, E-Mobilitätsexperte des ADAC

MDR THÜRINGEN - Das Radio Di 14.09.2021 15:40Uhr 22:22 min

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Immerhin ist das E-Auto die ältere Erfindung, das erste E-Gefährt holperte schon in den 1830er-Jahren durch schottische Straßen. An dessen Untergang war am Ende auch die menschliche Bequemlichkeit schuld Es war ausgerechnet der elektrische (!) Anlasser, der die kreuzgefährliche Kurbel ersetzte und dem Verbrenner somit zum Durchbruch verhalf. Vielleicht setzt sich am Ende auch diesmal eine ganz andere Technologie durch und vielleicht auch erst wieder in 100 Jahren. Und vielleicht werden wir mit unserem Kabelsalat rückblickend genauso belächelt wie der geschätzte Carl Benz. Der war als Autokonstrukteur zwar ein echter Profi, als Prophet jedoch nur ein Amateur.

Das Auto ist fertig entwickelt. Was kann noch kommen?

Carl Benz um 1920

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 14. September 2021 | 15:40 Uhr

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