Der Redakteur | 15.10.2021 Laborfleisch: Wann gibt's das Schnitzel, für das kein Schwein mehr sterben muss?

Es klingt einerseits wie eine Folge aus einem Science-Fiction-Film und andererseits ziemlich verführerisch. Ich esse ein hochwertiges Schnitzel, für das kein Schwein sterben musste. Es wurde auch nicht tonnenweise Wasser und Futter verbraucht, und auch die Flächennutzung ist nur noch ein Bruchteil von dem, was für das gleiche Schnitzel im Moment nötig ist. Aber auch, wenn das im Laborversuch schon funktioniert hat, bis zur Ladentheke ist es noch ein sehr weiter Weg.

Experiment mit Fleisch
Künstlich gezüchtetes Fleisch - eine Alternative? Bildrechte: imago images/Panthermedia

Bei der Produktion selbst stellt sich zum Beispiel die Frage, wo die Rohstoffe herkommen. Was brauchen wir, um die Zellen, die in den Kulturen gezüchtet werden, überhaupt zu füttern? Was brauchen wir an Zusatzstoffen? Da sind mit Sicherheit Wachstumshormone notwendig, eventuell Antibiotika.

Dirk Zimmermann Biologe und Landwirtschaftsexperte von Greenpeace Deutschland

Spätestens an diesen Stellen bekommt die schöne neue Welt erste Risse. Hormone und Antibiotika sind nun das Letzte, was wir wollen, da wir uns ja nun gerade auf den Pfad der Ökologie begeben haben. Und es kommt noch etwas anderes hinzu. Wir müssen aufhören, nur bis zu unserem eigenen Horizont zu denken.

Der Schriftzug am Greenpeace-Sitz in Hamburg 15 min
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MDR THÜRINGEN - Das Radio Fr 15.10.2021 15:10Uhr 14:45 min

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In wenigen Jahrzehnten wird es 10 Milliarden Menschen geben auf der Erde, die alle satt werden wollen. Gelingt das nicht, gehen wir also egoistisch an die Fragestellung heran, hinterlassen wir schon unseren Kindern oder Enkelkindern ein gesellschaftliches Minenfeld, mit Verteilungskämpfen, Völkerwanderungen und so weiter. Bereits jetzt verbrauchen wir als Menschheit mehr, als die Erde liefert. Und die Top-Verbraucher sitzen in den entwickelten Ländern. Nicht auszudenken, was passiert, wenn alle so großzügig leben würden wie wir.

Ernährungsproblem: Vielfältige Ansätze

Ob da in Bioreaktoren produziertes Fleisch Teil der Lösung ist, das ist fraglich, sagt Dirk Zimmermann. Es ist auch nur ein Ansatz von vielen, die das Ernährungsproblem der Zukunft zu lösen helfen könnten. Diskutiert werden zum Beispiel Algen oder auch - das klingt anderswo lecker - Insekten, die uns unter anderem ordentlich Ausgangsmasse liefern könnten für irgendwelche Endprodukte.

Insekten sind vielleicht effizienter als ein Rind, müssen aber auch gefüttert werden. Und wenn wir das Proteinfutter, das wir diesen Tieren zur Verfügung stellen, selber essen, sind wir natürlich immer effizienter unterwegs.

Dirk Zimmermann Biologe und Landwirtschaftsexperte von Greenpeace Deutschland

Überraschenderweise ist der Greenpeace-Biologe optimistisch, dass uns langfristig der "Ernährungsumbau" gelingt. Das fängt beim veränderten Bewusstsein der Verbraucher an. Der Markt der Fleischersatzprodukte ist stark gewachsen, wobei wir im Moment noch zu sehr auf der Schiene unterwegs sind, ein Ersatzschnitzel essen zu wollen, das genauso schmeckt, wie ein echtes Schnitzel. Das ist schon deshalb bedenklich, weil unsere hochverarbeiteten Lebensmittel nicht wirklich gesund sind.

Fleisch-Ersatzprodukte teilweise ungesund

Momentan stecken in vielen Produkten genau die Grundstoffe drin, die vor einigen Jahren als "Analogkäse" einen riesigen Lebensmittelskandal ausgelöst hatten. Unsere Pizzen wurden mit billigem Käseimitat aus Pflanzenfetten belegt, statt mit richtigem Käse. Heute wird uns das gleiche Zeug gern in veganen Fleischersatzprodukten verkauft und das plötzlich zu richtig saftigen Preisen.

Die Ersatzprodukte können für den Übergang ganz hilfreich sein. Wenn aus einem Chicken-Nugget ein Gemüse-Nugget wird. Besser wäre es aber, das, was in dem Gemüse-Nugget drin ist, nämlich Erbsenprotein, vielleicht direkt als Erbse zu essen.

Dirk Zimmermann Biologe und Landwirtschaftsexperte von Greenpeace Deutschland

Das Interesse der großen Lebensmittelindustrie ist es - so Zimmermann - hochstandardisierte, lagerfähige Produkte auf den Markt zu bringen. Da passt die Erbse nur bedingt ins Bild. Auch deshalb sind Großkonzerne wie Nestlé oder Merck derzeit auf Einkaufstour. Auf deren Einkaufsliste stehen junge Unternehmen auf der ganzen Welt, die sich neuen Lebensmitteltechnologien verschrieben haben. Darunter auch unserem Schnitzel aus der Retorte, das vielleicht eher Hackfleisch werden könnte. Zumindest wenn die Wissenschaftler die Fleisch-Fasern nicht kostengünstig genug dazu bringen können, schön parallel zu wachsen, wie es für Schnitzel nötig wäre.

Laborfleisch 6 min
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Hauptsache gesund Do 15.07.2021 21:00Uhr 06:05 min

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Zellkulturmedium: "Futter" für Kunstfleisch

Wahrscheinlicher sind - statt saftiger Steaks - eher Klopse, vermutet Thomas Herget, der Leiter des Innovation Hub des Pharmakonzerns Merck in den USA. Der Konzern liefert einigen Startups, die in diesem Bereich unterwegs sind, quasi das Futter. Also das, was die Zellen zum Wachsen brauchen. Diese Zellkulturmedien bestehen aus bis zu 100 Stoffen wie Zuckermolekülen, Salzen, Aminosäuren und Spurenelementen. Und auch die müssten dann in die Massenproduktion gehen.

Vorher müssen noch die Zulassungsbehörden überzeugt werden - das ist bisher nur in Singapur gelungen - und letztlich auch die Verbraucher. Denn selbst wenn es lecker und vernünftig wäre, so hinterlässt das "Kunstschnitzel" doch ein ungutes Gefühl. Aber das hat man auch, wenn man in eine lecker gegrillte Heuschrecke beißt. Die Wissenschaftler sind da emotionsloser unterwegs. Forscher der Universitäten Amsterdam und Oxford haben hochgerechnet, wie sich Laborfleisch im Vergleich zu konventionell erzeugtem europäischem Fleisch auf die Umwelt auswirken würde.

Wissenschaftler: Kunstfleisch würde Emissionen senken

Das Ergebnis: Die landwirtschaftlichen Treibhausgasemissionen würden um 78 bis 96 Prozent sinken, wir bräuchten nur noch ein Prozent der bisherigen Fläche und auch der Wasserverbrauch würde um circa 90 Prozent sinken. Aber das sind natürlich theoretische Werte, denn das setzt einen radikalen Umbau voraus. Und der müsste auch weltweit geschehen, wenn das ein Beitrag zur Klimarettung sein soll. Und wenn es der Verbraucher nicht kauft, wird daraus ohnehin nichts oder das Kunstfleisch zum Nischenprodukt. Erste Begegnungen an der Kühltheke könnte es in fünf oder zehn Jahren geben, so die Prognosen von Branchenvertretern. Doch woher der Speck oder der Schweinebauch für die Bratwurst herkommen soll, das ist noch gar nicht geklärt.

Quelle: MDR THÜRINGEN/ls

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 15. Oktober 2021 | 15:40 Uhr

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