Der Redakteur | 14.12.2021 Warum darf ein Gefahrgutlaster durch den Jagdbergtunnel fahren, aber nicht durch den Rennsteigtunnel?

Dominik aus Ohrdruf fährt einen Tanklastzug und darf auf der A71 nicht durch die Tunnel fahren. Diese sind für Gefahrgut-Lkw gesperrt. Anders als der Jagdbergtunnel auf der A4. Das bedeutet: Statt durch den Rennsteigtunnel gehts bei Wind und Wetter über die Berge und durch die Dörfer im Thüringer Wald. Er fragt sich: Ist das klug?

Stolze 1.228 Seiten lang ist das "Übereinkommen über die internationale Beförderung gefährlicher Güter auf der Straße", kurz ADR. Darin kommt so ziemlich jede Substanz vor, die von A nach B transportiert werden könnte und am Ende auch mal durch einen Tunnel muss. Oder müsste.

Unsere Tunnel sind eingeteilt in Tunnelkategorien von A bis E und jeder Substanz ist ein Tunnelbeschränkungscode zugeordnet und wenn dieser auch A bis E wäre, könnte sogar der Laie das System durchschauen. Dem ist aber nicht so. Die Tunnelbeschränkungscodes heißen nämlich auch B1000C oder B/E, somit belassen wir es bei der Information, dass die Tunnel der Tunnelkette auf der A 71 in "E" klassifiziert sind.

Das bedeutet laut Thüringer Infrastrukturministerium und Autobahn GmbH: Hier darfst du nicht rein, wenn du gefährliche Güter transportierst. Dazu gehört so ziemlich alles, was knallt und stinkt und explodieren oder brennen kann. Das macht auf den ersten Blick auch Sinn, auf den zweiten Blick ist man aber auch bei unserem Lkw-Fahrer Dominik aus Ohrdruf, der sich mit seinem Tanklastzug durch Dörfer und über Berge quälen muss.

Gefahrgut schnell runter von der Autobahn

"Umfahrungsstrecke" heißt das im Amtsdeutsch, diese ist auch ausgeschildert und somit werden die Gefahrguttransporte direkt von der Autobahn geleitet. Wenn hier bei trockener Fahrbahn noch die Sonne scheint, kann das aber ein trügerischer Irrtum sein. Denn es kommt im Winter nicht selten vor, dass sich die Fahrbahnverhältnisse innerhalb weniger Kilometer und Minuten komplett ändern.

Zum Beispiel, weil es schneit. Das heißt: Die Lkw-Fahrer müssen eigentlich hellseherische Fähigkeiten haben und das am besten schon beim Start. Beispielsweise in Leuna. Dort also, wo das Benzin produziert wird, das ins Fränkische soll oder zu einer Tankstelle in Hildburghausen. Selbst bei einem Zielort im Thüringer Wald wäre es eigentlich klug, so lange wie möglich auf der Autobahn zu fahren und nicht über die Dörfer. So sehen es zumindest die Fahrer und auch der Gefahrgutverband Deutschland e.V.

Wir sind uns bewusst, dass diese Entscheidung nicht nur Zustimmung findet, gerade nicht in der Branche der Gefahrguttransporte. Daher stößt die Klage über längere Umfahrungsstrecken über den Thüringer Wald auch bei uns auf ein gewisses Verständnis.

Aus dem Schreiben des Thüringer Infrastrukturministeriums

Gefahrgut-Lkw müssen bei Schnee stehen bleiben

Der Gesetzgeber macht es sich da übrigens recht einfach: Laut StVO dürfen Gefahrgut-Lkw bei Schnee und Glätte gar nicht mehr fahren. Ende der Durchsage. Sich in Luft aufzulösen geht aber auch nicht und schon sind die "liegengebliebenen Lkw" Teil des Verkehrsservice, obwohl sie gerade noch bei Sonnenschein die trockene Autobahn verlassen haben.

Und gerade die Tanklastzüge mit Flüssigkeiten haben es in sich und fahren sich nicht so gutmütig, wie sie aussehen. Selbst mit Winterreifen sind die Grenzen der Physik schnell erreicht und oft kann dann nur der Winterdienst helfen mit Räumen und Streuen. Das kann auch mal dauern, dann gibt es ein Lenkzeiten-Problem und parken darf so ein Gefahrguttransporter auch nicht überall. Und schon gar nicht nachts und unbewacht. Der eigentlich nur auf einer Tagestour befindliche Fahrer muss nun gleichzeitig schlafen und um seinen Lkw laufen. Willkommen in der Praxis.  

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MDR THÜRINGEN - Das Radio Di 14.12.2021 16:20Uhr 13:06 min

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Wer hat eigentlich festgelegt, dass die Tunnel gesperrt sind?

Laut Infrastrukturministerium hat sich seit 2010 der Lenkungskreis "Gefahrguttransporte durch Thüringer Tunnel" mehrfach mit der Zulässigkeit von Gefahrguttransporten durch die Tunnelkette beschäftigt, im Ergebnis wurde die Kategorisierung "E" und damit die Sperrung für Gefahrgüter bestätigt. Vor allem der Rennsteigtunnel hat den Ausschlag gegeben, schon seiner Länge wegen.

Wenn man nur den Verkehr betrachtet, wäre sogar eine Öffnung für Gefahrguttransporte möglich, schreibt das Infrastrukturministerium. Aber dafür müsste die technische und personelle Ausstattung der Tunnelfeuerwehr, die sich in der Trägerschaft der Stadt Suhl befindet, in einem so erheblichen Maße erweitert werden, dass sie in keinem wirtschaftlichen Verhältnis zum vorhandenen Gefahrgutaufkommen steht.

Mittels Gutachten wurden auch die Restrisiken verglichen, also Tunneldurchfahrt und Umfahrungsstrecke über die Berge. Zuletzt 2016 im Auftrag des damals noch zuständigen Thüringer Verkehrsministeriums. Ergebnis: Die maximalen Schadensausmaße auf der Umfahrungsstrecke liegen deutlich unter denen der Tunnelstrecke. Seit 2021 ist nun der Bund für den zuständig, bzw. die Autobahn GmbH, die aber darauf hinweist, dass die Gefahrenabwehr weiterhin Sache des Landes ist. Und da sind wir wieder bei der Feuerwehr.

Ginge es nicht auch anders?

Für eine Antwort müssen wir gar nicht so weit fahren. Genau genommen nur bis Jena und durch den Jagdbergtunnel der A4. Hier wurde auch ein Gutachten erstellt und abgewogen, wie klug es ist, die Gefahrguttransporte durch Jena zu schicken. Es wurde nicht für klug befunden und für gefährlicher als die Tunneldurchfahrt (!), also fahren die Lkw einfach so durch den Tunnel.

Allerdings hat der Jagdbergtunnel zwei Vorteile, die letztlich den Ausschlag gaben. Er ist breiter, drei statt zwei Spuren je Röhre und er hat eine Druckluftschaum-Löschanlage, die in 75-Meter-Abschnitten aktiviert werden kann. Die Anlage war zwar noch nicht bei einem Gefahrguttransporter im Einsatz, aber bei einem Lkw-Brand 2016 und einem Pkw-Brand 2017.

Eröffnung der Nordröhre des Jagdbergtunnels bei Jena in Richtung Westen.
Der Jagdbergtunnel: Hier ist die Durchfahrt für Gefahrenguttransporte möglich. Bildrechte: MDR/Jörg Thiem

Der Gefahrgutverband Deutschland weist darauf hin, dass die Tanks eine Menge aushalten und der Knackpunkt eher brennende Reifen sind. Die Fahrer würden grundsätzlich lieber durch die Tunnel fahren als über die Berge, weil es sicherer ist, auch ohne Schnee und Eis.

Trotzdem wird sich an der Situation auf der A71 so bald nichts ändern, der Einbau einer Löschanlage zum Beispiel wäre so ein Punkt, kostet aber Millionen, mindestens im zweistelligen Bereich. Eine neue Überprüfung bzw. Risikoanalyse wird durchgeführt, wenn sich wesentliche Eingangsdaten oder sich das Bewertungsverfahren geändert haben, schreibt die Autobahn GmbH. Hoffentlich entstammen diese "Eingangsdaten" nicht der Unfallaufnahme in einem kleinen Ort im Thüringer Wald.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 14. Dezember 2021 | 15:10 Uhr

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