Der Redakteur | 24.11.2022 Wie altern wir gesünder?

Sprüche und Volksweisheiten gibt es genug zum Thema Altern. Es sei nichts für Feiglinge und die neue 30 spielt auch eine große Rolle. Doch was ist dran an der allgemeinen Volksverjüngung und wie bleiben wir auch im hohen Alter fit?

Ein deutsches Kompetenzzentrum zum Thema Altern ist das Leibniz-Institut für Alternsforschung - Fritz-Lipmann-Institut (FLI). Lipmann war ein deutsch-US-amerikanischer Biochemiker und Nobelpreisträger und die nach ihm benannte Forschungseinrichtung beschäftigt sich mit der biomedizinischen Erforschung des menschlichen Alterns. Deswegen Alternsforschung, es geht also um den Prozess des Älterwerdens, der von genetischen Faktoren und durch die Umwelt beeinflusst wird. Prof. Christoph Englert beschäftigt sich mit Einfluss der Gene auf das Altern und sagt, dass diese quasi den Rahmen vorgeben, während wir mit unserer Lebensweise beeinflussen, ob wir den Rahmen auch ausschöpfen können und in welchem Fitnesszustand.

Geht Alternsforschung ohne Tierversuche?

Die klare Antwort ist nein. Da irgendwie alle "tierischen" Lebewesen auf den gleichen Ursprung zurückgehen, gibt es große Ähnlichkeiten in unseren Genen mit denen von Tieren. Egal ob Fadenwurm, Fisch oder Maus, sie alle altern so ähnlich wie wir und was wir dort beobachten, das lässt sich häufig auch auf den Menschen übertragen. Die Forscher in Jena wollen helfen, das Altern zu verstehen, um die damit verbundenen Widrigkeiten zu reduzieren.

Warum lässt zum Beispiel die Regenerationsfähigkeit von Organen wie der Niere nach? In der Folge müssen Menschen irgendwann zur Dialyse oder brauchen eine Spenderniere. Das muss man doch ändern können! Welche Prozesse stecken hinter Herzerkrankungen, Diabetes oder Krebs? Wo ist der "Schalter", den man umlegen muss? In welchen Signalwegen, Molekülen oder Genen steckt der Schlüssel, mit dessen Hilfe sich die Krankheit gar nicht erst entwickelt? Es geht den seriösen Alternsforschern also nicht darum, das Leben künstlich zu verlängern, sondern es bis ins hohe Alter lebenswert zu gestalten.

Die Vision ist es, dass man dem Menschen eine längere Phase der Gesundheit ermöglicht.

Prof. Christoph Englert, Genetiker, Leibniz-Institut für Alternsforschung Jena

So hat der Fadenwurm rund 13.000 Gene und wir doppelt so viele, aber es gibt viele Gene beim Fadenwurm, die ihre Entsprechung bei uns haben. Und das gilt auch für die Fische. Mit diesem Wissen können die Forscher mit genetischen Werkzeugen Gene verändern, sie zerstören, ausschalten, einschalten und dann eben sehen, wie es dem Fadenwurm ergeht.

Fadenwurm, Nematode (Nematoda)
Fadenwurm Bildrechte: imago/blickwinkel

Dass solche Experimente am Menschen nicht möglich sind, versteht sich von selbst. Für jedes Experiment an einem Wirbeltier muss ein Tierschutzantrag gestellt und auch belegt werden, in welchem Verhältnis ein mögliches Leiden des Tieres zu dem Erkenntnisgewinn steht, so Prof. Englert und am Ende gibt es eine Genehmigung oder nicht. Beim Fadenwurm ist es da deutlich einfacher.

Sind die Alten heute "jünger"?

Dass wir uns jünger fühlen als die Vertreter der gleichen Altersgruppen vor Jahrzehnten, hat mehrere Ursachen. Wir spüren das Altern weniger, weil wir uns gesünder ernähren (wenn wir es denn tun), sind in unserer Informationsgesellschaft stärker eingebunden in das Leben, gehen praktisch mit der Zeit und setzen uns mehr mit neuen Dingen auseinander. Das hält den Geist fit. Hinzu kommt eine bessere medizinische Versorgung, bei der auch  Impfungen eine große Rolle spielen und wir gehen körperlich nicht täglich an unsere Grenzen und darüber hinaus. Zum Beispiel auf dem Bau oder als Möbelpacker.

Insgesamt war das Arbeitsleben früher härter als es heute ist.

Prof. Christoph Englert, Genetiker, Leibniz-Institut für Alternsforschung Jena

Technische Errungenschaften wie die Ladebordwand, die man absenken kann, der Lkw mit Kranarm die Möbelaufzüge für Umzugsunternehmen und die ergonomischen Sitze im Büro sorgen dafür, dass sich der Durchschnittsarbeiter die Knochen weit weniger ruiniert als früher. In der Summe - das zeigen Statistiken aus den vergangenen 150 Jahren - steigt die Lebenserwartung pro Jahr um etwa drei Monate an. Das führt dazu, dass die Säuglinge von heute die 100-Jährigen von morgen sind. Der Alternsforscher Prof. Englert ist nicht nur als Präsident des Hochschulsportvereins der Uni Jena sportlich aktiv und stellt bei den Wettkämpfen fest: In den hohen Altersklassen der Ü60, Ü70 und Ü80 gibt es zunehmend mehr Teilnehmer. Also der Schluss, dass es heute mehr Leute gibt, die im höheren Alter fit sind, der ist korrekt.

EIn älterer Mann auf einem Gymnastikball
Sport im Alter hält fit (Symbolbild) Bildrechte: imago images/Westend61

Was kann man selbst für gesundes Altern tun?

Die meisten Dinge sind bekannt: gesunde Ernährung, Bewegung, Verzicht auf Drogen aller Art, frische Luft, das seelischen Gleichgewicht, ein überwiegendes Glücksempfinden im privaten und beruflichen Umfeld und auch Vorsorgeuntersuchungen. Gern vergessen werden hier oft die Ohren. Dabei ist der schleichende Hörverlust nicht nur kommunikativ ein Problem. HNO-Arzt Dr. Bernhard Junge-Hülsing vom Berufsverband der HNO-Ärzte rät zu Hörtests ab 50 und wenn dafür ein Angebot eines Hörgeräteakustikers angenommen wird, ist das besser als nichts. Denn es gibt neben der drohenden Vereinsamung auch noch die Aspekte Demenz und Sturzgefahr, die mit dem Hörverlust einhergehen. Gebrochene Hüften und Oberschenkelhälse sind oft der Anfang für einen zunehmenden körperlichen Verfall. Das rechtzeitig verordnete Hörgerät kann da vorbeugen.

Leute, die schlecht hören und zu spät Hörgeräte nehmen, werden im Durchschnitt vier Jahre früher dement und stürzen sechs Mal häufiger.

Dr. Bernhard Junge-Hülsing, Berufsverband der HNO-Ärzte

Bei allem was man für sich tut: Prof. Englert legt großen Wert auf den Hinweis, es an keiner Stelle zu übertreiben. Da sind wir übrigens auch gleich bei Haltungs- und Augenschäden durch die extreme Nutzung von Smartphone und Co. Das Maß ist wichtig. Dauerhaft Wind und Wetter ausgesetzt zu sein, kann genauso zu viel des Guten sein, wie der Marathon oder der tägliche Besuch im Fitnessstudio.

Eine Hör-Akustiker passt ein Hörgerät an. 5 min
Bildrechte: Colourbox.de
5 min

HNO-Arzt Dr. Bernhard Junge-Hülsing vom Berufsverband der HNO-Ärzte rät zu Hörtests ab 50. Im Interview mit Thomas Becker erklärt er, wie wichtig Hören im Alter ist.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Fr 25.11.2022 16:50Uhr 04:39 min

https://www.mdr.de/mdr-thueringen/audio-interview-hno-arzt-bernhard-junge-huelsing-100.html

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Wie die Rente alt macht

Auch beim Eintritt ins Rentenalter wird viel falsch gemacht. Künstler werden oft belächelt, wenn sie im hohen Alter noch Memoiren schreiben und auf Lesetour gehen oder gar mit über 70 noch "Wetten dass...?" moderieren. Aber das ist alles besser als die Couch. Nicht nur die Alternsforscher beobachten - überspitzt formuliert - eine Spontanvergreisung bei vielen, die von Tempo 100 quasi auf null herunterbremsen. Wer keine Aufgabe mehr hat, altert rasant.

Vor diesem Hintergrund sollten wir auch die Debatte um das Renteneintrittsalter führen, fordert der Genetiker Prof. Englert. Zudem müssen wir als Gesellschaft auch dringend für ein positiveres Bild des Alterns sorgen und mehr in Richtung Erfahrung und Wertschätzung denken. Asiatische Kulturen sind da besser aufgestellt. Auch wenn die Haare grau werden und die Falten tiefer, können alte Menschen durchaus noch etwas leisten und das sollten wir einerseits annehmen und andererseits auch einfordern.

Auch mit 80 kann ein Mensch noch Bilder malen, komponieren, eine Sprache lernen, Enkeln bei den Hausaufgaben helfen oder schlicht noch etwas arbeiten. Auch wenn die Leistungsfähigkeit natürlich nicht mehr die eines 20-Jährigen ist, so ist auch ein 80-Jähriger noch leistungsfähig, wenn er nicht den Fehler macht und es abreißen lässt mit dem Eintritt ins Rentenalter. Und es geht dabei nicht um "Beschäftigungstherapien", sondern eine anspruchsvolle Tätigkeit, Kontakte mit Gleichgesinnten oder ein anspruchsvolles Hobby, das man sich übrigens rechtzeitig suchen sollte und dann im Rentenalter auch fortführen kann.

Das Wegfallen einer sinnvollen Aufgabe ist wirklich eine der größten Beschleunigungen, die uns ins Altern und ein bisschen in die Gebrechlichkeit schicken.

Prof. Christoph Englert, Genetiker, Leibniz-Institut für Alternsforschung Jena

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 24. November 2022 | 16:41 Uhr

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