Der Redakteur | 02.12.2021 Welche Funktion hatte der Gummistreifen am Autoheck?

Michael Fritsche aus Meiningen fragt: "Die Autos hatten früher hinten immer diese Gummistreifen, die am Boden schliffen. Ich möchte gern wissen, ob die überhaupt irgendeinen Effekt hatten und wie gefährlich elektrostatische Aufladungen eigentlich sind."

Abgas kommt aus einem Auto im morgendlichen Berufsverkehr auf der Corneliusstraße
Dieses Auto fährt auch ohne Gummistreifen am Heck. Bildrechte: dpa

Sie waren klein, dünn und meist schwarz, hingen an den Stoßstangen vieler Autos und hatten offenbar magische Kräfte. Dazu gehörte das Ableiten elektrostatischer Aufladungen, der Radarstrahl des Blitzergerätes sollte gestört werden und besonders im Osten haftete die Öl-Schmutz-Pampe besser, die wir uns als Rostschutz unter den Trabi geworfen haben. Hieß es.

In einem Spiegelartikel aus dem Jahre 1967 wurde der Hersteller Continental zu seinem Verkaufsschlager befragt, dessen Produktionskapazität wegen der großen Nachfrage erhöht werden musste, aber dessen man sich sonst eher schämte.

Über die Wirkung der schleifenden Gummis möchten wir uns nicht weiter äußern - jedenfalls haben sie nicht die Wirkung, die man ihnen zuschreibt.

Sprecherin Continental Spiegel, Ausgabe 45/1967

Funktion unklar

Heute gibt es die Schleppgummis auch aus Metall und im Internet und das zusätzlich mit dem Versprechen, die Geräusche bei Mobilfunktelefonen zu beseitigen und den Ton von Radio und Fernseher (!) zu verbessern.

Während man früher mit 3,60 DM dabei war, kosten die Edelausführungen heute an die 5 bis 10 Euro. Aber brauchen wir so etwas überhaupt?

Nein. Denn die wichtigste Aufgabe, die sie haben könnten, die erledigen schon immer die Reifen. Früher übrigens sogar noch besser, denn die Reifenmischung enthielt sehr viel Ruß und der sorgte eigentlich für eine ganz gute Ableitung etwaiger elektrostatischer Aufladungen.

Ein Autoreifen
Die Reifen sind nicht nur zum Fahren da. Bildrechte: Colourbox.de

Für elektrische Bauteile können die durchaus kritisch sein und ein Funke beim Aussteigen an der Tankstelle ist zwar nicht sehr wahrscheinlich, aber auch nicht völlig ausgeschlossen.

Das "Erden" übernimmt der Reifen

Deshalb gehört das Erden sozusagen zu den Kerneigenschaften eines modernen Reifens, der aber leider statt Ruß auf der Kontaktfläche heute viel Silica enthält, das ist das Kieselgel, das wir aus den kleinen Tütchen in Elektrogeräte-Verpackungen kennen. Es sorgt im Reifen für noch bessere Griffigkeit, besonders bei Nässe. Unangenehmer Nebeneffekt: Der Reifen ist nicht mehr sonderlich gut leitfähig.

Nun könnte das Schwänzchen wieder ins Spiel kommen, nur das ist wegen seiner hohen Abnutzung, seiner Neigung zum Abheben und seiner geringen Kontaktfläche nicht sonderlich geeignet. Also löst man das Problem lieber, indem man den Ruß im Reifen über dessen Schornstein auf die Straße bringt. Wie bitte?

Eine Produktionshalle von außen mit dem Schriftzug Continental. 9 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
9 min

Andreas Schlenke ist Reifen-Entwickler bei Continental. Mit ihm haben wir uns über die kleinen "Gummischwänzchen" unterhalten. Kennt er ihre Funktion?

MDR THÜRINGEN - Das Radio Do 02.12.2021 15:00Uhr 09:04 min

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Unterhalb der Hochgriff-Mischung befindet sich die Base, also die Basis, die viel Ruß enthält und meist in der Mitte des Reifens nach oben gezogen wird mit dem sogenannten Schonstein. Sie stellt sicher, dass ein leitfähiger Kontakt zum Untergrund besteht.

Andreas Schlenke Reifenentwicklung Continental

Demnächst: Reifen aus Löwenzahn

Es gibt also praktisch eine schmale "Rußspur" in der Reifenmitte, die das elektrostatische Problem löst. Ein Reifen ist also viel mehr als nur schwarz und rund. Und dass mit diesem "Schornstein" die Reifenentwicklung zu Ende ist, das verneinen die Entwickler vehement.

Der nächste Entwicklungsschritt hätte beinahe den Zukunftspreis des Bundespräsidenten bekommen. Biontech hatte hier am Ende die Nase vorn. Und zwar vor einem Reifen, der kein Kautschuk mehr aus dem Kautschukbaum enthält. Denn dieser muss aufwändig aus Asien importiert werden.

Auf einer Wiese blüht Löwenzahn
Künftige Reifen setzen auf Kautschuk aus einheimischem Löwenzahn. Bildrechte: Colourbox.de

Künftige Reifen setzen auf Kautschuk aus einheimischem Löwenzahn. Erste Fahrradreifen gibt es schon, Autofahrer müssen sich noch sechs bis sieben Jahre gedulden. Schwarz bleiben die Reifen aber trotzdem. 

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 02. Dezember 2021 | 15:00 Uhr