Der Redakteur | 09.09.2021 Was machen die Alarm-Instrumente?

Der zweite Katastrophenwarntag, der für dieses Jahr geplant war, wurde auf 2022 verschoben. Irgendwie sind die Systeme noch nicht testbereit. Wie ist aber der Stand in Thüringen bei Sirenen, Alarmketten und dem Cell-Broadcasting, also der gezielten lokalen Alarmierung per SMS?

Sirene auf einem Dach
Sie scheinen zunächst altmodisch, wurden vielerorts abgebaut - und sind nun wieder als robustes Warnmittel mit großer Reichweite im Gespräch. Bildrechte: dpa

Der erste Katastrophen-Warntag 2020 war selbst eine Katastrophe. Ungenügende Kommunikation in der Vorbereitung führte dazu, dass zu viele Leute gleichzeitig auf ihre Alarmknöpfe drückten. Die Systeme waren überlastet, Warn-Apps wie NINA, KATWARN oder BIWAPP lösten viel zu spät Alarm aus, Sirenen funktionierten nicht oder fehlten ganz und letztlich wusste ohnehin kaum jemand, was er im Falle eines solchen Alarms eigentlich nun genau machen soll.

So gesehen war der Warntag dann doch ein voller Erfolg, zeigte er doch die Schwächen unserer Systeme gnadenlos auf. Leider warten die Unwetter und andere Katastrophen wie die Explosion in Leverkusen nicht, bis wir fertig werden. Möglicherweise sind durch diese Schwächen unseres Systems Menschen zu Schaden oder gar zu Tode gekommen.

Durcheinander in Flutgebieten

Und die Schwächen fangen bereits im Alltag an, in dem wir mit "Breaking News" und Unwetterwarnungen zugeschüttet werden und irgendwann nicht mehr sensibel genug sind, um in wirklichen Gefahrensituationen den Ernst der Lage zu erkennen. Das war eines der Probleme in den Flutgebieten von Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. Teilweise wurde die Bevölkerung vor Ort gar nicht gewarnt, weil die Informationen in den Alarmketten an irgendwelchen Stellen steckengeblieben waren, teilweise kamen die Warnungen zu spät. Aber es gab eben auch Berichte, dass Lautsprecherdurchsagen oder warnende Feuerwehrleute, die durch die Straßen liefen, leichtfertig oder gar renitent ignoriert wurden, also im Stile "wir sind ein freies Land, ich bleibe hier sitzen."

Es ist ja eigentlich (fast) alles schon da

Gut ist, dass wir nicht alles neu erfinden müssen. Die Alarmketten sind vorhanden, die Sirenen sind erfunden – sogar moderne digitale mit Lautsprecherfunktion – die Apps sind programmiert und auch das vielleicht noch zielgenauere Cell Broadcast wird in anderen Ländern schon seit Jahren genutzt. Auch gibt es bereits ein System, das man als Herzstück bezeichnen kann. MoWaS, das Modulare Warnsystem des Bundes, das sowohl über Satellit als auch kabelgebunden Warnmeldungen empfängt, verteilt und ausgibt. Auch wenn der Strom ausfällt.

Der Bereich Auslösung umfasst die MoWaS-Sende- und Empfangssysteme in den Lagezentren von Bund und Ländern sowie in den angeschlossenen Leitstellen der unteren Katastrophenschutzbehörden (in der Regel Landkreise und kreisfreie Städte).

Website MoWaS

Zu den Einspeisenden gehört beispielsweise auch der Deutsche Wetterdienst, der direkt angebunden ist. Er hatte bei dem verheerenden Hochwasser vor wenigen Wochen auch mit viel Vorlauf und eindringlich gewarnt. An welchen Stellen dann die Meldungen versickert sind, das ist aktuell auch Teil staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen.

Comeback für Sirenen und SMS

Neben den "Einspielwegen" gibt es auch "Ausspielwege". Das sind eben zum Beispiel Sirenen, Radio- und TV-Sender, die Warnapps oder in hoffentlich naher Zukunft die guten alten SMS. Diese schienen genauso wie die Sirenen etwas aus der Zeit gefallen, doch beide zusammen könnten einen sehr wirksamen Beitrag leisten, gerade wenn es um lokal begrenzte Ereignisse geht. Das kann ein Starkregen sein, ein Chemieunfall oder ein Brand mit gefährlicher Rauchentwicklung. Die Sirene wäre dann zunächst für den "Weckruf" zuständig. Zuständig für Errichtung und Betrieb der Sirenen sind übrigens die Kommunen. Sie entscheiden letztlich, wo eine Sirene installiert wird.

Wir wissen, dass es ca. 2300 Sirenen in Thüringen gibt. Die sind unterschiedlich verteilt. Es gibt Gemeinden, die haben keine Sirenen und es gibt Gemeinden, die haben flächendeckend für das gesamte Gemeindegebiet eine Sirenenabdeckung.

Christoph Wettengl, Referat Katastrophenschutz Thüringer Innenministerium

Experten gehen davon aus, dass in Thüringen ungefähr die Hälfte der Bevölkerung durch eine Sirene gewarnt werden kann. Das bedeutet auch: Die andere Hälfte erreichen wir noch nicht. Um das zu ändern, haben die Länder und neuerdings auch der Bund Förderprogramme aufgelegt. Hier können die Kommunen Mittel abrufen, denn alleine die Errichtungskosten für eine Sirene liegen je nach Ausstattung im Bereich eines Kleinwagens. Thüringen hat das Förderprogramm schon zu Jahresbeginn aufgelegt, was den Kommunen einen kleinen Zeitvorteil bringt, so Wettengl. Das ist insofern von Relevanz, dass die Zahl der Firmen, die Sirenen installieren, natürlich endlich ist und die Zahl der Hersteller auch.

Cell Broadcast – Wiedergeburt der alten SMS?

Die Organisation des sogenannten Cell Broadcast, auch SMS-CB genannt, ist eine Aufgabe des Bundes und zuvor des Gesetzgebers, weil das Telekommunikationsgesetz angepasst werden muss. Ziel ist es, letztlich alle Mobiltelefone zu erreichen, die sich in einer bestimmten Funkzelle befinden. Die Technologie ist sehr einfach strukturiert und gilt deshalb auch als sehr robust.

Ängstlichen Datenschützern sei gesagt, dass eine Cell-Broadcast-Nachricht ein sogenannter unbestätigter Push-Dienst ist, für den Verteiler "senden an alle" werden die Handynummern nicht benötigt. Allerdings weiß man hinterher auch nicht, wer die Nachricht tatsächlich empfangen hat. Dieses System soll künftig die moderneren Warnapps ergänzen. Ein wichtiger Bestandteil des Systems bleiben die etablierten Medien wie Radio und Fernsehen. Wir bekommen im Landesfunkhaus regelmäßig Testmeldungen auf unsere Bildschirme, die wir mit einem Klick bestätigen müssen. Das ist quasi ein "Katastrophenwarntag" im Kleinen. Im Ernstfall würden wir zum Beispiel das Radioprogramm sofort unterbrechen und die entsprechende Meldung verlesen, so wie es beispielsweise immer wieder bei Falschfahrern geschieht.

Wichtig ist, dass es einen Mix aus Warnmitteln gibt, auch digitale Anzeigetafeln können beispielsweise mit Warnmeldungen bespielt werden.

Christoph Wettengl, Referat Katastrophenschutz Thüringer Innenministerium

Trotzdem sollten wir die menschlichen Komponenten nicht vergessen, nämlich auch die Nachbarin informieren, die möglicherweise die Sirene nicht gehört hat und auch sonst nicht auf allen Kanälen unterwegs ist.

Warum gibt es keine einheitlichen Warnstufen – wie eine Warnampel?

Dieser Wunsch ist verständlich, allerdings sind die möglichen Gefahren so vielfältig und einige Warnstufen in verschiedenen Bereichen auch bereits seit Jahren etabliert. Das macht es schwierig, das über eine einfache Ampel zu lösen, nach dem Motto: "Gefahrstufe rot, bringe dich in Sicherheit", was auch immer das dann bedeutet soll. Schon Waldbrandwarnstufen und Hochwasserwarnstufen nebst passender Handlungsanweisungen sind nur schwer aufeinander abzustimmen. Es kann noch nicht einmal eine einheitliche Empfehlung bei Starkregenereignissen geben.

Wenn ich bei einem Starkregenereignis sage: ‚Suchen Sie einen höher gelegenen Ort auf‘, kann es in einem topografisch ungünstigen Gelände sein, dass das genau der falsche Ort ist.

Christoph Wettengl, Referat Katastrophenschutz Thüringer Innenministerium

Weil das – wie anderes auch – nur vor Ort und nicht im fernen Berlin richtig eingeschätzt werden kann, ist MoWaS eben auch mit regionalen Eingängen ausgestattet, die logischerweise mit einem hohen Verantwortungsbewusstsein genutzt werden müssen. Und das mit dem Verantwortungsbewusstsein gilt übrigens auch für die, die letztlich damit gewarnt werden sollen. "Die da oben" in Erfurt oder Berlin werden sich eben nicht von sich aus kümmern, wenn es darum geht, im Dorf wieder eine Sirene zu platzieren. Das könnte aber ein Thema sein bei der nächsten Einwohnerversammlung.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 09. September 2021 | 16:40 Uhr

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